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Bad Wimpfen

Wo gekrönte Häupter durch die Gassen gehen

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Die beiden Umzüge sind die Höhepunkte beim Reichsstadtfest. Was sind das für Gestalten, die ihr mittelalterliches Gewand vorführen?

Von Anja Krezer

Programm am Sonntag

Am Sonntag geht es offiziell um 11.30 Uhr nach dem Gottesdienst los. Programmpunkte mit Auftritten verschiedener (Musik-)Gruppen gibt es bis zum Abend. 

Ein Landsknecht schreibt noch schnell eine SMS auf seinem Smartphone. Eine Magd trinkt aus einer Plastikflasche gegen die Hitze an, einige Edelfräulein kühlen sich in der Mittagsschwüle mit Eis am Stiel ab. Aber dann: weg mit den Requisiten der Gegenwart, eingereiht in den Tross, der durch die Wimpfener Altstadt zieht. An beiden Tagen des Reichsstadtfestes ist der Umzug einer der Höhepunkte.

"Sie kommen, sie kommen!" Das Mädchen am Rand der Hauptstraße ist aufgeregt. Gehört hat es schon länger, dass da was Großes im Anmarsch ist. Bumm. Bumm. Bumm. Dumpfe Trommelschläge hallen durch die Gassen. Dazu das Tatatatata von Fanfaren. Und jetzt all die Gestalten! Gekrönte Häupter, Knechte und Mägde in grobem Leinen, Dreschflegel und Rechen geschultert.


Hier kommen mittelalterliche Burgfräulein, davor schreitet ein Sultan mit Turban und hellblauem Gewand, dahinter ein Papst, ein Mönch kommt, gefolgt von Rittern, Knappen, Edeldamen in Samt und Seide und mit aufwendigem Gepränge. Dazu die Fachwerkhäuser als Kulisse: Vergangenheit wird zur Gegenwart.

Was sind das für Gestalten?

Schwer bewaffnet sind sie. Mit derben Lederstiefeln donnern sie übers Kopfsteinpflaster, ihre Musketen geschultert, die Mienen finster: Landsknechte aus dem Dreißigjährigen Krieg, "Tillys wilder Haufen zu Hilspach 1622". Wer kommt da, auf dem Rücken eine schwere Last? Die treuen Weiber zu Weinsberg mit ihren Männern im Gepäck. Etliche Gastgruppen sind beim Reichsstadtfest dabei. Grenadiere aus Villingen-Schwenningen, Dragoner aus Memmingen, Bürgergardisten aus Weil der Stadt.

Rund 350 Leute marschieren am Samstag beim Umzug mit, am Sonntag sind es sogar mehr als 550. Vor allem sind die Wimpfener selbst im Einsatz - beim Umzug oder bei szenischen Darstellungen, die in der ganzen Altstadt zu sehen sind: eine Frau am Pranger oder ein Bäcker, der zur Strafe im Adlerbrunnen getunkt wird.

"Fast alle 40 Wimpfener Vereine sind irgendwie involviert", sagt Thomas Michl vom Kulturamt. Ein Fest von den Bürgern für die Bürger. "Alle sind ein bisschen angesteckt. Es ist toll für das Gemeinschaftsgefühl", findet Peggy Fehily vom "Cornwall Tearoom". Klar, dass auch sie sich fürs Fest herausgeputzt hat: mit Spitzenschürze und mit Häubchen.

Schwitzen unter dem Gewand

"Edle Dame, seid gegrüßt", spricht Friedrich von Büren sie an. "Ich bin der Stammvater der Stauferdynastie", verkündet er. Vor allem ist der Graf verschwitzt. Drei Lagen Kleidung hat er am Leib, darunter ein pelzbesetzter Umhang. Die Lederhandschuhe reichen bis zu den Ellbogen - kein Spaß bei der Hitze. Aber besser als regennass zu werden. In diesem Zustand hat der Staufer, der im normalen Leben Dieter Ellinger heißt und aus Schwäbisch Gmünd kommt, seine Ausstattung mal gewogen: 28 Kilo, mit Schwert.

Da hat es Lilly aus Fürfeld besser. Dorothea Gleichauf hat für ihre drei Jahre alte Enkelin ein himmelblaues Prinzessinnenkleid genäht. Außerdem für Gatte Axel ein Edelmann-Outfit. Sich selbst hat sie mit Samt und Seide, mit Rüschen, Raffungen und Puffärmeln zur Edeldame gemacht. Viele Meter Stoff und viele, viele Stunden Arbeit hat sie investiert - "weil es Spaß macht". Spaß haben auch Ingrid und Karl Staff. Die beiden sind aus Mannheim angereist, um das Reichsstadtfest zu besuchen. "Wir sind begeistert von Bad Wimpfen und vom Umzug." Weil die Vergangenheit hier so gegenwärtig ist.

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