Wie die Polizei Phantombilder erstellt
Heilbronn - Punkt, Punkt, Komma, Strich: fertig ist das Mondgesicht. So einfach, wie der Kinderreim die Zeichnung eines Gesichts darstellt, würde sich Werner Ströbel seinen Job gern wünschen.
Heilbronn - Punkt, Punkt, Komma, Strich: fertig ist das Mondgesicht. So einfach, wie der Kinderreim die Zeichnung eines Gesichts darstellt, würde sich Werner Ströbel seinen Job gern wünschen. Doch die Wirklichkeit sieht leider oft anders aus. Und mit diesem Satz ist schon beschrieben, wie schwer die Arbeit des 57-Jährigen ist, der bei der Polizeidirektion Heilbronn zusammen mit zwei Kollegen Phantombilder erstellt. "Das ist eine Wahnsinnsarbeit", beschreibt der Kriminalhauptkommissar die Kunst, aus dem Gedächtnis von Straftatenopfern und Zeugen ein Gesicht des Täters entstehen zu lassen.
Das Werkzeug des Kriminaltechnikers ist ein Computerprogramm mit über 3800 Basisbildern. Damit aus den unzähligen Brillen, Frisuren, Schnurrbärten, Augen, Nasen und Gesichtspartien am Ende ein Antlitz wird, das dem Gesicht des Gesuchten möglichst nahe kommt, muss Ströbel jedoch kein guter Maler sein. Er sagt selbst von sich: "Ich bin zwar der Zeichenstift des Zeugen, aber kein guter Zeichner."
Viel entscheidender bei der Spurensuche ist psychologisches Geschick. Denn, das weiß der Experte aus mehr als 40 Jahren im Polizeidienst, jeder, der auch nur einen kurzen Blick auf den Täter geworfen hat, hat mehr im Gedächtnis abgespeichert, als er in einer "normalen" Aussage über ihn sagt.
Die Sinne von Zeugen und Opfern sind bei der Tat durch die Aufregung und den Adrenalinausstoß so geschärft, dass sie mehr als in Alltagssituationen wahrnehmen. Ströbel schätzt, dass rund 80 Prozent der Informationen über den Täter ohne direkten Zugriff im Hirn abgelegt sind. "Unsere Aufgabe ist es, an diese 80 Prozent heranzukommen."
Leichter gesagt als getan. Phantombilder sollten möglichst schnell nach der Tat erstellt werden, weil die Erinnerung dann noch frisch ist. Doch zum Beispiel Vergewaltigungsopfer sind extrem traumatisiert. Ströbel muss mit viel Fingerspitzengefühl vorgehen, "denn ich muss das Opfer und die Zeugen noch mal in die Tat zurückversetzen". Dazu brauche er eine gute Atmosphäre und Ruhe. Der Raum, in dem die Phantombilder bei der Polizei entstehen, sei darum grün gestrichen.
"Mit dieser Farbe haben wir gute Erfahrungen gemacht." Kein Telefon darf klingeln, wenn der Phantombildmacher seine Arbeit macht. Das Wichtigste dabei sei aber: Vertrauen. Und eine gemeinsame Sprache. Denn es ist schwierig, wenn der Zeuge zum Beispiel eine andere Vorstellung von "blasser Gesichtsfarbe" hat als der Nachbildzeichner.
Ströbel hat schon mehr als hundert Phantombilder gefertigt. Wie erfolgreich sie waren, darüber gibt es keine Statistik. Das Gesicht des Täters, das er nach einem brutalen Überfall auf eine Spaziergängerin im Juli 1996 in Bad Rappenau-Bonfeld anfertigte, war "gut", weil es kein "Allerweltsgesicht" zeigte. Doch die Tat ist bis heute unaufgeklärt. Ströbel kennt aber genügend Gegenbeispiele.
Außerdem werden bei weitem nicht alle Phantombilder veröffentlicht, die der Kriminaltechniker anfertigt. Beim Polizistenmord gab es beispielsweise mehrere Phantombilder nach Zeugenaussagen. Doch sie waren so unterschiedlich, dass sich die Fahnder damals entschlossen, sie nicht zu veröffentlichen, um potenzielle Zeugen nicht zu verwirren. "Manchmal ist das Phantombild der letzte Strohhalm der Ermittler", sagt Polizeisprecher Harald Schumacher: ein Trumpf-Ass im Repertoire der Polizei, das nicht immer sticht.

Stimme.de