Von wegen Organmafia
Die Angst vor der Organmafia geht um. Kinder sollen entführt werden - von Banden aus Osteuropa. Ihre Organe würden entnommen und verkauft. Im Pfühlpark in Heilbronn soll es kürzlich so einen Fall gegeben haben, sagt man. Zuletzt sei ein Kind in einer der beiden Kaufhof-Filialen in Heilbronn entführt worden.

Was beide Fälle gemein haben: Sie haben nie stattgefunden. Es sind Falschmeldungen, sogenannte moderne Sagen, die im Internet und im Ortsgespräch kursieren.
Lauffeuer
Harald Schumacher, Pressesprecher der Heilbronner Polizei kennt die Geschichten über die Organmafia. Seit Jahren schon. "Es hat sich nicht viel geändert in 20 Jahren." Es sind immer die gleichen Geschichten, stets nur leicht abgeändert.
Angezeigt werden die Fälle indes nicht. "Es gab in den letzten Wochen und Monaten keinen einzigen Hinweis, der an die Polizei gegangen wäre", sagt Schumacher.
Die Gerüchte kursieren aber nicht nur in und um Heilbronn. Auch die Mannheimer Polizei beschäftigt sich mit den Falschmeldungen. Derzeit verbreiten sich bundesweit vor allem die Meldungen über Organhandel nach Osteuropa, sagt Schumachers Kollege Norbert Schätzle aus Mannheim. Diese Meldungen warnen derzeit vor allem vor Gruppen aus Bulgarien und Rumänien.
Im Internet wurde Bilder vermeintlicher Täter veröffentlicht, die angeblich in einem weißen Transporter unterwegs seien. Der Mannheimer Polizeisprecher stellt klar: "Eine Organmafia gibt es in Deutschland nicht. Das ist alles nur Quatsch und keiner kann das belegen." Das Ziel der Meldungen sei es, Angst und Schrecken zu verbreiten. Und das mit Erfolg: Die Gerüchte halten sich hartnäckig. Vor einem Drogeriemarkt in der Innenstadt von Sinsheim etwa soll in den vergangenen Tagen mehrfach versucht worden sein, Kinder zu entführen. Nach Polizeiangaben hätten einige Eltern daraufhin ihre Kinder nicht mehr in den Kindergarten gebracht.
Diskussion
Auch auf der Facebook-Seite der Heilbronner Stimme entwickelte sich eine lebhafte Diskussion, nachdem dort über die Falschmeldungen berichtet wurde. Viele glauben der Aussage der Polizei nicht. "Ich pass trotzdem auf", zweifelt eine Leserin. Eine weitere berichtete von ein Fällen, in denen Kinder aus Kaufhäusern entführt würden. "Sowas hört man nicht zum ersten Mal", behauptet sie.
Die Stimme-Redaktion erfuhr erstmals 1991 von Gerüchten über eine Organmafia. Bereits damals ein Aufregerthema. Eine Satire aus dem Jahr 1995 wurde als solche nicht erkannt. Etliche verunsicherte Leser riefen daraufhin in der Redaktion an, ehe ein weiterer Artikel Klarheit schaffte.
Wahrheitsbeteuerungen
Erzählforscher Rolf Brednich beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit modernen Sagen (engl. urban legends) und kennt auch die von der Kaufhaus-Entführung. "Am weitesten konnte ich die Geschichte in Südafrika verfolgen, wo 1989 eine Welle fast gleichlautender Erzählungen durch das Land gegangen ist." Über die Gründe, warum so viele Menschen den Gerüchten glauben, kann Brednich nur mutmaßen. "Sie werden vorwiegend auf mündlichem Weg mit entsprechenden Wahrheitsbeteuerungen und Berufung auf den berühmten Freund eines Freundes kolportiert und geglaubt."
IT-Journalist Frank Ziemann dokumentiert die Falschmeldungen. In den vergangenen Jahren hätte die Zahl dieser Meldungen zugenommen. Mit den sozialen Medien werden vor allem junge Menschen erreicht. "Es gibt immer Leute, die das noch nicht kennen", sagt Ziemann. "Auf Facebook werden selbst die ältesten Falschmeldungen nochmal aufgewärmt."
Rechtliche Aspekte
Wer bewusst falsche Meldungen verbreitet, kann sich strafbar machen. „Vor allem wenn es sich um üble Nachrede handelt“, sagt Anwalt Giuseppe D´Antuono. Wenn andere Volksgruppen der Taten bezichtigt werden, könnte das Volksverhetzung sein. „Wenn es nur beschreibend ist, würde ich aber nicht so weit gehen, dass es volksverhetzend ist“, sagt D´Antuono.
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