Naive Heilungsversprechen
Region - Anhänger der Neuen Medizin verharmlosen lebensgefährliche Krankheiten: In ihren Vorträgen, ob in Heilbronn oder Brackenheim, wird behauptet, dass Krebs durch einen "unerwarteten hochdramatischen Konfliktschock" ausgelöst wird.

Region - Anhänger der Neuen Medizin verharmlosen lebensgefährliche Krankheiten als "sinnvolle biologische Sonderprogramme der Natur". In ihren Vorträgen, ob in Heilbronn oder Brackenheim, wird behauptet, dass Krebs durch einen "unerwarteten hochdramatischen Konfliktschock, das Dirk Hamer Syndrom", ausgelöst wird.
Auch Karsten B. (Name von der Redaktion geändert), der mit seiner Familie bis zu seinem frühen Tod im Landkreis Heilbronn lebte, setzte nach einer Diagnose seine Hoffnung in diese Denkrichtung. Die Neue Medizin oder auch Neue Germanische Medizin stützt sich auf das pseudowissenschaftliche Gedankengebäude von Ryke Geerd Hamer, dem Verfasser der "Fünf Biologischen Naturgesetze". Wenn Krebskranke den zugrundeliegenden "biologischen Konflikt" lösen, werde die Tumorerkrankung ausgeheilt − mit Hilfe von Pilzen.
Behandlung
Karsten B. vertraute auf die Neue Medizin und lehnte − bis es nicht mehr anders ging − eine schulmedizinische Behandlung ab, berichtet die Familie. Und verzichtete auf Medikamente, litt unerträgliche Schmerzen. Dabei wäre seine Form der Erkrankung, eine chronisch myeloische Leukämie, "behandelbar gewesen", wie Martin Sökler, Oberarzt der Universitätsklinik Tübingen, auch schon in einem Beitrag der Fernsehsendung "Kontraste" erklärt hat. Karsten B. reiste nach Spanien und traf dort Hamer.
Dessen Frau Irene B. erinnert sich, dass Hamer trotz der Diagnose Mut gemacht habe. Ihr Mann solle nach Konflikten suchen und sie bearbeiten, er solle "diesen Weg und nicht den der Schulmedizin" gehen, war eine weitere Aufforderung Hamers. Doch der Zustand von Karsten B. verschlechterte sich rapide. Nach einem Zusammenbruch in einer Klinik konnte eine Ärztin den Familienvater schließlich überzeugen, von der Neuen Germanischen Medizin Abstand zu nehmen und in eine schulmedizinische Behandlung, eine Chemotherapie einzuwilligen.
Blutungen im Stammhirn
Doch die Krankheit war weit fortgeschritten, Blutungen im Stammhirn setzten ein. Die Medikamente gegen die Leukämie wirkten zwar noch eineinhalb Jahre, die verpasste Zeit ließ sich nicht mehr aufholen. Warum sich ihr Mann letztlich auf die Neue Medizin eingelassen hat, das fällt Irene B. bis heute schwer zu verstehen: "Wenn man so krank ist, entscheidet man anders."
Anhänger der Neuen Medizin treffen sich regelmäßig zum Studienkreis Medizin in Heilbronn. Leiter des Heilbronner Studienkreises Neue Medizin ist Walter Reiner.
Konfliktlösung statt Chemotherapie
"Wir werden Experten", sagt Walter Reiner − drahtig und häufig lächelnd − gerne am Anfang der Vorträge im Rahmen des "Vereins zur Förderung alternativer Heilmethoden". Wer sein Wissen vertiefe, könne gegenüber Arzt oder Therapeut ein "informierter Klient werden". Und dementsprechend argumentierte Reiner bei einem öffentlichen Vortrag am 25. November 2010 über Brustkrebs in Brackenheim: "Wenn der Konflikt gelöst ist, kann die Frau vertrauen − dann ist keine Chemotherapie nötig, und eine Strahlenbehandlung erübrigt sich" − die Natur heile.
Bei 80 Prozent der Diagnosen würden Entzündungen der Milchgänge unlogischerweise als Brustkrebs bezeichnet. An der Wand hing währenddessen auch die große, in orangegelb und Rottönen gehaltene Tabelle von Hamer. Da wird der "biologische Sinn" von Krankheiten dargestellt. Demnach entspricht ein "verkäster Tumor in der Milchdrüse der Brust" einem "Nestkonflikt". Ein "Milchdrüsen-Sonderprogramm" stelle eine Art von Gewebereaktion dar, die durch einen Sorgekonflikt der Mutter oder einen Trennungskonflikt ausgelöst werde.
Beruhigung der Zuhörer
Am 14. Januar 2011 stand im Mitteilungsblatt der Stadt Brackenheim in der Ankündigung seines Vortrags über Knochenschmerzen folgende Passage: "Dramatische Diagnosen verlieren ihre Beunruhigung." Und er verteilte am 15. März 2011 nach einer Vortragsveranstaltung von "Lauffen will es wissen", bei der es um Stammzellforschung und Krebs ging, vor der Stadthalle einen Prospekt mit dem Jahresprogramm des Studienkreises Neue Medizin für das Jahr 2011.
Der Diplom-Ingenieur ist Heilpraktiker für Psychotherapie und bietet Beratung, Coaching und Psychologische Begleitung bei medizinischen Diagnosen. Auf seinem Werbeblatt für seine Praxis, das beim Vortrag im November auslag, findet sich ein Hinweis auf die "Fünf biologischen Naturgesetze − ein neues Verständnis der Medizin".
Scharlatanerie
Professor Uwe Martens, Leiter des Tumorzentrums an der Heilbronner SLK-Klinik, ordnet die Thesen der Neuen Medizin generell als "abstruses Gedankengebäude" ein. "Das ist jenseits von Gut und Böse, ist Scharlatanerie." Wenn propagiert würde, schulmedizinische Behandlung zu verweigern, sei dies "kriminell". Der auf Krebserkrankungen spezialisierte Arzt erklärt: "Dass durch Konfliktlösungen Tumormasse abgebaut wird, ist schlichtweg unmöglich."
Als besonders schlimm empfindet der Mediziner, dass mit den Ängsten der Menschen gearbeitet werde. Von der Deutschen Krebsgesellschaft gibt es eine gutachterliche Stellungnahme über die Neue Germanische Medizin. "Es sind mehrere Todesfälle von Menschen, die Hamers Theorie vertrauten, gut belegt, die unter schulmedizinischer Behandlung eine realistische Heilungschance besessen hätten."
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