"Keiner wird bevorzugt oder diskriminiert"
Martin Uellner über ungeduldige Kranke und ausgeschöpfte Budgets

Ärztesprecher - Keine Freunde unter Medizinern hat sich die SPD mit ihrem Vorschlag gemacht, Ärzte mit hohen Geldstrafen zu belegen, wenn sie Kassenpatienten zu lange auf einen Termin warten lassen. Ulrike Bauer-Dörr sprach mit dem Heilbronner Ärztesprecher Dr. Martin Uellner.
Vorzugsbehandlung für Kassenpatienten, während Privatpatienten hinten anstehen. Was sagen Sie und Ihre Kollegen zu diesem Vorschlag?
Dr. Martin Uellner: Ich bin entsetzt, das ist Wahlkampfpolemik pur. Da fehlt doch jeder Sachverstand. Einen solchen Vorschlag kann man gar nicht ernst nehmen. Ich bin sicher, dass wir Ärzte Kassen- und Privatpatienten gleich behandeln. Was hier gefordert wird, wäre ja eine Diskriminierung von Privatpatienten.
Haben Ihre Arzthelferinnen Anweisung, Kassenpatienten nach hinten zu schieben und Privatpatienten schneller einzubestellen?
Uellner: Meine Artzhelferinnen haben von mir keinerlei Anweisungen, wie sie Patienten einbestellen sollen. Ich kann mir das auch bei keinem anderen Hausarzt vorstellen. Hausärzte haben in der Regel sowohl eine offene, als auch eine Terminsprechstunde. In die offene Sprechstunde kommt man ohne jede Anmeldung.
Manche Patienten schildern ihre Situation am Telefon dramatischer als sie ist. Bekommt ein forsch auftretender Anrufer schneller einen Termin als ein zögerlicher?
Uellner: Bei Fachärzten mit Terminsprechstunde kann ich mir das vorstellen. Die geschilderten Beschwerden muss man am Telefon erst mal glauben. Möglicherweise kommt man schneller dran, wenn man forsch auftritt. Aber das klappt nur einmal: Als Hausarzt kenne ich meine Patienten recht gut.
Welche Arztgruppen im Raum Heilbronn haben die längsten Wartezeiten? Und warum ist das so?
Uellner: Alle mit einem sehr speziellen Sachgebiet, etwa Rheumatologie oder Neurochirurgie. Länger auf einen Termin warten muss man auch bei Orthopäden, Hautärzten und Neurologen. Sie behandeln Krankheiten, die stetig zunehmen. Chirurgen und Hautärzte bieten zunehmend offene Sprechstunden an.
Für Leistungen an Privatpatienten bekommen Ärzte mehr Geld. Außerdem gibt es für sie keine gedeckelten Budgets − kein Wunder, wenn diese Patientengruppe schneller und umfassender behandelt wird.
Uellner: Umfassender wird keiner behandelt, sondern so, wie es seiner Krankheit angemessen ist.
Warum wird es am Ende des Quartals oft eng mit Terminen?
Uellner: Viele Patienten wollen nur deshalb noch ganz dringend im laufenden Quartal einen Termin, weil sie die zehn Euro Praxisgebühr im nächsten Quartal sparen wollen. Ist das ärztliche Budget für gesetzlich Krankenversicherte gegen Quartalsende erschöpft, erbringen wir Leistungen, ohne Geld dafür zu bekommen. Das könnte ein Grund sein, warum viele Ärzte in den letzten Tagen des Quartals ihre Praxis schließen und Urlaub machen.
Viele Patienten klagen, dass sie stundenlang im Wartezimmer sitzen, obwohl sie einen Termin hatten.
Uellner: Ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass man bei einem meiner Kollegen stundenlang im Wartezimmer sitzt, es sei denn ein Notfall kommt dazwischen. Aber dafür hat eine gut organisierte Arztpraxis Zeitpuffer eingeplant. Wenn man jedes Mal lange warten muss, kann das auch an einer schlechten Praxisorganisation liegen. Patienten im Fünfminutentakt zu bestellen, funktioniert nicht.
Sind die Patienten zu ungeduldig?
Uellner: Ja, so ist es. Viele erwarten, dass sie ganz schnell einen Termin kriegen, dabei haben sie gar keinen Einblick, wie voll der Terminkalender ihres Arztes schon ist. Es ist leider eine Eigenart der Menschen hierzulande, dass sie meinen, dass alles sofort geschehen muss.
Welche Wartezeiten sind zumutbar?
Uellner: Wenn man einen Termin hat, ist eine Wartezeit von einer halben Stunde zumutbar − wenn kein Notfall dazwischen kommt. Jeder Patient kann jederzeit zuerst zu seinem Hausarzt gehen. Wenn der findet, dass ein Facharztbesuch nötig ist, greift der gerne zum Telefon und macht einen Termin für ihn aus.

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