Weihnachten den Kindern zuliebe
Region - Viele türkische Familien feiern das christliche Fest mit Baum und Geschenken

Region - Seit dem vierten Advent steht im Wohnzimmer der Heilbronner Familie Candir ein Weihnachtsbaum. Zwar kein echter, aber dafür ist er prächtig geschmückt mit Kugeln, Sternen und Lichterkette. Die Candirs sind Muslime, doch Weihnachten findet bei ihnen trotzdem statt. „Wir feiern den Kinder zuliebe“, berichtet Tarkan Candir. Ein großes Paket liegt schon unter dem Baum, die dreijährige Meric hätte es am liebsten schon ausgepackt. Doch sie muss sich gedulden - zumindest bis zum 24. Dezember.
Einen Heiligen Abend wie bei der christlichen Durchschnittsfamilie mit Kirchgang, Festessen und einer Bescherung mit Glöckchen wird es bei den Candirs nicht geben. Meric darf ihr Geschenk bereits am Morgen nach dem Aufstehen haben. Ihre neunjährige Schwester Melissa hat schon eins bekommen - einen Arztkoffer, gekauft von dem Geld, das sie zu Bayram von Verwandten und Nachbarn zugesteckt bekam. Das ist so Brauch beim türkischen Opferfest, das in diesem Jahr am 8. Dezember gefeiert wurde.
Traditionen übernehmen
Die Familie Candir ist kein Einzelfall, weiß Nuri Musluoglu, türkischer Sozialberater. „Ausgenommen bei jenen, die die Religion streng halten“, sei es unter den Türken inzwischen weit verbreitet, die weihnachtlichen Bräuche der Deutschen zu übernehmen. „Kinder erleben das in der Schule, dort gibt es einen Baum, und sie singen Weihnachtslieder.“
Auch Melissa, Zweitklässlerin an der Dammschule, kann „O Tannenbaum“ anstimmen. Im Klassenzimmer hing auch für sie ein Wichtelpäckchen an einer Schnur. Einen Adventskalender mit Schokolade hatten die zwei Mädchen der Candirs zuhause. „Doch der war nach drei Tagen schon leer gegessen“, erzählt ihre Mutter Züleha.
Und was sagen die Älteren dazu? „Sie lassen uns machen“, sagt Tarkan Candir. „Wir leben in beiden Traditionen.“ Toleranz, das kennzeichnet aus Sicht von Nuri Musluoglu das Miteinander der hier lebenden Türken. „Dem Weihnachtsangebot können sich nicht mal streng religiöse Muslime entziehen.“ Ob die Dekoration in den Geschäften oder aber die Weihnachtsmärkte selbst, das locke viele seiner Landsleute - den einen mehr, den anderen weniger. „Weihnachten geht einfach unter die Haut“, sagt der in Istanbul geborene Musluoglu.
Und: Warum sollte man nicht so schöne Dinge wie Lichterschmuck am Fenster und im Vorgarten in die eigene Kultur integrieren? Was viele nicht wissen: Die Geburt Jesu wird im Koran beschrieben. „Wir feiern seinen Geburtstag nur nicht so wie die Christen.“
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