Zum Wohl! Seit 125 Jahren gibt es das Patent auf Kronkorken
Es ist sowohl begehrtes Sammelobjekt als auch ein massenhaft hergestelltes Industrieprodukt: der Kronkorken. Der Verschluss mit den heute 21 Zacken ist auch 125 Jahre nach seiner Erfindung aus der heimischen Getränkeindustrie nicht wegzudenken.

Wie sich doch die Zeiten ändern. Einst war die Bügelflasche normal, egal ob sie Mineralwasser, Limonade oder Bier enthielt. Heute verwenden aber nur noch wenige Brauereien diesen Verschluss, und wenn, dann entweder aus Marketinggründen oder wenn sie spezielle Sorten abfüllen. Denn der Standard beim Bier sind Kronkorken. "Sie sind einfach am hygienischsten", sagt Christian Wunderlich. Der Juniorchef der Herbsthäuser Brauerei, aus dem kleinen Dorf Herbsthausen hart jenseits der Grenze des Hohenlohekreises, steht zu der Metallkapsel.
Nach wie vor werden die traditionellen Kronkorken mit den 21 Zacken für alle 0,5-Liter-Flaschen verwendet, berichtet er. Für die Drittel-Liter-Flaschen suchte die Brauerei vor 16 Jahren allerdings etwas Pfiffigeres. "Wir wollten eigentlich einen Twist-off-Verschluss", erzählt Wunderlich. "Aber keiner konnte uns garantieren, dass die Flaschen bei der Wiederbefüllung auch noch dicht sind." Denn beim Aufdrehen können die Flaschenhälse leicht zerkratzt werden, so dass Luft eintreten würde. Daraufhin entschieden sich die Inhaber der Brauerei im Bad Mergentheimer Teilort für einen sogenannten Ringpull-Verschluss, bei dem ähnlich wie bei einer Getränkedose die Flasche von Hand geöffnet wird, indem man an einem Ring zieht.
Wichtiger Faktor für Bierqualität
Für Christian Wunderlich ist das aber keine grundsätzliche Abkehr vom Kronkorken: "Ich denke, dass er noch ziemlich lange erhalten bleibt", meint er. "Der Biertrinker ist Traditionalist. Und die Flasche fühlt sich am Mund einfach anders an, als wenn sie einen Schraubverschluss hat." Kurzum: "Für uns ist der Kronkorken ohne Alternative."
Das sieht auch Distelhäuser-Marketingleiter Frank Störzbach so. Der Kronkorken verschließe die Flasche luftdicht und sei daher ein wichtiger Faktor für die Bierqualität. "Wir benötigen mehr als 25 Millionen Kronkorken im Jahr", berichtet er.

Es geht aber auch anders − es gibt zum Beispiel auch Bier mit Drehverschluss. Die Crailsheimer Engel-Brauerei setzt seit Jahrzehnten auf dieses System und hält sich ganz aus dem Kronkorken-Geschäft raus.
Andere Marken, wie die heutigen Cluss-Biere, haben zwar einen Kronkorken, aber nur noch ganz ohne Aufdruck: Einfarbig golden glänzt die Kapsel auf diesen Flaschen.
Beliebte Sammlerexemplare
Dass das nicht immer so war, wird beim Blick in diverse Sammlerlisten deutlich: Cluss als Namenszug auf dem Deckel war in früheren Jahrzehnten durchaus üblich. Doch 1996 schloss die Brauerei am Heilbronner Neckarufer, die schon seit 1982 mehrheitlich in den Händen von Dinkelacker war. Die heutigen Cluss-Biere kommen seitdem aus dem Stuttgarter Brauhaus.
Mit den Jahren haben viele Brauer das Design ihrer Kronkorken-Aufdrucke mehrfach geändert. Egal ob Palmbräu in Eppingen, Haller Löwenbräu in Schwäbisch Hall oder Distelhäuser in Tauberbischofsheim: Es gibt teilweise Dutzende Varianten, Jahrgänge und sogar offizielle Sammelexemplare. Eine Zeitlang verwendeten vor allem kleine Regionalbrauereien sogenannte "Taler", eine Aktion, die vom hessischen Rödermark aus organisiert wurde. Unter anderem machten Herbsthäuser und Haller Löwenbräu hier mit.
Mineralwasser-Abfüller verwenden vorwiegend Kunststoff-Schraubverschlüsse
Heimische Limonade- und Mineralwasser-Abfüller verwenden heute hingegen kaum noch Kronkorken. Teusser und Aqua Römer zum Beispiel setzen bei ihren kleinen Flaschen auf Kunststoff-Schraubverschlüsse. Die Saftabfüller Beil aus Neckarsulm und Gunkel aus Heilbronn verwenden für die 0,2-Liter-Fläschchen Metall-Schraubverschlüsse.
Nur die kleineren und größeren Limonaden-Marken gibt es noch häufig mit Metalldeckel. Vom US-Riesen Coca Cola über Orangina − in Deutschland unter der Lizenz von Krombacher abgefüllt − bis zu der Neugründung Suedkola, einer kleinen Firma aus Bietigheim-Bissingen, werden für die kleineren Flaschen ausschließlich Kronkorken verwendet. Außerdem gibt es sie noch bei manchen Mineralbrunnen wie etwa Teinacher und Ensinger. Aber auch Distelhäuser verwendet sie für die nichtalkoholischen Produkte und verschließt damit seine Schorle.
Sammelobjekt und Industrieprodukt
Bier mag eine lange Tradition in Deutschland haben − vergangenes Jahr wurde ja erst 500 Jahre Reinheitsgebot gefeiert. Doch der heutige Standardverschluss ist eine amerikanische Erfindung: William Painter aus Baltimore hatte schon 1890 seine ersten Entwürfe für eine Blechkapsel eingereicht. Die US-Behörden erteilten ihm exakt am 2. Februar 1892 − also vor 125 Jahren − das Patent auf sein "Bottle Sealing Device". Die Patentschrift trägt die Nummer 468 258.
Painter hatte damals noch eine Kapsel mit 24 Zacken konstruiert. Heute sind es 21, zum einen weil die Flaschenhälse etwas enger geworden sind, zum anderen weil es so bei der industriellen Produktion weniger Verkantungen gibt. Denn Kronkorken sind zunächst einmal Industrieware: Neben der von Painter gegründeten Firma Crown Cork, heute Weltmarktführer mit unter anderem einem Werk in Niedersachsen, produzieren eine Handvoll kleiner Hersteller in Deutschland die Metallkapseln.
Arbeitsschritte
Zum Beispiel die Firma Helmut Brüninghaus in Versmold in Westfalen. Täglich werden dort bis zu 35 Millionen Kronkorken hergestellt, wird berichtet. Das Grundmaterial ist verzinntes oder verchromtes Blech, das zu Tafeln geschnitten wird. In einem ersten Arbeitsgang werden die Blechtafeln beidseitig lackiert. Danach werden sie bedruckt, meistens außen, manchmal auch innen − und seit 2012 können sie beim deutschen Marktführer auch geprägt werden. Erst danach folgt das Pressen der 21 Zacken.
Getränkehersteller nutzen diese vielen verschiedenen Möglichkeiten gerne für Marketingaktionen. "Sie sind direkt mit dem Produkt verbunden, vom Verbraucher gelernt und relativ einfach umzusetzen", erklärt der Distelhäuser-Marketingchef Frank Störzbach. "Wir haben hier in der Vergangenheit beispielsweise Kronkorken-Sammelaktionen veranstaltet oder Kronkorken mit innen abgedruckten Gewinncodes gestreut."
Was mitunter auch vor Gericht enden kann: Nächste Woche streiten sich fünf Freunde in Nordrhein-Westfalen um einen Audi, den es 2015 als Hauptgewinn bei Krombacher gab, wenn man den richtigen Kronkorken vorlegte. Denn die Gewinner-Flasche war ausgerechnet bei einer gemeinsam finanzierten Wochenend-Freizeit geöffnet worden, und nun geht es darum, ob auch der Gewinn durch die Teilnehmer geteilt werden muss.
Manche Kronkorken sind aber auch ohne Gewinncodes viel wert. Es gibt Sammlerforen und regen Austausch, insbesondere mit älteren Stücken. Manch einer hat seine komplette Sammlung ins Internet gestellt, das können auch mal mehr als 28.000 Stück sein. Und dann gibt es noch jene, die auch Kronkorken sammeln, aber nur auf das Metall aus sind: Der Erlös, wenn sie hunderte Kilo zum Schrotthändler bringen, wird dann einem guten Zweck gestiftet. Wieder andere fertigen aus Kronkorken Schmuck. Oder Spielwaren. Oder Rasseln. Die Möglichkeiten sind schier unbegrenzt. Ob das William Painter damals geahnt hat? frz
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