TFA im Neckar: Einer ominösen Chemikalie auf der Spur
Nach dem Fund von TFA im Trinkwasser von Heidelberg und Mannheim einigt sich das Chemieunternehmen mit den Behörden auf einen Fahrplan zur Reduzierung.

Trifluoracetat im Trinkwasser. Eine Schlagzeile, die nichts Gutes vermuten lässt. In Heidelberg und Mannheim wurde der Stoff vor einigen Monaten nachgewiesen. Wenig später wird bekannt, dass er aus einem Chemiewerk in Bad Wimpfen stammt. Woher kommt der Stoff? Wie wirkt er? Weshalb wird er nicht anderweitig entsorgt?
Die Regierungspräsidien Stuttgart und Karlsruhe demonstrieren, dass sie schnell reagieren können, wenn es um den Verbraucherschutz geht: Emissionen aus einer Trifluoressigsäure-Produktion seien kurzfristig unterbunden worden, heißt es in der Pressemitteilung vom 10. Oktober. Das betroffene Unternehmen Solvay betont, dabei habe es sich um eine freiwillige Maßnahme gehandelt. Doch wie geht es weiter?
Ein Schritt zurück. Es ist keine ganz einfache Materie. Immer wieder kommen auch Gesprächspartner bei den Behörden ins Straucheln, wenn es um die Stoffe geht. Das hat auch damit zu tun, dass das Salz Trifluoracetat die gleiche Abkürzung hat wie die Trifluoressigsäure: TFA. Mit der Säure in konzentrierter Form sollte man nicht in Kontakt kommen. Das Salz dagegen kann man in Reinform auch mal in die Hand nehmen. Doch ist es absolut ungefährlich? Kurze, klare Antworten gibt es darauf nicht.
Ein Blick auf die Quelle der plötzlich so umstrittenen Stoffe soll helfen, etwas mehr zu verstehen. Besuch bei Solvay in Bad Wimpfen. Uwe Männel ist hier seit Juli Werkleiter. Er führt über das Firmengelände, wo seit 199 Jahren Salze gesiedet und verarbeitet werden. In den vergangenen Jahren spielen hier vermehrt Chemikalien eine Rolle, die sogenannte CF3-Gruppen enthalten. Neben der erwähnten Trifluoressigsäure sind das eine Reihe von Stoffen, deren Eigenschaften beispielsweise bei Pflanzenschutzmitteln und in Arzneimitteln genutzt werden.
"Sie sorgen dafür, dass Wirkstoffe in geringeren Dosen wirksam sind. Sie haben also den positiven Effekte, dass man weniger Wirkstoff braucht", sagt Männel - in Antibiotika, Impfstoffen oder auch in Pestiziden oder Fungiziden.
Und was sind die negativen Effekte?
Anruf beim Umweltbundesamt (UBA). Claudia Staude vom Fachgebiet Chemikalien bestätigt die Angaben von Solvay weitgehend. Das neutralisierte Trifluoracetat sei bislang nicht "eingestuft", es fehlt also eine einheitliche, europaweit gültige Bewertung. Der Stoff sei aber "persistent", er werde weder durch Sonneneinstrahlung noch durch Mikroorganismen abgebaut. Vereinzelt würde TFA als "schädlich für Wasserorganismen mit langfristiger Wirkung" gelten. Genaueres könne sie nicht sagen.
Professor Ingo Krossing ist Chemieprofessor an der Universität Freiburg. Er beschreibt im Lehrbuch "Chemie der Nichtmetalle" den wirkstoffverstärkenden Effekt der CF3-Gruppen. "Weil TFA auch in der Natur vorkommt, würde ich als Chemiker sagen, dass die Natur auch damit umgehen kann", erklärt Krossing gegenüber unserer Zeitung. Er verweist auf einen Artikel, der im britischen Fachmagazin "Nature" veröffentlicht wurde. Darin seien verschiedene Wege aufgezeigt, wie TFA von Bakterien abgebaut wird. So unzerstörbar, wie es in manchen Internet-Beiträgen dargestellt werde, sei der Stoff also gar nicht.
Eine Frage der Menge
Krossing ist nicht überrascht, dass Untersuchungen des Trinkwassers die Sache ins Rollen brachten. "Die analytischen Methoden werden immer besser, allein die Interpretation der Ergebnisse bereitet mir Bauchschmerzen." Für die Nachweise beim Doping sei das sehr hilfreich, bei vermeintlichen Schadstoffen manchmal nicht. Die Wirkung eines Stoffes in sehr geringen Konzentrationen könne oft nicht mehr abgeschätzt werden. Aber er sagt auch: In großen Mengen sollte TFA nicht in die Umwelt gelangen. Die Frage ist: Was ist eine große Menge. Der Chemiker muss in diesem Punkt vage bleiben: "Jeder Stoff ist ein Gift. Es kommt nur auf die Dosis an. Das wusste schon Paracelsus."
Über welche Dosis sprechen wir also? In Bad Wimpfen werden Trifluoressigsäure und verwandte Stoffe wie TFAH, TFAC oder ETFBO hergestellt. Zwischen 1000 und 10.000 Tonnen jedes Jahr, so steht es in der Reach-Datenbank der EU. Bei der Produktion gelangt Trifluoressigsäure in die Prozessluft und ins Wasser. Sehr kleine Anteile im Verhältnis zur Produktion. Doch angesichts der Größenordnungen bleiben namhafte Mengen. Mit dem Neckarwasser wird die Säure dann zu TFA-Salz neutralisiert, das anschließend mit anderen Abwässern in den Neckar geleitet wird.

In Hochzeiten - vor dem Stopp einer Produktionsanlage - sind so offenbar rund zwölf Kilogramm TFA pro Stunde in den Neckar gelangt. Verdünnt wird es dann mit mindestens 140.000.000 Litern Wasser, die in der gleichen Zeit den Neckar hinunterfließen. Die Konzentration liegt nun rechnerisch bei 0,1 Milligramm pro Liter. Das wäre zehnmal mehr als das, was im Trinkwasser von Heidelberg gefunden wurde. Und es wäre auch zehnmal mehr als das, was das Regierungspräsidium künftig im Neckar erlauben möchte. Uwe Männel: "Man kann an das Neckarwasser doch nicht den gleichen Maßstab anlegen wie an Trinkwasser, sonst dürfte keine Kläranlage mehr ihr Abwasser in den Fluss leiten."
Solvay-Sprecher Dirk Schulte hält mit einem Rechenbeispiel dagegen: Wenn das Neckarwasser die für Trinkwasser festgesetzten Grenzwerte einhielte, könnte es pro Stunde mehr als sieben Kilogramm hochgiftiges Zyanid mit sich führen. "Man kann bei solchen Rechnungen Konzentrationen nicht außen vor lassen", warnt Schulte.
Keine Parallelen zu PFC
Eine Sorge hat man bei Solvay. Dass das TFA nun in einen Topf geworfen wird mit den sogenannten per- oder polyfluorierten Chemikalien (PFC), die in Rastatt und Umgebung zuletzt für Schlagzeilen gesorgt haben. Uwe Männel und sein Produktionsleiter Franz Vondenhoff sehen entscheidende Unterschiede: Die CF3-Verbindungen aus Bad Wimpfen reicherten sich im Gegensatz zu PFC im Körper des Menschen und in anderen Lebewesen nicht an. "Deshalb will man von den langkettigen Fluorverbindungen ja wegkommen. Die kurzkettigen CF3-Verbindungen sind eine Alternative", sagt Männel.
Kompromiss im Umweltministerium
Bei einem Treffen am Dienstag im Umweltministerium in Stuttgart haben sich das Chemieunternehmen Solvay und die Aufsichtsbehörde, das Regierungspräsidium (RP) Stuttgart, auf eine langfristige Reduzierung der TFA-Einleitung in den Neckar geeinigt. "Wir sind zurück im Verhandlungsmodus", kommentierte Solvay-Werkleiter Uwe Männel und zeigte sich zufrieden mit dem Ergebnis. Er hatte zwischenzeitlich befürchtet, dass das RP die Produktion von vier Anlagen stilllegen könnte. Rund 100 von 400 Arbeitsplätzen wären gefährdet gewesen.

Eine Anlage steht - mit kurzer Unterbrechung - seit Oktober. Damals hatte Solvay die Trifluoressigsäure-Produktion heruntergefahren, nachdem im Trinkwasser von Heidelberg und Mannheim Trifluoracetat nachgewiesen wurde. Mit dieser Sofortmaßnahme wurde die TFA-Fracht im Abwasser um die Hälfte reduziert. Diese Anlage soll nun nicht mehr dauerhaft angefahren werden. Trifluoressigsäure produziert Solvay dann nur noch am französischen Standort Salindres.
Die drei anderen Anlagen, in denen TFA anfällt, bleiben in Betrieb. Erst vor zwei Jahren war die ETFBO-Produktion genehmigt worden. Viereinhalb Millionen Euro habe die Firma investiert, erklärt Männel, und es gebe im Konzern auch keinen alternativen Standort. Wie es dazu kam, dass damals diese Anlage genehmigt wurde und jetzt das TFA nicht mehr eingeleitet werden sollte, darüber gibt es bei Solvay und beim Regierungspräsidium unterschiedliche Angaben. Solvay behauptet, die TFA-Einleitung sei nie verheimlicht worden - nur im letzten Antrag nicht mehr gesondert ausgewiesen. Beim RP heißt es: "Im Antrag wurde nicht beschrieben, dass TFA als Reaktionsprodukt in einem Wäscher anfällt."
Solvay sei sehr daran interessiert, die TFA-Fracht im Abwasser weiter zu reduzieren, unterstreicht Werkleiter Männel. Doch eine Reduktion in der Größenordnung, die das Regierungspräsidium Stuttgart zwischenzeitlich vorgegeben habe, sei nicht hinzubekommen. Nun bleibt das kurzfristige Ziel, an den Entnahmestellen der Wasserversorger maximal zehn Mikrogramm pro Liter zu erreichen. Das entspricht dem Maßnahmenwert, der eine erhöhte Konzentration anzeigt, aber gleichzeitig als gesundheitlich unbedenklich gilt.
Eine weitere Reduktion ist angestrebt, aber nicht ganz einfach umzusetzen, wie Solvay-Produktionsleiter Franz Vondenhoff erläutert. Es gebe kaum ein brauchbares Verfahren, um gelöstes TFA-Salz aus dem Wasser zu bekommen. Eine theoretische Möglichkeit wäre, das Wasser abzukochen, bis das Salz übrig bleibt. Die Kosten lägen bei rund 50.000 Euro pro Tag, hat Solvay ausgerechnet. Bleibt nur, die Produktion so zu optimieren, dass weniger TFA anfällt.
Zudem will Solvay Klarheit, was die Wirkung auf den Menschen angeht. Bislang gibt es keine Hinweise auf eine Gesundheitsgefahr. Solvay lässt aber derzeit eine umfangreiche Studie vorbereiten, die auch mit Tierversuchen arbeitet. Dazu braucht es die Freigabe von der European Chemicals Acency (Echa).
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