Sohn des Trollingers fasst in Südtirol Fuß

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Wein - Dass der Trollinger aus Südtirol stammt, sagt schon sein Name. Südlich der Alpen heißt er aber Vernatsch. Im Laufe der Jahre durchlief er viele Höhen und Tiefen. Nun scheint die Sorte im Zuge des Weißweinbooms in ihrem Stammland ausgerechnet von einem Schwaben Konkurrenz zu bekommen, vom Kerner. Der wurde 1929 vom Neckarsulmer August Herold in der Weinbauschule Weinsberg gekreuzt: aus Riesling und Trollinger, respektive Vernatsch.

Von Kilian Krauth

Wein - Dass der Trollinger aus Südtirol stammt, sagt schon sein Name. Südlich der Alpen heißt er aber Vernatsch. Im Laufe der Jahre durchlief er viele Höhen und Tiefen. Nun scheint die Sorte im Zuge des Weißweinbooms in ihrem Stammland ausgerechnet von einem Schwaben Konkurrenz zu bekommen, vom Kerner. Der wurde 1929 vom Neckarsulmer August Herold in der Weinbauschule Weinsberg gekreuzt: aus Riesling und Trollinger, respektive Vernatsch. Im Prinzip bleibt also alles in der Familie, auch wenn die ersten Stöcke in den 1980er Jahren illegal angepflanzt worden waren, im ehrwürdigen Kloster Neustift bei Brixen.

Verwalter Urban von Klebelsberg will die Geschichte nicht an die große Glocke hängen. Doch als er 1987 in Neustift einstieg, entdeckte er im Gewölbekeller einen Tropfen, der ihn "hellauf begeisterte". Prompt machte ihn der Kellermeister darauf aufmerksam, dass es sich um "ein verbotenes Fass" handelte. Die Setzlinge waren offenbar in einer Nacht-und-Nebel-Aktion von der Weibertreu über den Brenner gelangt. An den bis zu 700 Meter hoch gelegenen Steilhängen des Eisacktals entpuppte sich der entfernte Verwandte schnell als idealer Bergwein: weil er gut gegen Frost gewappnet ist und wegen seiner Aromatik. "Kerner schmeckt wie schmelzender Schnee", schwärmt Klebelsberg.

Bozener

Inzwischen ist die Sorte in Südtirol offiziell zugelassen und wird auf knapp 60 Hektar angebaut. Tendenz steigend. Einer der größten Kerner-Produzenten ist das Weingut Franz Gojer aus Bozen; schon die Hälfte seiner 7,5 Hektar Rebfläche ist damit bestockt. Kein Wunder: Junior Florian Gojer hat von 2007 bis 2009 − wie viele seiner jungen und älteren Kollegen − an der Weinsberger Weinbauschule den Techniker gemacht. Als er Anfang Juni bei der Messe Bozener Weinkost auf Schloss Maretsch sein Sortiment präsentiert, gehört ein 2010er Kerner namens Karneid zu den Rennern. "Die Italiener" − Gojer meint damit vor allem seine Landsleute südlich der Salurner Klause − seien "ganz scharf auf unsere Weißweine". Deshalb setzt der 25-Jährige neben roten Klassikern wie Vernatsch und Lagrein inzwischen verstärkt auf Weißburgunder, Sauvignon blanc und eben Kerner.

Heilbronner

Am Kalterer See taucht sogar die deutsche Leitsorte Riesling auf. In den schmucken Verkaufsräumen der innovativen Genossenschaft Erste + Neue sticht aufmerksamen Touristen sogar ein Etikett mit dem Schriftzug St. Kilian ins Auge: tatsächlich, eine Flasche des Paradeweißweins der Heilbronner Genossenschaftskellerei. Eine Vertriebskooperation macht"s möglich, erklärt Kellermeister Gerhard Sanin. Ansonsten sind deutsche Weine in Südtirol (noch) Mangelware und bestenfalls auf den Karten ambitionierter Gastronomen zu entdecken.

Als Riesling-Pionier gilt ausgerechnet ein Berliner. Martin Aurich betreibt mit Ehefrau Gisela das Weingut Unterortl, das er zu Füßen von Schloss Juval im Vinschgau aus dem Dornröschenschlaf geküsst hat. Besitzer des Anwesens ist übrigens die lebende Bergsteigerlegende Reinhold Messner, der sich beim Smalltalk als ausgesprochener Architekturfreak entpuppt.

Schozacher

Auch gestalterisch ist bei den Winzern an Etsch und Eisack einiges geboten: von der zwischen Kirche, Friedhof und Schule umrahmten Kellereierweiterung von Nals-Margreid über Manincor bis nach Tramin, wo ein an Reben erinnerndes Stahlgeflecht mitten in der Weinberglandschaft thront. Im Innern schenken Südtirols Top-Winzer im Rahmen eines großen Gewürztraminer-Symposiums lauter Gewürztraminer aus. Südländer, Amerikaner, Japaner und Engländer sind von der würzigen Bukettsorte entzückt, allen voran der Master of Wine Charles Metcalfe aus London. Auf einer 127 Positionen umfassenden Probenliste taucht neben 15 anderen Tropfen aus Deutschland sogar ein Schwabe auf − mit fränkischem Zungenschlag: der 2009er Schozacher Roter Berg des Grafen Kilian von Bentzel-Sturmfeder.

Tramin gilt als Wiege des Gewürztraminers. Die Kellerei beweist mit ihrem Neubau Mut. Bei einem Symposium gab"s hier Wein von Bentzel-Sturmfeder aus Schozach.
Tramin gilt als Wiege des Gewürztraminers. Die Kellerei beweist mit ihrem Neubau Mut. Bei einem Symposium gab"s hier Wein von Bentzel-Sturmfeder aus Schozach.
Auf der mit Beton überspannten Terrasse der Kellerei Nals-Margreid öffnet sich der Blick über Friedhof, Kirche und Schulhaus zur Texelgruppe bei Meran.Fotos: Kilian Krauth
Auf der mit Beton überspannten Terrasse der Kellerei Nals-Margreid öffnet sich der Blick über Friedhof, Kirche und Schulhaus zur Texelgruppe bei Meran.Fotos: Kilian Krauth
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