Der Euro ist nur manchmal ein Teuro

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Region - Es wird sie wohl noch viele Jahre geben, die D-Mark-Nostalgiker, die sich ganz sicher sind: Früher war nicht nur alles besser, sondern auch billiger. Dabei sollte sie die offizielle Statistik längst eines Besseren belehrt haben.

Von unserem Redakteur Jürgen Paul

Schmeckt eine SB-Brezel genauso gut?
          Foto: Creativ Collection
Schmeckt eine SB-Brezel genauso gut? Foto: Creativ Collection

Region - Es wird sie wohl noch viele Jahre geben, die D-Mark-Nostalgiker, die sich ganz sicher sind: Früher war nicht nur alles besser, sondern auch billiger.

Dabei sollte sie die offizielle Statistik längst eines Besseren belehrt haben. Denn die sagt ganz klar: Die Teuerung war zu Zeiten der guten alten Mark höher als in der zehnjährigen Euro-Ära. Um durchschnittlich 2,2 Prozent pro Jahr ist die Inflation nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes in den zehn Jahren vor der Euro-Einführung gestiegen. Seit 2002 jedoch haben sich die Güter und Dienstleistungen lediglich um 1,6 Prozent verteuert.

Erfahrungen

Der Euro ist also mitnichten ein Teuro. Doch viele Bürger machten in den ersten Tagen nach der Umstellung schlechte Erfahrungen, weshalb dieses Urteil schnell gefällt war und sich bis heute hartnäckig hält. Wer für seinen Zwiebelrostbraten statt 13,90 Mark plötzlich 13,90 Euro berappen musste, war völlig zu Recht verärgert. Zahlreiche Gastronomen hatten bei der Währungsumstellung schlicht das DM-Zeichen durch das Euro-Symbol ersetzt − und damit viele Gäste verprellt. Auch Friseure, Floristen und andere Dienstleister in der Region hatten die Umstellung zu kräftigen Preiserhöhungen genutzt.

Die Dinge des täglichen Bedarfs, insbesondere Lebensmittel, wurden durch die Euro-Einführung aber selten teurer, sondern teils sogar günstiger. Discounter wie Aldi gaben den Trend vor, in dem sie die Preise bei der Umstellung nach unten abrundeten und dadurch die Konkurrenz unter Druck setzten.

Doch wie haben sich einzelne Produkte wie Butter und Brezeln, Sekt und Saft im langfristigen Vergleich entwickelt? Ein Blick in Werbeanzeigen von damals und heute zeigt, dass Pauschalurteile nicht angebracht sind. Wir haben einige Produkte herausgepickt und nachgerechnet, wie die Preisentwicklung von Anfang 2002 bis heute unter Berücksichtigung der Inflation tatsächlich war.

Butter:

Ein Stück deutsche Markenbutter kostete bei Lidl Ende Dezember 2001 im Angebot 1,69 DM − das sind umgerechnet 86 Eurocent. Heute zahlt man für die 250-Gramm-Packung etwa einen Euro. Rechnet man die Inflation von durchschnittlich 1,6 Prozent im Jahr hinzu, werden aus den 86 rasch 99 Cent. Die gestiegenen Milchpreise sind dabei nicht berücksichtigt. Butter ist also billiger geworden.

Sekt:

Im Sonderangebot für 3,99 DM verkaufte Lidl Ende 2001 den Sekt Söhnlein Brillant. Der Euro-Preis liegt somit bei 2,04. Heute müsste eine Flasche nach Berücksichtigung der Teuerung 2,35 Euro kosten − doch selbst im Angebot zahlt der Kunde mindestens 2,99 Euro. Der Schaumwein ist also seit der Euro-Einführung teurer geworden.

Böller:

Die Knallerei zu Silvester hat sich dagegen drastisch verbilligt. Kostete eine Batterie-Power-Box mit 100 Schuss Ende 2001 noch stolze 14,98 DM (7,66 Euro), gibt es die gleiche Box nun für 4,99 Euro.

Orangensaft:

Ziemlich preisstabil ist der Orangensaft geblieben. Ende 2001 gab es eine 1,5-Liter-Packung Hohes C bei Lidl für 2,44 DM (1,25 Euro), heute kostet die Packung 1,49 Euro − inflationsbereinigt ein nahezu konstanter Preis.

Brezel:

Und der Schwaben liebstes Gebäck? Sie hat sich in den letzten zehn Jahren kaum verteuert. Beim Neckarsulmer Großbäcker Härdtner etwa kostete die Brezel zum Eurostart exakt 49 Cent (statt 95 Pfennig). Rechnet man die Teuerungsrate hinzu, müsste sie heute 56,5 Cent kosten. Der tatsächliche Preis liegt mit 60 Cent sechs Prozent darüber. Eine Steigerung, die angesichts der hohen Rohstoffpreise aber kaum den Vorwurf des Teuro zulässt.

Gefühlte Inflation

Die Höhe der Inflation wird von den Konsumenten unterschiedlich wahrgenommen. Ein Grund für die Abweichungen der „gefühlten Inflation“ zur gemessenen Inflation ist die Tatsache, dass im Warenkorb, der zur Messung herangezogen wird, sowohl Produkte des täglichen Bedarfs als auch langlebige Konsumgüter wie Autos enthalten sind. Die Wahrnehmung von Preisveränderungen ist für die Waren des täglichen Bedarfs aber höher als diejenige für langlebige Konsumgüter. red

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