Zwei gegen den Trend

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Leingarten - Unterm Strich ist es eine kleine Revolution, was sie vorhaben. Seit rund 200 Jahren gibt es die Bäckerei Eitel in Leingarten. Ab Januar müssen sich die Kunden deutlich umstellen. Montags und dienstags wird die Bäckerei geschlossen bleiben.

Von unserem Redakteur Carsten Friese

In der Backstube Eitel: Die Bäcker Steffen (links) und Uwe Eitel schieben Elsässer Brötchen in den Wagen. Sie haben entschieden, an der Dauerbelastung im Familienbetrieb mit teilweise sieben Arbeitstagen pro Woche etwas zu ändern.Foto: Carsten Friese
In der Backstube Eitel: Die Bäcker Steffen (links) und Uwe Eitel schieben Elsässer Brötchen in den Wagen. Sie haben entschieden, an der Dauerbelastung im Familienbetrieb mit teilweise sieben Arbeitstagen pro Woche etwas zu ändern.Foto: Carsten Friese

Leingarten - Unterm Strich ist es eine kleine Revolution, was sie vorhaben. Seit rund 200 Jahren gibt es die Bäckerei Eitel in Leingarten. Und jetzt, ab Januar 2012, müssen sich die Kunden deutlich umstellen.

"Ganz bewusst stemmen wir uns gegen einen Trend, der uns mit immer längeren Öffnungszeiten und immer mehr Schichtarbeit belastet", schrieben die Bäcker Steffen und Uwe Eitel im Amtsblatt. Von "menschlicheren Arbeitszeiten" für Fachpersonal und eigene Familie war die Rede. Und von der Quintessenz, dass montags und dienstags die Bäckerei zu ist. Mittwoch bis Sonntag lautet nun der Einsatzplan − wochentags neuerdings durchgehend ohne Mittagspause.

Mensch sein

Zwei Werktage zu? Im Einzelhandel, in dem Öffnungszeiten zuletzt Richtung Mitternacht ausgedehnt wurden? Die Brüder Eitel, Steffen (49) und Uwe (43), wissen, dass ihr Schritt nicht ohne Risiko ist. Doch für sie ist er eine Art "Notbremse", nachdem sie zuletzt 70 bis 80 Wochenstunden gearbeitet hatten. Ein Geselle war in eine andere Branche gewechselt, hat den Sport zum Beruf gemacht. Und trotz Annoncen war kein Ersatz zu finden. Nach Monaten mit 13 Arbeitstagen am Stück, nach minimalem Familienleben und einem Sonntag, an dem Steffen Eitel wegen Überarbeitung bei Brezeln das Salz vergaß, war der Punkt gekommen. "Wir sind keine Maschinen und wollen auch leben, Mensch sein", sagt Steffen Eitel, der zwei Kinder hat (10 und 14).

Wenigstens an einem Tag mal ins Theater, zum Elternabend, mit dem Sohn zum Fußball gehen will er nun. Eine Sechs-Tage-Woche sei es immer noch, weil dienstags Backwaren für Mittwoch vorbereitet werden, sagt Uwe Eitel. Für ihn ist der drastische Schritt nötig, um "die Kraft zu erhalten". Für ihren Job, den sie mit Herzblut machen, in dem sie weiter mit selbst hergestelltem Teig nach eigenen Rezepten backen − "und nicht mit tiefgefrorenen Teiglingen und Fertigmischungen", wie es bei der Industriekonkurrenz üblich sei.

Mitarbeiter froh

Dem Trend angepasst hatten sich die Eitels: 2004 führten sie den Sonntagsverkauf ein, 2010 öffneten sie einen zweiten Laden im Ort − mit Erfolg, wie sie sagen. Doch jetzt ist der harte Schnitt im Familienbetrieb für Bäckersfrau Silke Eitel (39) eine Art Selbstschutz, "bevor irgendwas passiert und einer wochenlang ausfällt". Auch die acht Angestellten im Verkauf, fast alle in Teilzeit, arbeiten jetzt weniger und haben weniger Lohn − offenbar ohne Murren. "Alle waren froh, dass sie mehr Freizeit haben", sagt Silke Eitel, die auch von Kunden positive Reaktionen erfuhr.

"Es ist unser Weg, mit allen Konsequenzen", ist Ehemann Steffen zuversichtlich. Natürlich wolle man weiterhin schwarze Zahlen schreiben. "Es kann aber nicht sein, dass sich alles aufs Geld reduziert." Der 49-Jährige spürt schon eine erste Verbesserung. Seit die Entscheidung bekannt ist, habe ihn "der Herrgott gut schlafen lassen".

Einen "mutigen Schritt" nennt Burkhard Siebert die Pläne der Leingartener Bäckerfamilie. Der Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten Heilbronn sieht zunehmende Belastungen im Bäckerhandwerk, seit die Ladenöffnungszeiten ausgeweitet wurden. Er fragt sich aber, ob die Kunden dieses "außergewöhnliche" System akzeptieren. Wünschenswert wäre es aus seiner Sicht, wenn es "Verständnis für die Belastungen im Einzelhandel" geben würde.

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