Toiletten im ECE jetzt kostenpflichtig
Heilbronn - Wer in der Heilbronner Stadtgalerie zur Toilette muss, wird neuerdings nicht mehr von der netten Toilettenfrau begrüßt, sondern von einer metallenen Schranke.

Heilbronn - Wenn es nach Sebahat Top ginge, wäre sie heute noch Toilettenfrau in der Heilbronner Stadtgalerie. Wenn es nach Centermanagerin Anna Reinhardt und einem Großteil der Shopbetreiber im Einkaufscenter ginge, auch.
Wenn alle so zufrieden miteinander sind − wie kann es dann sein, dass statt der beliebten 45-Jährigen neuerdings zwei metallene Schranken diejenigen begrüßen, die während ihres Einkaufsbummels in der Stadtgalerie mal müssen? "Das ist eine ECE-Entscheidung", sagt Centermanagerin Anna Reinhardt.
Vielen Menschen in Heilbronn, besonders denen, die Sebahat Top kennen, kommt das vor, als hätte jemand am anderen Ende von Deutschland in einem anonymen, rein kapitalistischen Akt ein Stück Menschlichkeit durch ein Stück Metall ersetzt.
Sauberes Erlebnis
Was in Heilbronn zu geschehen hat, wird von Hamburg aus bestimmt. Wie in 20 anderen von der Hamburger ECE betriebenen Centern macht seit anderthalb Wochen nun auch in Heilbronn die Firma Sanifair "aus dringenden Bedürfnissen ein sauberes Erlebnis", wie es auf der Internetseite des Unternehmens heißt.
Das saubere Erlebnis beginnt damit, dass man an der Schranke 50 Cent einwirft, um zur Toilette durchgelassen zu werden. Den 50-Cent-Gutschein, den man dafür bekommt, kann man bei 14 der 76 Stadtgalerie-Shops einlösen, meist ab einem bestimmten Mindesteinkaufswert. Wenn er will, bekommt der Kunde sein Geld also gewissermaßen zurück, anders als von der Toilettenfrau (der er es allerdings bisher freiwillig gegeben hat).

"Mein Hobby ist, zu helfen", sagt Sebahat Top und erzählt von den Bonbons, die sie in ihren viereinhalb Stadtgalerie-Jahren auf eigene Kosten für Kinder bereitgehalten hat, und von den Leuten, "die einfach mal ihre Tränen in der Toilette vergießen", seien es Kunden oder Angestellte aus den Läden. Und man glaubt ihr auf Anhieb, wenn sie bekennt: "Für mich war das keine Toilette, für mich war das eine Familie."
Bedauern
Um diese Familie nicht zu verlieren, hat sich die 45-Jährige darum bemüht, die Toilette als Franchisenehmerin im Namen von Sanifair weiterbetreiben zu dürfen. Daraus wurde nichts. Eine Anstellung, die Sanifair ihr stattdessen anbot, lehnte sie ab: in Teilzeit und mit Mindestlohn, das hätte ihr, die bis dahin auf selbstständiger Basis zwölf Stunden am Tag Chefin der Toilette war, nicht zum Leben gereicht. "Wir hätten Frau Top gern übernommen und haben uns für sie eingesetzt", bedauert Centermanagerin Anna Reinhardt. Bei einer Unterschriftenaktion haben die Hälfte aller Shopbetreiber unterschrieben; es gab viele persönliche Gespräche; "wir haben ein sehr gutes Zeugnis geschrieben für Frau Top". Und dann schiebt Anna Reinhardt einen Satz nach, den man von Centermanagerinnen nicht zu hören gewöhnt ist: "Sie war unsere gute Seele."
Während Sebahat Top niedergeschlagen eine neue Arbeitsstelle sucht, wird auf Facebook heftig diskutiert. An den Schranken in der Stadtgalerie-Toilette wartet unterdessen ein Beauftragter der Firma Sanifair. "Zufrieden, irritiert, ablehnend", zählt Stefan Beck die Reaktionen der Kundschaft auf den Wechsel auf. An einem Stehtisch neben ihm tippt Gabi Mehler im Auftrag der Gesellschaft für Konsumforschung die Ergebnisse ihrer Toilettenkundeninterviews in den Laptop.
Satiye Inan ist als Einzige aus der alten Ära übrig. Die 46-Jährige, früher Angestellte von Sebahat Top, arbeitet jetzt für Sanifair. Sie selbst ist damit ganz zufrieden. Aber von den Kunden, erzählt sie, "sind viele dagegen. Weil Frau Top nicht da ist. Sie sagen: Es war so schön, sich mit der netten Frau zu unterhalten."
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