„Ein geradliniger und gutgläubiger Mensch“

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Lampoldshausen - Wenn das Deutsche Luft- und Raumfahrtzentrum (DLR) in Lampoldshausen dieses Jahr seinen 50. Geburtstag feiert, darf ein Name nicht fehlen: Eugen Sänger. Er hat das Testgelände gegründet. Sängers Traum, in der Abgeschiedenheit einer Berghütte all sein Wissen aufzuschreiben, konnte er nicht mehr verwirklichen, berichtet sein Sohn Hartmut Sänger (57). Angela Groß hat sich mit dem Ingenieur und Raumfahrt-Journalisten unterhalten.

Eugen Sänger (links), Irene Sänger-Bredt und Arthur C. Clarke in London. Mit seiner Frau hat Sänger wissenschaftlich zusammengearbeitet.Fotos: Sänger-Archiv / privat
Eugen Sänger (links), Irene Sänger-Bredt und Arthur C. Clarke in London. Mit seiner Frau hat Sänger wissenschaftlich zusammengearbeitet.Fotos: Sänger-Archiv / privat

Lampoldshausen - Wenn das Deutsche Luft- und Raumfahrtzentrum (DLR) in Lampoldshausen dieses Jahr seinen 50. Geburtstag feiert, darf ein Name nicht fehlen: Eugen Sänger. Er hat das Testgelände gegründet. Sängers Traum, in der Abgeschiedenheit einer Berghütte all sein Wissen aufzuschreiben, konnte er nicht mehr verwirklichen, berichtet sein Sohn Hartmut Sänger (57). Angela Groß hat sich mit dem Ingenieur und Raumfahrt-Journalisten unterhalten.

Herr Sänger, Ist der Roman – „Auf zwei Planeten“ von Kurd Laßwitz – schuld am Berufsweg Ihres Vaters?
Hartmut Sänger: Das ist richtig – Eugen Sänger ist da kein Einzelfall. Auch bei anderen Raumfahrtpionieren war es so, dass ihr Interesse über das Metier Science Fiction geweckt wurde. Diese Leute waren wissenschaftlich-ingenieurstechnisch so aufgeschlossen, dass sie dann an die Realisierung dieser Dinge glaubten.


Hätte es auch sein können, dass Ihr Vater sich für den Beruf des Autors entschieden hätte?

Sänger: Aus seinem Tagebuch geht hervor, dass er sich während seiner Studienzeit diese Frage schon gestellt hat. Doch nachdem er sich in die Physik vertieft hatte, beschloss er, dass es interessanter wäre, nicht nur darüber zu schreiben, sondern selbst etwas zu bauen.


Dennoch: Eugen Sänger hatte eine gute Feder.
Sänger: Er konnte andere überzeugen – sowohl in seinen Vorträgen und Reden sowie in seinen Texten. Das hat ihn ebenfalls mit anderen Pionieren verbunden, denen es gelungen ist, Menschen für ihre Ideen zu gewinnen.


Hartmut Sänger
Hartmut Sänger
Ihre Mutter, Irene Sänger-Bredt, war ebenfalls in der Forschung tätig? Wie war das Verhältnis Ihrer Eltern?
Sänger: Nachdem sie ihren Doktor rer. nat in der Tasche hatte, suchte sie eine Anstellung. In einer Zeitungsannonce hatte sie erfahren, dass in der Lüneburger Heide wissenschaftliche Mitarbeiter gesucht werden. Das Arbeitsfeld war nicht genau beschrieben, das Wort Rakete tauchte nur gerüchteweise auf. Sie war ziemlich abenteuerlustig, hat versucht, diese Stellung zu bekommen, und sie hat es tatsächlich geschafft.

Muss man sich die beiden als Team vorstellen?
Sänger: Sie sind im Laufe der Jahre zusammengewachsen. Im Team hat man versucht, verschiedene Fragestellungen zu klären und wissenschaftliche Ansatzpunkte zu finden. Viele Dinge waren nicht vorstellbar und komplettes Neuland. Beispielsweise die Frage, was passiert, wenn man mit Hyperschallgeschwindigkeit, also über Mach 5, in der höheren Atmosphäre fliegt.

Was war Ihr Vater für ein Wissenschaftler-Typ?
Sänger: Er hat sich eher als Ingenieur, denn als Wissenschaftler gesehen. In den 60er Jahren dieser Pionierszeit hatte man manchmal das Gefühl, dass die Ingenieure die Dinge vorantreiben,  während die Wissenschaft nur darüber redet. Darüber machte man auch Späße. Natürlich standen seine Ideen immer im Vordergrund, manchmal so sehr, dass er die Bedürfnisse des Alltags verdrängte.

Ist es für Sie ein schweres Erbe, so einen Vater zu haben?
Sänger: Ich habe mich damals entschieden, keine Raumfahrt machen zu wollen und bin Bauingenieur geworden. Aber die alten Freunde sind geblieben, neue sind hinzugekommen. Ich leiste mir heute als Hobby die Hilfe bei einem kleinen Raumfahrtjournal, das mehr oder weniger ehrenamtlich hergestellt wird und viel Spaß macht. Herausgegeben wird es in Neu-Brandenburg und nennt sich Raumfahrt Concret. Es ist für mich die Verwaltung der Faszination, prosaisch ausgedrückt.

Ihr Vater hat die Eroberung des Weltraumes als technisches Mittel zur Überwindung des Krieges gesehen. Das muss man aus der Zeit heraus verstehen, oder?
Sänger: Das war ein Buch meines Vaters aus dem Jahr 1959. Man hatte damals die Idee, mit der Raumfahrt jedem auf den Kopf schauen zu können und mit der entwickelten Technik Kriege sinnlos zu machen, da es keine Gewinner mehr geben könnte. Tatsächlich hat ja auch die Interkontinentalrakete in Verbindung mit nuklearen Sprengköpfen dazu beigetragen, den Weltkriegen bis heute ein Ende zu setzen. Dann, so die weitere Annahme früher, werde die Welt sehr viel kleiner, zerbrechlicher und das Zusammengehörigkeitsgefühl größer. Man hat ja schon im Science Fiction der 50er Jahre davon gesprochen, allzu kriegslüsterne Politiker einmal in die Umlaufbahn schicken. Wer weiß? Wir kommen nicht so schnell von unserem Raumschiff Erde runter und werden also noch ziemlich lange darauf angewiesen sein. Wir müssen lernen, damit zurecht zu kommen. Das ist vielleicht der erste Schritt zur Raumfahrt, den wir praktizieren müssen und bei dem die angewandte Raumfahrt der beste Helfer sein kann.

Was ist von Ihrem Vater geblieben?
Sänger: Seine Systematik, die Dinge anzugehen, ist nach wie vor gültig. Wir wissen im Prinzip, dass der wieder verwendbare Raumtransporter, wie er ihn vorgeschlagen hat, der richtige Weg wäre, um kontinuierlich Raumfahrt zu machen. Seine Ideen, wie ein Raketentriebwerk aussieht, seine Patentzeichnungen sind heute allgemein gültig. Es gibt keine europäische, russische oder amerikanische Rakete, die nicht darauf beruht. Das hat zwar nie irgendeinen Pfennig eingebracht, aber es ist zumindest so dokumentiert. Seine Idee, mit elektrischen Triebwerken weiterzufliegen, vielleicht Einsteins Relativitätstheorie zu nutzen ... Wir wissen schlicht immer noch nicht, ob wir das praktisch umsetzen können. Im Grunde genommen, haben wir viel zu wenig Wissen über den Weltraum. Bei manchen Punkten können wir nicht sagen, wie groß oder wie klein Eugen Sängers Irrtümer sind und wohin der Weg führen kann.

Wie bewerten Sie das DLR Lampoldshausen?
Sänger: Es ist der deutsche aktive Teil für die europäische Raumfahrt. Man kann nur hoffen, dass die Entscheidungen soweit gedeihen, dass wir eine vernünftige Raumfahrt in Europa bekommen. Dann wird auch Lampoldshausen die entsprechenden Aufgaben haben. Der Anspruch ist da, und es wird weitergehen. Aber es kann genauso passieren, dass man sich in Europa entscheidet, beispielsweise russische oder amerikanische Hardware einzukaufen.

Warum machen wir denn Raumfahrt?
Sänger: Um die menschliche Neugierde zu befriedigen, um eine Option zu bekommen, unsere Zukunft mitzubestimmen, um unsere Jugend zu ambitionieren und damit Forschung und Industrie zu fördern.



 
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