Deutschland zittert sich ins WM-Viertelfinale
Die deutsche Elf musste gegen Algerien 120 Minuten lang zittern. Erst nach der Verlängerung stand der 2:1-Sieg fest. Die großen Probleme beim Spiel wollte Bundestrainer Löw zunächst nicht thematisieren. Am Freitag geht es im Viertelfinale gegen Frankreich.

>> Zum Artikel "Wankende Franzosen dank Endspurt ins Viertelfinale: 2:0 gegen Nigeria" (30.06.)
Nach einer Schulterverletzung wurde die WM für Manuel Neuer zum Kaltstart, nach sicherer Vorrunde präsentierte er sich gegen Algerien als Rückhalt der besonderen Klasse. Ohne den Bayern-Torwart wäre im Achtelfinale wohl schon Endstation gewesen.
Das Führungstor von André Schürrle bejubelte Manuel Neuer noch in den Armen von Miroslav Klose, doch nach dem glücklichen 2:1 (0:0) gegen Algerien wirkte auch der große deutsche Rückhalt einen Moment lang fix und fertig mit den Nerven.
Der Schlussmann hatte vor 43.063 Zuschauern in Porto Alegre maßgeblichen Anteil am glücklichen Weiterkommen und war der Garant dafür, dass der lange Achtelfinal-Abend für das DFB-Team nach Verlängerung schließlich noch ein gutes Ende fand. Nach einigen Momenten des Durchatmens konnte Neuer sogar schon wieder herzhaft lachen.
Alles kritisieren wollte er nach der Zitterpartie nicht. «Wir haben über 90 Minuten die Null gehalten», sagte Neuer, forderte allerdings für das Viertelfinale gegen Frankreich am Freitag (18.00 Uhr MESZ) ein zielstrebigeres Spiel nach vorn. Seine riskante Spielweise mit vielen Ausflügen in Verteidiger-Manier sah er gelassen. «Ich habe meine Spielweise nicht verändert. Ich spiele bei Bayern und der Nationalmannschaft öfters so. Der nasse Platz hat es hergegeben.»
Zweite Halbzeit
Nach dem Halbzeitpfiff schritt Neuer erst lange nach den Teamkollegen in die Kabine. Der Bayern-Torhüter musste tief durchpusten - eine ganze Menge Frust hatte sich bei dem 28-Jährigen schon in den ersten 45 Minuten aufgestaut. Als Torwart war er sicherer Rückhalt und zeigte sich dazu mit mutigen Rettungsaktionen außerhalb seines Strafraums noch als stärkster Abwehrspieler. Umsichtig und souverän agierte der Modellathlet über 120 Minuten und war erst in der Nachspielzeit machtlos gegen Abdelmoumene Djabou.
Gegen die schnellen Vorstöße der Algerier spielte Neuer nach Fehlern seiner Vorderleute als umsichtiger Libero mit. Mit hohem Risiko rettete er etwa in der 9. Spielminute nach Ballverlust von Shkodran Mustafi auf der rechten Seite gegen Islam Slimani. Auch in der 28. Minute eilte der Münchner gegen Sofiane Feghouli wieder aus seinem Tor und musste weit vor seinem Kasten Schlimmeres verhindern. Der Atem stockte den deutschen Fans auch in der 71. Minute, als Neuer per Kopf vor seinem Strafraum gegen Slimani wieder zur Stelle war. Und erst recht in der 89. Minute, als er den Last-Minute-K.o. gegen Feghouli verhinderte.
Hintergrund: 14. echtes WM-Viertelfinale für Deutschland
Deutschland steht bei seiner 18. WM-Teilnahme zum 17. Mal unter den besten Acht. Das Duell am Frankreich gegen Frankreich ist das 14. echte Viertelfinale für eine DFB-Mannschaft. Neun wurden bisher gewonnen, nur drei gingen verloren - zuletzt 1998 mit 0:3 gegen Kroatien. Der WM-Modus verhinderte 1974, 1978 und 1982 durch eine 2. Gruppenrunde mit acht bzw. 12 Teams echte Viertelfinalspiele. Dazu zählt 1978 die „Schmach von Cordoba“ mit dem 2:3 gegen Österreich. 1938 war die deutsche Mannschaft bereits im Achtelfinale gescheitert. Stolze Bilanz: Insgesamt zwölf Mal glückte der Vorstoß unter die besten Vier.
Auch wegen solcher Rettungsaktionen schätzt Bundestrainer Joachim Löw seine Nummer 1 ganz besonders. Neuer ist nicht nur zwischen seinen Pfosten Weltklasse. Mit dem Fuß ist er sicher, im Spielaufbau ein Aktivposten. Auch deshalb hatte Löw den Welttorhüter ohne WM-Test den Kaltstart in Brasilien zugetraut. Vier Wochen hatte Neuer wegen seiner im DFB-Pokalfinale erlittenen Schulterverletzung pausieren müssen, aber die WM-Punktlandung glückte - ob gegen Portugal, Ghana oder die USA. Der Ex-Schalker Neuer, längst Dauertitelgewinner mit dem FC Bayern, war immer in WM-Verfassung.
Zwei unverschuldete Gegentore kassierte der Keeper in drei Vorrundenspielen, aber dass er gegen den Außenseiter aus Nordafrika derart viel beschäftigt werden würde, hätte er sich sicherlich vorher nicht ausgemalt. Doch Neuer weiß: Als Torwart muss man immer voll fokussiert sein - und das ist er auch.
Als Neuer bei einer Ecke hart bedrängt einmal nachfassen musste, leitete er gedankenschnell beim öffnenden Abschlag fast eine Chance von Schürrle ein (50.). Wenn sich einmal einer wie Schürrle (60.) mit einem Distanzschuss traute, gab es gleich von hinten aufmunternden Beifall. So richtig begreifen konnte Neuer nicht, was gegen die Nordafrikaner vor ihm passierte. Als Keeper tat er im 49. Länderspiel sein Bestes, wie auch beim Distanzschuss von Slimani (75.) im Dauerduell der beiden. Und im Abschluss? Da war sogar Neuer machtlos.
Löw schickt Spieler in Regeneration

Geschlaucht, aber vor allem erleichtert kehrten die deutschen Nationalspieler in der Nacht zurück ins Campo Bahia. Jetzt ist erst einmal Pflege angesagt für die geschlauchten Körper. Die großen Probleme beim Sieg gegen Algerien wollte Bundestrainer Löw nicht weiter thematisieren.
Auf dem dreistündigen Rückflug zurück ins deutsche WM-Basiscamp nach Porto Segura wollten sich die WM-Viertelfinalisten um den überragenden Manuel Neuer mit dem nächsten Gegner Frankreich noch nicht all zu viel beschäftigen. Zu sehr steckte noch das schwer erkämpfte und glückliche 2:1 gegen Algerien in Köpfen und Beinen. Wichtig und entscheidend ist, dass man weiterkommt“, betonte Bundestrainer Joachim Löw, der sich zunächst nicht weiter mit den großen Probleme seines Teams in den 120 Achtelfinal-Minuten gegen den krassen Außenseiter Algerien beschäftigen wollte.
Zu viel Enttäuschung über die Zitterpartie ließ Löw nicht zu. „Soll ich jetzt nach dem Weiterkommen unter die letzten Acht stark enttäuscht sein? Wäre das angebracht? Wir haben natürlich gesehen, dass wir in der ersten Halbzeit nicht gut gespielt haben. Aber solche Spiele gibt es bei jedem Turnier, in denen man den unbedingten Willen haben muss, in die nächste Runde zu kommen“, sagte der Bundestrainer. Und Per Mertesacker, Abwehrchef der deutschen Fußball-Nationalmannschaft unterstrich: „Wir sind unter den letzten Acht und das ist heute alles, was zählt.“
„Solche Spiele müssen manchmal sein, wenn man nach ganz oben kommen möchte“, meinte Torwartcoach Andreas Köpke, der 1996 in England als Aktiver am EM-Triumph und damit auch am letzten deutschen Titelgewinn beteiligt war. Dennoch sieht Oliver Bierhoff, der damalige Golden-Goal-Schütze im Finale gegen Tschechien, das aktuelle deutsche Team in Brasilien vor dem Viertelfinale am Freitag in Rio de Janeiro nicht in der Pole Position: „Im Moment kann man eher Frankreich in der Favoritenrolle sehen.“
Für Neuer, der als mitspielender Torwart mit risikovollen, aber gelungenen Rettungstaten mehrmals das deutsche Team im Spiel hielt, ist Frankreich „die stabilste Mannschaft im Turnier. Das ist keine einfache Aufgabe für uns“, erklärte der Münchner und verwies zudem auch den höheren Kräfteverschleiß gegenüber dem Kontrahenten um den Halbfinal-Einzug: „Wir mussten in die Verlängerung gehen und das ist ärgerlich, wenn man sieht, dass Frankreich 2:0 gewonnen hat und das auch in der regulären Zeit.“
Löw wehrte sich gegen eine zu negative Bewertung des Achtelfinalsiegs gegen aufmüpfige und voll motivierte Algerier. „Wir hatten eigentlich nur in der ersten Halbzeit Probleme, unser Spiel aufzuziehen. Da hatten wir viele Ballverluste und einfache Fehler, mit denen wir den Gegner zu Kontern eingeladen haben“, meinte der DFB-Chefcoach. Seinem geschlauchten Personal gönnt Löw nun erst einmal ein, zwei Tage Regeneration, bevor es im Detail in die Frankreich-Vorbereitung geht. dpa
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Im Stimme-WM-Blog berichtet Achim Muth live aus Brasilien. Muth arbeitet für die Mainpost in Würzburg, die wie die Heilbronner Stimme der Zeitungskooperation G14+ angehört.
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