Emotionale Achterbahnfahrt in die Vergangenheit
Bento Mabunda wird bei Audi als Fahrradmonteur für Projekt Leka Gape geschult

Sonst gibt es sowas nur auf RTL", sagt Norbert Rank. Aber dieses Mal war der Neckarsulmer Audi-Betriebsratschef mitten drin in Bento Mabundas Wiedersehens-Geschichte: Ganz unverhofft hat der Schwarz-Afrikaner, der bei Audi in Neckarsulm im Rahmen des Leka-Gape-Fahrradprojekts einen Kurs macht, nach 23 Jahren seine Gastfamilie in Plötzkau bei Magdeburg wiedergefunden.
Schon seit Wochen hatte Mabundas Gastgeber Norbert Rank versucht, Werner Richter ausfindig zu machen. Er war Mabundas Mentor gewesen, als der 1980 als 14-jähriger Junge über ein Austauschprogramm von Mozambique in die DDR kam, um dort eine Ausbildung zu machen. Richter und seine Frau Rosemarie kümmerten sich um ihn, als er zuerst die Schule besuchte und später im Baukombinat Bernburg eine Ausbildung zum Baggerfahrer machte, in dem Richter als Einkäufer tätig war. Wie um ihr eigenes Kind kümmerte sich die Familie um den Afrikaner. Doch 1988 musste Mabunda zusammen mit elf Landsleuten die DDR Hals über Kopf verlassen. Warum, das hat er bis heute nicht wirklich verstanden.
Zuhause in Mozambique tobte ein Bürgerkrieg, vor dem Mabundas Eltern nach Südafrika geflohen waren. Dorthin schlug sich auch Bento durch. Das Bügeleisen, das ihm die Richters mitgegeben hatten, wurde ihm unterwegs gestohlen, auch alle Fotos und anderen Erinnerungstücke waren weg.
Dolmetscher Über mehrere Umwege ist Bento Mabunda 2004 schließlich beim Hilfsprojekt Leka Gabe in der Stadt Lulekani gelandet, das von Norbert Ranks Cousine Petra Seybold-Powane Mitte der 1990er Jahre gegründet worden war. Seine Deutschkenntnisse, die er damals in Magdeburg erworben hatte, waren der Schlüssel für ihn: Als Dolmetscher wurde er dort gebraucht. "Unser größer Feind ist die Armut", sagt der Mann, der mit seiner Frau Angel drei Kinder hat. Mit einer Bäckerei, einer Schreinerei und einem Frauen- und Kinderschutzhaus schaffte das Hilfsprojekt Arbeit. Der nächste Baustein ist die vom Audi-Betriebsrat geförderte Fahrradwerkstatt.
Hilfsprojekt Wiederum wegen seiner Deutschkenntnisse wurde Mabunda ausgewählt, als es darum ging, jemanden nach Neckarsulm zu schicken, um ihn als Leiter der im Projekt angesiedelten Fahrradwerkstatt auszubilden. So ist er zu Norbert Rank gekommen, bei dem er während seines Aufenthalts in Erlenbach auch wohnt.
Ohne Adresse oder Telefonnummer der Richters zu kennen, fuhren Norbert und Irmgard Rank mit ihrem Bento in dessen alte Heimat. "Als wir abends im Hotel saßen, sagte er plötzlich: Frau Richter heißt Rosemarie." Mit seinem Smartphone habe er im Telefonbuch gesucht, erzählt Norbert Rank − und die richtige Nummer gefunden: Der Anschluss läuft auf Rosemarie Richter.
"Es war schon halb elf. Ich habe trotzdem angerufen und gefragt, ob sie einen Bento Mabunta kennen", erzählt Rank. Als sie Ja gesagt hätten, hat er das Telefon weiter gereicht. Am nächsten Morgen kam es dann zu dem tränenreichen Wiedersehen. "Die Freude und Emotionen kannten einfach keine Grenzen", sagt der Erlenbacher, dem über das Hilfsprojekt Afrika ans Herz gewachsen ist. "Niemand hatte gedacht, dass sich die Richters und ihr früherer Gastsohn jemals wiedersehen würde", sagt Norbert Rank bewegt. Auf seinem heimischen Esstisch steht sogar eine Flagge von Mozambique.
Veränderung Bento Mabunda kommt aus dem Staunen über die Veränderungen in Deutschland kaum heraus. "Das ist ein ganz anderes Land geworden." Diese Woche geht er wieder zurück nach Südafrika. "Das wird schon schwer", sagt der Fahrradmechaniker, für den die drei Wochen Deutschland eine emotionale Achterbahnfahrt waren. Aber auch die Ranks werden ihren Gast sehr vermissen. "Er bringt eine unheimliche Lebensfreude mit zu uns", sagt Irmgard Rank. Und noch ein positiver Nebeneffekt: Ihren Mann sieht sie zurzeit auch mehr als sonst. "So pünktlich wie in den letzten 14 Tagen kommt er sonst nie nach Hause", verrät die Erlenbacherin lächelnd.

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