Javier Sotomayor - Stiller Wundermann mit Makel

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Das Bier schmeckt. Es kühlt an diesem Sommerabend. Javier Sotomayor sitzt auf der Tribüne der Eberfürst Arena. Er beobachtet. Und er hört zu. Auf Fragen antwortet er. Freundlich, aber nie ausschweifend. Wie immer. In Kuba wird der Hochsprung-Weltrekordler trotz seiner Dopingsperre verehrt

Von Stefanie Wahl
„Ich brauchte nichts, um Leistung zu beweisen. Ich sprang schon mit 16 die 2,30 Meter.“
          Javier Sotomayor
„Ich brauchte nichts, um Leistung zu beweisen. Ich sprang schon mit 16 die 2,30 Meter.“ Javier Sotomayor
Leichtathletik - Das Bier schmeckt. Es kühlt an diesem Sommerabend. Javier Sotomayor sitzt auf der Tribüne der Eberfürst Arena. Er beobachtet. Und er hört zu. Auf Fragen antwortet er. Freundlich, aber nie ausschweifend. Wie immer. Javier Sotomayor hat zugenommen. 92 Kilo wiegt er. Jetzt, gut sechs Jahre nach seinem Rücktritt. 24 Pfund hat der Kubaner – gut verteilt – zugelegt. Das gelbe Polo eines französischen Designers lässt dennoch keinen Bauchansatz erahnen.

Javier Sotomayor hat keine Zeit mehr zum Trainieren. Der weltbeste Hochspringer ist Athletenbetreuer im kubanischen Verband – und zu viel unterwegs. „Soto“, wie sie ihn rufen, managt alle Starts. Nach Eberstadt ist der 40-Jährige mit Victor Moya aus dem kubanischen Trainingszentrum in Alcala De Hernes in Madrid gereist. Ein bis zwei Monate im Winter, drei bis vier Monate im Sommer verbringt er dort – ohne seine Frau Maria del Carmen García und seine Söhne Javier (15) und Xavier (8). Auf dem Unigelände bereiten sich die Athleten auf die Olympischen Spiele vor. Derzeit sind es mehr als 30 Leichtathleten.

Unschönes Ende

In Eberstadt wird Javier Sotomayor mit Applaus begrüßt. Fünf Mal hat er hier gewonnen, 1994 ist er mit 2,40 Meter Platzrekord gesprungen. Das haben seine Fans nicht vergessen. Für einige ist er ein Freund geworden.

In seiner Heimat ist der 40-Jährige ein Idol – für manche gar ein Hochsprung-Gott. Heldenverehrung auf sportive Art. Doch der Ausnahmekönner trägt einen Makel mit sich. Hier wie dort spricht niemand laut über das unschöne Ende seiner großen Karriere. Verdrängungsmechanismen. Der Fall des Höhenfliegers ist ein Tabu, gepriesen werden die zahlreichen Erfolge. Doch 1999 sind im Blut des Olympiasiegers Spuren von Kokain gefunden worden. Ein positiver Dopingtest – Disqualifikation. Der kubanische Verband hat seinen Vorzeigeathleten freigesprochen und gegen die Sperre beim Leichtathletik-Weltverband IAAF protestiert. Nach einem umstrittenen Freispruch durfte Javier Sotomayor bei den Spielen von Sydney 2000 starten. Er hat Silber geholt.

Kraftvoll

Sotomayor, ein Dopingsünder? Er zuckt die Achseln und sagt: „Das hat mir sehr weh getan. Weil ich unschuldig war.“ Schutzmechanismus eines Getroffenen? Oder die inneren Überzeugung, dass Kokain kein Mittel zur illegalen Leistungssteigerung ist? „Ich brauchte nichts, um meine Leistung zu beweisen. Ich bin schon mit 16 Jahren 2,30 Meter gesprungen und habe diese Höhe 300 Mal in meiner Karriere geschafft“, sagt Sotomayor. Und gibt doch zu, dass ihn der Dopingbefund Renommee gekostet hat. „International vielleicht. Aber Zuhause haben sie mir Kraft gegeben.“

Der Mann, der seit dem 23. Juli 1993 den Weltrekord (2,45 Meter) hält, ist stets durch seinen kräftezehrenden Sprungstil aufgefallen. Zwanzig Jahre Leistungssport haben an seinem Körper gezehrt. Zuletzt hatten sich die Verletzungen gehäuft, es ist ihm schwerer gefallen, sich zu motivieren.

Doch das System hat Javier Sotomayor gebraucht. Er hat dem Verband viel Geld eingebracht. Davon profitiert der Nachwuchs bis heute. Er sagt: „Ich spüre den Respekt der Menschen. Sie zeigen es mir auf vielfältige Art.“ Wie sagt Sotomayor nicht. Er hat einen Sonderstatus. Sein Haus in Havanna steht im Diplomatenviertel, in der Nachbarschaft leben Leichtathletik-Asse wie Ivan Pedroso, Anier Garcia und die Box-Größe Felix Savon. Den Mercedes, den er für den WM-Titel 1993 in Stuttgart erhalten hat, fährt er noch, und am Handgelenk trägt er eine Goldkette mit den Buchstaben JSS. Javier Sotomayor Sanabria. Darin sind Brillanten versteckt.

Aber Soto redet lieber über Hochsprung. Einen Tipp fürs Männerspringen am Sonntag (13.30 Uhr) hat er nicht. „Alle haben Topniveau.“ Er selbst soll heute nochmal springen. Beim Kinder- und Jugendtag.

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