Vor dem Schnitzel kommt die Arbeit
War früher die Hausschlachtung üblich, ist sie heute seltener geworden − Sänger lassen Tradition aufleben

Flein - Kesselsuppe, Blutwurst, Siedfleisch. Was war das noch mal? Richtig, das Ergebnis einer Hausschlachtung. Ein Fremdwort in der heutigen Zeit, wo Fleisch aus der Tiefkühltruhe kommt oder über die Ladentheke wandert, ohne dass mann sich viele Gedanken macht.
Vor Jahren gehörte bei vielen Familien das Prozedere ein bis zwei Mal im Jahr dazu. "Früher haben wir nicht so viel Geld gehabt, dass wir zum Metzger gehen konnten. Da haben wir unsere Schweine selber aufgezogen", sagt der frühere Landwirt Kurt Wagner. Die Erinnerungen sind bei vielen noch verankert. Die Kinder mussten die Kesselsuppe zu Verwandtschaft, Bürgermeister oder Lehrer bringen. Die Frauen waren mit den Vorbereitungen und dem Schnippeln beschäftigt. Die ganze Familie wurde eingespannt. "Das war damals ein richtiges Fest", erinnern sich Kurt Wagner und Roland Gärtner. Wieder einmal die Kesselsuppe essen oder von der Leberwurst kosten − ein paar Mitglieder des Fleiner Männerchors ließen am Samstag die Tradition aufleben.
Geräte Früh aufstehen ist angesagt. Wer ein Schwein schlachtet, hat den ganzen Tag zu tun. Die inzwischen tote Sau aus Siegelsbach − ein Jahr alt, 105 Kilogramm schwer, 130 Euro teuer − liegt in der Brühmulde auf dem Hof von Günter Bubeck. Dampf steigt auf. Mit kochendem Wasser wird sie immer wieder abgespült. Die Männer machen das Tier sauber, schaben die Borsten mit einem Kratzer ab. "Den habe ich noch bei mir gefunden", holt einer einen alten Kratzer aus der Tasche.
Gar nicht so einfach, die nötigen Geräte zusammenzubekommen. Immerhin liegt die letzte Hausschlachtung bei den meisten etwa 20 Jahre zurück. Kurt Wagner hat die Brühmulde mitgebracht, Günter Bubeck steuert den Kesselkocher bei und Metzger Hermann Harst das nötige Werkzeug. Schnell geht der Fachmann ans Werk. In rund einer Stunde ist die Sau zerlegt. Tierarzt Dr. Hermann Starker aus Auenstein inspiziert sie. Er schaut sich Körper und innere Organe an, nimmt eine Probe, um sie in der Praxis unterm Mikroskop nach Trichinen, Fadenwürmern, zu untersuchen. Erst wenn er grünes Licht gibt, darf das Fleisch verzehrt werden.
Dieses Jahr ist Tierarzt Starker gleich bei drei Hausschlachtungen, da er die Vertretung für einen Kollegen übernommen hat. Sonst ist er einmal im Jahr im Einsatz. Wie auch sonst? "Hier in ganz Flein gibt es keine Sau mehr im Stall", meint Hermann Harst. "Vor 30 Jahren war der Tierarzt die arme Sau", sagt Starker mit einem Augenzwinkern. Wenn alle Höfe gleichzeitig geschlachtet hatten, und er von Ort zu Ort hetzen musste. Heute gäbe es ja nicht mal mehr Metzger, die Hausschlachtungen noch machen könnten.
Nicht verlernt Hermann Harst hat sein Handwerk nicht verlernt. Die letzte Hausschlachtung des Metzgers und ehemaligen Lammwirts liegt inzwischen zwar 15 Jahre zurück. Allerdings hat er noch viele Jahre danach das Fleisch für seinen Gasthof selbst "verwurstelt".
Schnippeln Das Fleisch kocht im Kessel. Adolf Legner muss gut auf das Feuer aufpassen, sonst bekommt er Ärger mit dem Metzger. Später werden Hermann Kuder und Karl Mayer die Schwarte für die Blutwurst kleinschneiden, während der Metzger das Brät für die Leberwurst zubereitet. Aber zuerst gibt es das deftige Vesper: Um halb zehn Uhr morgens kommt ordentlich Kesselfleisch auf den Teller. Dazu wird Brot, Wein und Bier gereicht.
Allzu viel Speck war an dem Tier nicht dran. "Eine schlanke Sau", da sind sich die Sänger einig. Früher seien die Schweine mit Kartoffeln gefüttert worden, da gab es eine dicke Schwarte, erinnert sich Martin Walser. Das viele Schmalz habe man zum Braten verwendet. "Heute wollen die Leute nur noch Schnitzel und Kotelett essen", sagt Harst. Da lohnt sich eine Hausschlachtung nicht. Zumal es Fleisch jederzeit und überall gibt. Nicht so wie früher.


Stimme.de