Nicht alles ist eine Frage der Technik

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Region/Winnenden - Die Albertville-Realschule in Winnenden, an der Tim K. am 11. März 2009 ein Blutbad angerichtet hat, ist heute vorbildlich ausgerüstet. Die Stadt ließ ein ausschließlich für die Amokalarmierung konzipiertes System installieren. Der Alarm wird direkt zur Polizei übermittelt. "So etwas gibt bei uns nicht", sagt Heilbronns Polizeisprecher Harald Schumacher.

Von Helmut Buchholz


Region/Winnenden - Die Albertville-Realschule in Winnenden, an der Tim K. am 11. März 2009 ein Blutbad angerichtet hat, ist heute vorbildlich ausgerüstet. Die Stadt ließ ein ausschließlich für die Amokalarmierung konzipiertes System installieren. Nun hängen in allen Räumen Lesegeräte, die Lehrer im Notfall mit einer Karte aktivieren können. Der Alarm wird direkt zur Polizei übermittelt. "So etwas gibt bei uns nicht", sagt Heilbronns Polizeisprecher Harald Schumacher. Er hält dies nicht für einen großen Mangel. "Denn Lehrer haben Handys, sie können die 110 wählen."

Türschlösser

"Was wir tun können, haben wir getan", sagt Heilbronns Hochbauamtsleiter Dirk Vogel. An einigen Schulen ließen sich zum Beispiel die Türen nicht von innen verschließen. Die Schlösser wurden ausgetauscht. Schwieriger war es, Alarmierungssysteme zu installieren. Es gab nur an vier von 40 Schulen in Heilbronn Lautsprechersysteme, mit denen Durchsagen möglich sind, um vor Tätern zu warnen. Alle Gebäude mit modernen Systemen auszurüsten, hätte bis zu zehn Millionen Euro gekostet. Hochbauamtsleiter Vogel: "Das war nicht umzusetzen." Aus Geldmangel setzte die Kommune auf "eine pragmatische Lösung". Wo keine Durchsage möglich ist, soll der Pausengong in einer bestimmten Signalfolge den Amokalarm geben.

Auf dem neuesten Stand: Das Justinus-Kerner-Gymnasium in Heilbronn hat ein modernes Schaltpult, um die Lautsprecherdurchsagen zu steuern.Foto: Guido Sawatzki
Auf dem neuesten Stand: Das Justinus-Kerner-Gymnasium in Heilbronn hat ein modernes Schaltpult, um die Lautsprecherdurchsagen zu steuern.Foto: Guido Sawatzki
Zu ähnlichen Lösungen kamen auch Schulen im Landkreis Heilbronn. Etwa in Widdern. Die Kommune schreckten die Kosten von 25 000 Euro für eine neue Kommunikationsanlage ab. Darum wurde die Installation aufgeschoben. Als erstes werden nun Panikschlösser an den Türen angebracht. Erst später soll unter anderem eine neue Telefonanlage mit spezieller Amokalarmfunktion folgen.

Ein weiteres Beispiel: Schwaigern. Die Stadt hat 2010 die Leintalrealschule sowie die Werkrealschule mit einem Alarmsystem, mit an der Innenseite der Klassenzimmer angebrachten Türschließern sowie einem roten Telefon ausgestattet, mit dem eine direkte Verbindung zwischen Polizei und Schulleitung hergestellt werden kann.

Übungen

Schulen aufzurüsten, ist das eine. Sich mental auf den Ernstfall vorzubereiten, das andere. Jährlich eine Notfallübung ist vorgeschrieben. "Die Schüler gehen gut mit dem Problem um", sagt Laura Zuric, Vorsitzende des Heilbronner Jugendgemeinderats und Zwölftklässlerin am Theodor-Heuss-Gymnasium. Was unternommen wurde, um die Schulen aufzurüsten, "ist ein Schritt in die richtige Richtung".

Allerdings sieht das Hochbauamt Grenzen der Vorsorge, was das Bauliche betrifft. "Was ist, wenn der Amokläufer in der großen Pause kommt, wenn sich alle Schüler außerhalb der Gebäude aufhalten?", fragt Thomas Sommer vom Hochbauamt. Da nütze dann auch die modernste Lautsprecheranlage nichts. Sein Chef Dirk Vogel ergänzt: "Sie können mit Waffen durch Fenster schießen." Sollten darum alle Schulen mit schusssicheren Fenstern ausgerüstet werden?




"Vorbeugung ist wichtiger als alle Krisenpläne"

Schulamtsleiter Wolfgang Seibold
Schulamtsleiter Wolfgang Seibold
Für den Direktor des Heilbronner Schulamts, Wolfgang , ist Vorbeugung das beste Rezept, um sich vor Amokläufen zu wappnen. Der 58-Jährige antwortet auf die Fragen von Helmut Buchholz.


Was haben Schulen aus dem Amoklauf von Winnenden gelernt?

Wolfgang Seibold: Wir haben heute eine andere Sicherheitslage rund um die Schulen. Vor dem Amoklauf in Winnenden war so ein Ereignis weit weg. Urplötzlich sind wir uns bewusst geworden, wie notwendig Sicherheitsvorkehrungen sind.

Was hat sich verändert?

Seibold: Es wurde in passive Sicherheit investiert. Aber wir können die Schulen nicht zu Hochsicherheitstrakten ausbauen. Das würde die Täter auch nicht abschrecken. Darum ist Vorbeugung viel wichtiger. Die ganzen Krisenpläne, die wir uns ausgedacht haben, greifen ja erst, wenn der Amokläufer im Gebäude ist. Wir müssen aber schon im Vorfeld genau hinschauen. Das tun die Schulen. Wir sind sehr sensibel und wachsam geworden.

Ist das tatsächlich so?

Seibold: Ja. Die Schwelle unter den Schülern, jemanden zu melden, ist niedriger geworden. Wir haben seit Winnenden etliche Fälle von Ankündigungen und Drohungen, die wir früh entdeckt haben. Da hat uns auch die gute Zusammenarbeit mit der Polizei geholfen.



Hintergrund: Polizeitaktik
 
Die Polizei im Stadt- und Landkreis fühlt sich gut auf einen Amoklauf vorbereitet, erklärt deren Sprecher Harald Schumacher. „Wir sind schon vor Winnenden 2006 auf die Schulen zugegangen, haben Empfehlungen abgegeben und Schulungen gemacht.“ Auch das Einsatzszenario haben die Polizisten geübt, etwa in den Schulferien an bestimmten Schulen unter möglichst realistischen Bedingungen. Die Polizei sei zudem im permanenten Austausch mit den Schulleitern. mut
 
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