Zecken fallen nicht vom Baum
Es ist wieder Zeckenzeit. Und gerade bei uns im Süden lauern sie an vielen Orten. Doch um Zecken ranken sich auch viele Mythen. Was ist richtig, und was ist falsch? Facharzt Gerhard Dobler klärt auf.

Schon wieder Frühling und immer noch nicht geimpft? Dann gilt: besser spät als gar nicht. Denn Zecken lauern hierzulande praktisch überall.
Zecken können neben den bakteriellen Borreliose-Erregern auch andere Erreger übertragen. Viele der kleinen Tierchen tragen auch Viren mit sich, die die Frühsommer-Meningoenzephalitis, kurz FSME, auslösen können. Diese Entzündung kann auf die Hirnhäute und das zentrale Nervensystem übergreifen und schlimme Folgen wie Lähmungen oder Sprachstörungen haben. Im Extremfall verläuft die Infektion tödlich.vEine Impfung kann das Risiko zu erkranken erheblich reduzieren.
Doch um Zecken ranken sich auch viele Mythen. Was ist richtig, und was ist falsch? Privatdozent Dr. Gerhard Dobler aus Wackersdorf, Facharzt für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie sowie Leiter des Nationalen Konsiliarlabors für FSME, klärt auf.
Zecken lassen sich von Bäumen auf ihr Opfer fallen.
Falsch: Zecken fallen nicht von Bäumen, sondern warten in Wiesen, Gräsern, in Büschen oder im Unterholz auf einen geeigneten Wirt. In freier Natur krabbeln sie in der Regel in Höhen zwischen 40 und 80 Zentimetern, seltener über 1,50 Metern hoch hinaus. In diesen Höhen warten sie auf ihr Opfer − Mensch oder Tier. Der potenzielle Wirt streift die Spinnentiere unbemerkt vom Halm ab und nimmt sie mit.
Zecken gibt es nur in freier Natur.
Falsch: Die Parasiten haben längst die Städte erobert. So lautet das wichtigste Ergebnis einer aktuellen Studie der Universität Hohenheim in rund 100 Gärten aus dem Großraum Stuttgart. "Wer aus der Haustür tritt, steht im Lebensraum der Zecken", fasst Professorin Ute Mackenstedt die Ergebnisse zusammen. Seit 2014 kontrolliert die Parasitologin rund 100 Gärten im Großraum Stuttgart regelmäßig auf Zecken. Ergebnis: "Inzwischen können wir in 60 Prozent aller Gärten Zecken nachweisen − in Einzelfällen fanden wir in einer halben Stunde bis zu 800 Tiere."
Zecken beißen nicht, sie stechen.
Richtig: Auch wenn viele umgangssprachlich den Begriff Zeckenbiss verwenden: Zecken stechen. Wenn sie eine geeignete Einstichstelle gefunden haben, reißen sie mit ihren scherenartigen Mundwerkzeugen die Haut des Wirts auf und stechen mit ihrem speziellen Rüssel hinein, durch den sie Blut saugen. Da sich die FSME-Viren im Speichel der Zecke befinden, kann eine Übertragung sofort erfolgen.
Klebstoff oder Öl töten die Zecke schnell und problemlos.
Ja, aber: Wird die Zecke mit Klebstoff oder Öl bedeckt, erstickt sie und kann im Todeskampf sehr viele Krankheitserreger abgeben, vor allem Borrelien aus dem Darm.

Zecken muss man aus der Haut ziehen statt drehen.
Richtig: Zecken haben kein Drehgewinde. Beim Drehen besteht die Gefahr, dass der Stechapparat, umgangssprachlich "Kopf" genannt, stecken bleibt. Er wird allerdings meist mit der Zeit vom Körper abgestoßen. Wird die Zecke senkrecht aus der Haut gezogen, kann sie meist sauberer entfernt werden. Das sollte so schnell wie möglich geschehen. Dazu sollte die Zecke − beispielsweise mit einer Zeckenkarte, den Fingernägeln oder einer Pinzette − vorsichtig und möglichst hautnah gegriffen werden, ohne dass sie zerdrückt wird. Dann kann sie langsam und vorsichtig herausgezogen werden. Nach dem Entfernen sollte die Hautstelle gereinigt und desinfiziert werden.
Nach einer Wanderung sollte man die Kleidung reinigen. In der Waschmaschine überlebt die Zecke nicht.
Teils, teils: Die meisten Zecken sind zäh und können einen normalen Waschgang bei 40 Grad Celsius überleben. Wenn man zu diesem eher nicht empfehlenswerten Mittel greift, um die Zecke zu vernichten, sollte man die Waschmaschine auf mindestens 60 Grad Celsius einstellen. Diese Temperaturen überlebt der Parasit in der Regel nicht. Darüber hinaus empfiehlt es sich, die getragene Kleidung zum Beispiel über der Badewanne gut auszuschütteln und eventuell abzusuchen.
Zecken sind nur im Frühjahr und Sommer aktiv.
Falsch: Zecken sind nicht nur in den wärmeren Jahreszeiten unterwegs. Sie werden aktiv, sobald es an mehreren aufeinanderfolgenden Tagen sieben Grad Celsius warm oder wärmer ist. In Deutschland reicht die Zeckensaison deshalb in der Regel von Februar bis Oktober. Der Beginn oder das Ende der Saison kann sich bei entsprechenden Temperaturen aber auch verschieben. Wenn der Winter mild ist, können die kleinen Spinnentiere mitunter sogar ganzjährig aktiv sein.
Borreliose und FSME: einmal geimpft − gegen alles geschützt.
Falsch: Schön wäre es. Leider ist es ein Irrglaube, dass man sich mit einer Impfung gegen Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) gleichzeitig den Schutz gegen Borreliose holt. Ein Impfschutz kann das Risiko, nach einem Zeckenstich an einer FSME-Virusinfektion zu erkranken, erheblich verringern. Gegen Borreliose gibt es keine Impfung, sie lässt sich aber vor allem im Frühstadium gut antibiotisch behandeln. Unerkannt und unbehandelt kann die Borreliose zu chronischen Schädigungen unter anderem des Herzens, der Nerven und der Gelenke führen.
Gegen Zecken kann man sich schützen.
Richtig: Gute Vorsorge ist wichtig. Dazu zählt Kleidung mit langen Ärmeln und Hosenbeinen, damit der Körper weitgehend bedeckt ist, außerdem eine Kopfbedeckung und feste Schuhe. Repellents (chemischer Zeckenschutz) können zusätzlich schützen. Im Nachgang ist das gründliche Absuchen der Haut nötig: Zecken stechen bevorzugt in den Bereichen Haaransatz, Ohren, Hals, Achselhöhlen und Ellenbeugen, Bauchnabel, Hüfte, Genitalien und Kniekehlen.
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