Hausarztvertrag mit Vor- und Nachteilen

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Region - Das im Juli landesweit gestartete Hausarztmodell der AOK läuft aus Sicht der Kasse gut an. Von den rund 750 Allgemeinmedizinern, Kinderärzten und als Hausarzt tätigen Internisten im AOK-Bezirk Heilbronn-Franken haben rund 100 einen Vertrag abgeschlossen. Die Kasse verspricht ihnen weniger Bürokratie und bessere Bezahlung. Die Ärzte in der Region bewerten das Hausarztmodell allerdings unterschiedlich

Von Andreas Tschürtz
Ärzte sagen: Hat man viele Patienten, profitiert man vom Hausarztmodell. Bei vielen Hausbesuchen zahlt man drauf. Foto: dpa
Ärzte sagen: Hat man viele Patienten, profitiert man vom Hausarztmodell. Bei vielen Hausbesuchen zahlt man drauf. Foto: dpa  Foto: A2855 Horst Pfeiffer (dpa)

Region - Das im Juli landesweit gestartete Hausarztmodell der AOK läuft aus Sicht der Kasse gut an. Von den rund 750 Allgemeinmedizinern, Kinderärzten und als Hausarzt tätigen Internisten im AOK-Bezirk Heilbronn-Franken haben rund 100 einen Vertrag abgeschlossen. Die Kasse verspricht ihnen weniger Bürokratie und bessere Bezahlung.

Zur Mehrzahl der Ärzte, die sich bislang nicht auf das Angebot eingelassen haben, gehört der Facharzt für Allgemeinmedizin Markus Quintela Schneider im Heilbronner Osten (Fotos: privat). Er nennt Gründe: »Die Relation zwischen Aufwand und dem, was dabei rauskommt, stimmt nicht.« Würde jeder zweite seiner AOK-Patienten bei dem Modell mitmachen, hätte er in etwa 2500 Euro pro Quartal zusätzlich in der Kasse. Dafür müsse er aber mit einer zweiten Software für die Direktabrechnung mit der AOK arbeiten. Bisher rechnen Ärzte über die Kassenärztliche Vereinigung (KV) ab. »Das ist mehr Aufwand«, sagt Quintela Schneider.

Vorschriften

M. Q. Schneider
M. Q. Schneider
Zudem sei der 26-seitige Vertrag voll mit Auflagen. Paragraf 5, Absatz 4c etwa verpflichte den Hausarzt zur Überweisung an Fachärzte »unter Berücksichtigung des Wirtschaftlichkeitsgebotes«. Unter Absatz 3b erwartet die AOK die »konsequente Berücksichtigung« ihrer Therapieleitlinien. Für Mediziner Quintela Schneider ist das nicht akzeptabel: »Mein Patient bekommt, was medizinisch sinnvoll ist, sonst nichts.« »Mehr Qualitätsaspekte für die ärztliche Behandlung«, wie AOK-Baden-Württemberg-Chef Rolf Hoberg in einer Pressemitteilung erklärt hat, sieht Quintela Schneider nicht: »Ich glaube, es geht um Kontrolle und Kostenbegrenzung, nicht um Qualität.«

Wolfgang Weil
Wolfgang Weil
Anders als sein Kollege hat sich Wolfgang Weil für das Hausarztmodell entschieden. Seine bisherigen Erfahrungen fasst der Heilbronner Facharzt für Allgemeinmedizin in knappe Worte: »Es scheitert momentan noch an der PC-Software.« Letztlich würden sich seine Investitionen von »ein- bis zweitausend Euro« aber langfristig lohnen, glaubt er - die AOK vergüte besser als zuvor. Und er können endlich planen. Bei der KV wisse er immer erst ein halbes Jahr im Nachhinein, wie viel seine Praxis pro Quartal erwirtschaftet hat. »Jetzt kann ich bei festen Euro-Werten ohne floatenden Punktwert ausrechnen, wie viel ich verdiene.« Und das sei angemessen: »Ich habe nach 20 Jahren erstmals das Gefühl, dass meine Arbeit von der Kasse adäquat honoriert wird, wenngleich dafür gewisse Bedingungen erfüllt werden müssen.«

L. Halilovic
L. Halilovic
Auch Allgemeinmediziner Lutvija Halilovic sieht das Hausarztmodell positiv. Um etwa zehn Prozent habe seine Praxis in der Heilbronner Stadtmitte jedes Jahr zugelegt. Wegen der Fallzahlbegrenzung habe er aber ab dem 1200. Patienten nur einen Teil vergütet bekommen. Die AOK zahle ihm jetzt den vollen Satz für alle. »Für mich lohnt sich das.«

Natalie Jansen
Natalie Jansen
Allgemeinmedizinerin Natalie Jansen kritisiert das KV-System. »Wir werden mit immer mehr Pauschalen bombardiert. Vieles mache ich umsonst: Für meine Hausbesuche bekomme ich nur ein paar Euro Wegegeld.« Dennoch sieht die Heilbronner Ärztin keinen Grund, beim AOK-Modell mitzumachen, denn das verschärfe die leistungsungerechte Bezahlung. »Akupunktur und Notfall-Hausbesuche bekomme ich jetzt wenigstens extra bezahlt.« Im AOK-Vertrag würden diese Leistungen pauschal abgedeckt. Ihr Fazit: »Die AOK lockt mit festen Euro-Beträgen. Das macht aber die Betreuung chronisch kranker Patienten, insbesondere im Altenheim oder zu Hause, weniger lukrativ.«

   
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