Gemeinsame Lehre: Kriege sind sinnlos
Gedenktafel in Oberheinriet - Drei Zeitzeugen berichten

"Man kann das nie vergessen", sagt Lydia Schlayer. Erwin Assenheimer und Otto Schukraft nicken. Die drei haben erlebt, wie der Krieg 1945 Tod und Verderben in das idyllische Oberheinriet brachte. Eberhard Schweizer ist ein intimer Kenner der Oberheinrieter Geschichte. Er betont: "Die Menschen, vor allem die Jugendlichen sollen erfahren, dass in Oberheinriet Tote gelegen haben." Deshalb hat Schweizer initiiert, dass am Backhaus eine Gedenktafel angebracht wird. Deshalb will er auch die Zeitzeugen beim Festakt am Sonntag zu Wort kommen lassen.
Was ist 1945 in Oberheinriet passiert? Am 13. April 1945 rückte der gefürchtete NSDAP-Kreisleiter Richard Drauz in dem kleinen Örtchen ein, um es "bis zum letzten Dachziegel" verteidigen zu lassen. Noch am selben Tag starten die Amerikaner den ersten Angriff - zunächst erfolglos. Drauz selbst macht sich schnell davon. Bis zum Morgen des 15. April ziehen sich die Gefechte hin. Die grauenvolle Bilanz: zwölf tote Einwohner, 46 gefallene Soldaten, 190 tote Tiere, 148 zerstörte Gebäude. Diese nüchternen Zahlen erhalten ihre volle Bedeutung erst beim Blick in die Gesichter der drei Zeitzeugen. Erwin Assenheimer wundert sich heute über sich selbst, über sein Verhalten vor 60 Jahren: "Als 15-Jähriger war ich damals einfach nur neugierig. Ich hatte keine Angst."
So ging es auch Lydia Schlayer, dem "Engel von Oberheinriet". Sie brachte mit einem Schubkarren Verletzte in Sicherheit, versorgte sie in einem Keller neben dem "Lamm". Viele Stunden lang. Trotz großer Gefahr. "Ich war damals während der Kämpfe so stark. Doch als ich nicht mehr gebraucht wurde, sind mir die Kräfte geschwunden." Das 18-jährige Mädchen fiel in ein tiefes Loch.
Die drei Überlebenden sind sich einig, dass es völlig sinnlos war, Oberheinriet gegen die amerikanische Übermacht zu verteidigen. "Mit alten Gewehren gegen Panzer hat man keine Chance", sagt Erwin Assenheimer. Doch eine Kapitulation hätte wohl ebenfalls Leben gekostet. Drauz hatte schon in Heilbronn Menschen exekutieren lassen, die weiße Fahnen aus den Fenstern gehängt hatten. Lydia Schlayer, damals hieß sie noch Süß, erklärt, lange an die NS-Bewegung geglaubt zu haben. "Doch dann kam der Krieg nach Oberheinriet und alles sieht anders aus." Sie verstehe bis heute nicht, wie die Nazis ein ganzes Volk belügen konnten. Lydia Schlayer, Erwin Assenheimer und Otto Schukraft haben vor allem eine Lehre aus ihren Erlebnissen gezogen: Es gibt nichts Sinnloseres als Krieg. Das ist auch die Botschaft von Eberhard Schweizer und der Gedenktafel. Um 11.30 Uhr wird sie am Sonntag am Oberheinrieter Backhaus enthüllt.
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