Risiko: Zu schnell, zu hoch, zu weit
Zu schnell, zu hoch, zu weit. Bei der Raserei der Risiko-Ritter ist das hehre olympische Motto vom bloßen Dabeisein längst Träumerei.

Auch in den Hochgeschwindigkeits-Disziplinen auf Eis und Schnee zählt nur noch, was sich auszahlt: Spektakel, Rekorde, Dramen und immer einen Tick schneller sein als der schnellste Rivale. Siegen ist alles! Denn der Zweite ist schon der erste Verlierer. Das lebensgefährliche Tempo gehört zum Spiel, und telegen muss es auch noch sein.
Die Maschinerie «Olympia» duldet keine Fehler im System. Die Show muss weitergehen - da wird selbst die Zeit für Trauerarbeit knapp: Am Tag nach dem tödlichen Trainingsunfall des georgischen Rennrodlers Nodar Kumaritaschwili gingen die Olympia-Macher der Winterspiele in Vancouver wieder zur Tagesordnung über. Business as usual.
24 Stunden nach dem Unfalltod des 21-Jährigen wurde in der Bob- und Rennschlittenbahn im Whistler Sliding Center bereits wieder trainiert. Zu ihren ersten beiden von vier Läufen starteten die Männer-Einsatz 170 Meter weiter talwärts - vom Damen-Start. Der Rodel-Weltverband FIL reagierte mit einem halbherzigen Bekenntnis zur Sicherheit. «Die Bahn ist schnell, aber nicht zu schnell und damit unsicher», erklärte FIL-Präsident Josef Fendt. Für den Bayern war der schwarze Freitag «der schlimmste, traurigste Tag in der olympischen Geschichte für den internationalen Verband».
Den letzten tödlichen Rodel-Unfall gab es vor 35 Jahren. Doch nicht nur im Eiskanal rasen Rodler und Bobpiloten bald auf eine irdische Schallmauer zu. Gold-Hoffnung Felix Loch hält mit unglaublichen 153,98 km/h den offiziell gemessenen Tempo-Weltrekord. Und auch die Alpinen stürzen sich auf blankem Eis ins Tal des Ungewissen: Bei der «Schussfahrt nach Wengen» erreichen die besten Abfahrer Tempo 150.
Auch für Stephan Keppler eine Gratwanderung. Der deutsche Speed- Spezialist, der in Whistler seine Olympia-Premiere feiert, hält den alpinen Rennsport für gefährlicher als die Formel 1. «Wir haben einen Rückenprotektor und einen Helm», allerdings fehle bei Unfällen die «Knautschzone. Deshalb sind Sturzräume, Zäune und Netze so wichtig. Trotzdem gibt es keine hundertprozentige Sicherheit», hatte Keppler schon vor Vancouver zu bedenken gegeben.
«Im Spitzensport geht es immer schneller, höher, weiter. Ich bin auf der Schanze auch schon ein paar Mal an meine Grenzen gestoßen. Die Verantwortung liegt bei den Funktionären, das vernünftig zu steuern», forderte der Österreicher Gregor Schlierenzauer, Olympia-Dritter von der Normalschanze. «Der Athlet sollte immer im Vordergrund stehen, speziell seine Sicherheit. Wenn das gewährleistet ist, entwickelt sich auch die Show.»
Der Trend zu immer anspruchsvolleren Sportstätten, Pisten und Bahnen beim Rodeln und in anderen Hochgeschwindigkeits-Sportarten gibt auch deutschen Funktionären zu denken. «Ich bin der Auffassung, dass es eine gute Balance zwischen den athletischen Fähigkeiten und neuen Herausforderungen durch die Bahnen geben muss. Es muss auch Grenzen geben», forderte Chef de Mission Bernhard Schwank.
Das Internationale Olympische Komitee (IOC) und die Medien haben mit dazu beigetragen, dass die Athleten zu «Grenzgängern» werden. So wurden seit 1984 Skeleton, Freestyle, Shorttrack und Snowboard in der spektakulären Halfpipe ins Programm aufgenommen, nicht gerade die olympischen Langweiler: Schließlich sollen auch die Adrenalin-Junkies im Publikum auf ihre Kosten kommen. Die Halfpipe in Cypress Mountain gilt als die größte der Welt.
Snowboarder Kevin Pearce liegt seit Silvester im Krankenhaus, mit einem schweren Schädel-Hirn-Trauma. Der Amerikaner ist zwar aus dem Koma erwacht, doch wahrscheinlich wird er nie wieder Snowboard fahren und womöglich behindert bleiben. Und warum? Der Traum von Gold in Vancouver hat ihn zum höchsten Risiko getrieben: Am 31. Dezember probierte Pearce einen Sprung, den sein US-Rivale Shaun White schon drauf hatte - den Double Cork. Aus der Traum. Konkurrent White reagierte ätzend und geschmacklos. «Wir alle müssen halt im Rahmen unserer Fähigkeiten fahren», sagte er dem «Spiegel».
Trotz des tödlichen Rodel-Unfalls hat das IOC keine Sicherheitsbedenken. «Alle sind glücklich mit den Änderungen, die vorgenommen wurden, um für die Athleten das Maximum zu tun», so IOC- Sprecher Mark Adams. Er verwies zudem darauf, dass es auf der Bahn in Whistler rund 5000 Starts gegeben habe, bei denen nicht passiert sei.
Auch der ehemalige US-Rennrodler Cameron Myler ist in seiner langen Karriere mit vier Winterspielen (Fünfter 1992 in Albertville) immer schadlos ins Ziel gerast. Rennrodler neigen seiner Meinung nach allerdings dazu, die Gefahr zu verdrängen. «Mein Vater hat mich einfach mal angerufen», sagte Myler der «New York Times», «weil er mir sagen wollte, dass er so froh ist, dass ich all meine Wettkampfjahre sicher überstanden habe und dass ich noch ganz bin.»
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