Den Verlust in Worte fassen
Region Heilbronn - Manche haben eine Traueranzeige dabei, die sie aus der Zeitung ausgeschnitten haben. Genau diese soll es sein.

Region Heilbronn - Manche haben eine Traueranzeige dabei, die sie aus der Zeitung ausgeschnitten haben. Genau diese soll es sein. "Einige bringen sogar ein ganzes Kästchen voller Anzeigen mit", berichtet Gabriela Müller-Beck vom Heilbronner Bestattungsunternehmen "Schäfer Appel".
Wie den Verlust eines Angehörigen in Worte fassen? "Viele kommen auch ohne Textvorlage an den Schalter und schauen, welche Anzeigen in der letzten Samstagausgabe veröffentlicht waren", sagt Andrea Schaufler von der Geschäftsstelle unserer Zeitung in Eppingen. Ein schwarzer Rahmen und ein schlichtes Kreuz − diese Form der Anzeigen sei rar geworden.
Status
Individualität ist auch beim Tod gefragt. "Die Wünsche sind individueller geworden", weiß Bestatter Stephan Appel. "Die Persönlichkeit des Verstorbenen soll zum Ausdruck kommen". Aber auch seine gesellschaftliche Stellung. Je höher der Status, desto größer muss auch die Anzeige sein.
Fallende Blätter, geknickte Rosen, die betenden Hände der berühmten Dürer-Zeichnung − symbolische Motive sind gefragt. Auch Porträtfotos spielen zunehmend eine Rolle. "Von 30 Jahre alten Aufnahmen raten wir aber ab", meint Gabriela Müller-Beck. Die Tradition, Verstorbene zu zeigen, war früher nur in Italien verbreitet.
Selbst wenn es neue Trends gibt, spielt Tradition bei Trauerfällen eine große Rolle. "Genauso wie beim Opa", dieser Wunsch wird häufig geäußert. Psalmen und Bibelzitate wählen viele; immer öfter auch Aphorismen und Gedichtzeilen von Goethe, Rilke oder Albert Schweitzer − für Stephan Appel ein Zeichen, dass Bestattungen weltlicher geworden sind. Eine Auswahl von 100 Versen hält er bereit.
Die Bekanntgabe in der Öffentlichkeit, das halten Pfarrer wie Bestatter noch immer für die wichtigste Botschaft. Doch sind Todesanzeigen auch eine Form von Trauerarbeit, "um dem Verstorbenen gerecht zu werden, um eigene Gefühle auszudrücken und um mit sich selbst ins Reine zu kommen", erklärt der Heilbronner Seelsorger Matthias Treiber. Oft übernimmt er Formulierungen aus der Anzeige in seine Traueransprache.
Anklagen
"Zuhause im Kreise der Familie entschlafen" − vielen sei diese Formulierung wichtig, um zu betonen, dass der Angehörige nicht im Pflegeheim verstorben ist, sagt Appel. Vorwürfe von Hinterbliebenen, etwa Anklagen an Unfallverursacher, erleben die Bestatter eher selten. Was der Tod dagegen häufiger ans Licht bringt, sind Streitereien innerhalb der Familie.
Zwist über die eigene Beerdigung − das will so mancher zu Lebzeiten zu verhindern wissen. Bereits fertig formulierte Anzeigen, bei denen nur noch das Sterbedatum fehlt, füllen bei Bestattungsfachfrau Gabriela Müller-Beck einen ganzen Ordner. "Für die meisten Angehörigen ist das total hilfreich, weil sie im Trauerfall zunächst nicht klar denken können." Und: So könne man in jedem Falle dem Wunsch des Verstorbenen entsprechen.
Der Abgleich mit eigenen Lebensdaten, Teilhabe am Leben und Schicksal anderer, aber auch "für sich selber eine Auseinandersetzung mit dem Tod", sieht Pfarrer Treiber als Grund, warum so viele Menschen Traueranzeigen lesen. "Die eigenen Jahrgänge rücken näher", stelle man mit den Jahren fest. Anzeigenberaterin Andrea Schaufler erinnert sich an den Anruf einer älteren Frau, deren Zeitung einmal nicht geliefert wurde. Ihre größte Sorge: "Jetzt weiß ich ja gar nicht, wer gestorben ist."
Stimme.de