Die Neujahrsbrezel als Glücks- und Liebesbote
und Bottwartal Vom Brauchtum zum Jahreswechsel

Ein gutes neues Jahr - und eine Brezel so groß wie ein Scheunentor.“ Dieser Neujahrsgruß stammt aus dem Alemannischen, aber auch im Bottwar- und Schozachtal wie im übrigen Schwabenland gehören die Neujahrsbrezeln in allen Größen zum überlieferten Brauchtum. Sie sind ein beliebtes Gebäck, das vor allem bei alteingesessenen Familien zum Frühstück am Neujahrsmorgen serviert wird. Schon Tage vor Silvester haben die Bäcker die symbolträchtige Brezel für ihre Kunden im Angebot.
„Kelterbäck“ Michael Renninger hält die goldgelb glänzende, gut 40 Zentimeter im Durchmesser messende Neujahrsbrezel in der Hand. „Erst ein fettreicher Hefeteig lässt den Geschmack richtig zur Geltung kommen“, erklärt der Beilsteiner Bäckermeister, der auf Schmalz als Zutat schwört. „Das gibt einen saftigen Teig.“ Einen langen Arbeitsgang braucht es in der Backstube, bis die knusprige Köstlichkeit fertig ist. Dabei schauen die zweimal geflochtenen Kreuzungen und der aufgelegte Zopf schon richtig kunstvoll aus.
Die Neujahrsbrezel hat ihren Ursprung als Glück bringendes Gebäck schon in „grauer Vorzeit“. Sie wurde nicht nur zum Frühstück an Neujahr gegessen, sondern galt auch als Geschenk am ersten Tag des beginnenden Jahres. Dabei drückte die Größe der Brezel die Wertschätzung für den Beschenkten aus. Bei den Bauern wurde die Brezel früher sogar dem Vieh verfüttert, um ihm Gesundheit und Fruchtbarkeit zu verleihen.
Bei Bäckermeister Werner Nestel in Oberstenfeld sind die Neujahrsbrezeln zwar nicht so groß wie Scheunentore, aber ihre Größe ist schon beachtlich. „Früher wurde in den Wirtshäusern an Silvester sogar um die Neujahrsbrezel gespielt.“ Werner Nestel weiß manche Anekdote, die sich um das Gebäck rankt. So werde bei vielen einheimischen Familien die Neujahrsbrezel schon am Silvesterabend in Stücke gebrochen und an jedes Mitglied mit einem Glückwunsch verteilt. Beim „Nestelsbäck“ fallen auch die Zöpfe groß aus.
„Die aus Teig geflochtenen Teile werden erst am Schluss mit Eigelb aufgeklebt, wenn auch die ganze Brezel mit Eigelb eingestrichen wird, um ihr den schönen Glanz zu geben.“ Sorgfältig hebt der Bäckermeister das Backwerk ins Verkaufsregal zurück. Lange wird es dort nicht liegen bleiben, denn besonders bei Kindern ist die gesalzene Neujahrsbrezel beliebt. Aber auch in süßer Form findet der gebackene Glücksbringer seine Liebhaber. Auch wenn die Kinder dabei die Symbolik der Brezel als Kreislauf des Lebens und eines Jahres, das am Neujahrstag wieder neu beginnt, nicht ganz verstehen. Auf jeden Fall können sie die Reste der Neujahrsbrezel noch die ganze Woche über zum Frühstück in den heißen Kakao eintunken - auch das schmeckt.
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