Wurst, Milch und Zwetschgen aus dem Automat
Mit vielen Lebensmitteln kann man sich in Heilbronn, im Landkreis und in Hohenlohe mittlerweile rund um die Uhr eindecken. Denn an Automaten sind immer mehr Produkte für den täglichen Bedarf erhältlich.
Das Landgericht Mosbach hat Doc Morris den Verkauf von Medikamenten mit Hilfe eines Automaten in Hüffenhardt verboten. Doch Fleisch und Wurst, Eier, Milch, Gemüse und Süßwaren gibt es zwischenzeitlich überall auch aus dem Automaten, bei Metzgern, Bauern oder − wie im Hohenlohischen − als Alternative zum Tante-Emma-Laden.
Vorteil: Die Geräte sind 24 Stunden in Betrieb, 365 Tage im Jahr. Da nehmen viele Kunden in Kauf, dass die Auswahl begrenzt ist. Wobei, was heißt begrenzt? Die Firma Seidensticker hat einen eigenen Automaten für Hemden, Closed verkauft Hosen, Calvin Klein Unterwäsche, Media Markt und Saturn bieten an Flughäfen Elektronikgeräte feil − alles mit Hilfe von Automaten.
In Ländern, wo das Automatengeschäft verbreiteter ist als bei uns, sind Menschen Zielgruppe, die zu den regulären Öffnungszeiten nicht einkaufen können. In Deutschland nutzen Händler und Bauern den Automaten als zusätzliches Standbein.
Marinierte Steaks und Secreto für die spontane Grillparty

Feierabend. Alle Läden zu. Und der Nachbar lädt spontan zum späten Grillen ein. Menschen, die dann noch schnell was brauchen, ziehen sich ihre Ware am Fleisch- und Wurstautomaten eines Metzgers. "Den definitiv ersten" in der Region hatte Metzgermeister Michael Württemberger aus dem Heilbronner Stadtteil Frankenbach.
Seit fünf Jahren betreibt er seinen Automaten von UKO: "Ich wollte Leute erreichen, die nicht in den Laden kommen", sagt er. Vor allem junge Leute holen sich bei ihm ein Päckchen marinierte Steaks, Secreto oder Grillbauch: "Spontan-Griller" nennt Württemberger sie: "Da muss man sich wundern, wo die überall herkommen." Weil an sonnigen Wochenenden viel läuft, muss der Metzgermeister bis zu vier Mal am Tag (oder in der Nacht) nachfüllen. Da komme man ins Gespräch: "Sogar aus Löwenstein kam mal einer."
Die Idee habe ihm gefallen, erzählt Michael Württemberger, als er auf der Fleischer Diskussions-Plattform K-Konzept auf den Wurstautomaten stieß. Für die verderbliche Ware ist er extra umgerüstet worden. Die Temperatur entspricht mit konstant vier Grad der eines Kühlschranks. Er rentiert sich, sagt Württemberger: "Vor allem im Sommer." Schwein, Rind, Geflügel. Mariniert oder natur. Paarweise oder aufgespießt. Mal sechs Päckchen in einer Spirale, mal zehn. Wer über Fleisch hinaus noch was braucht, findet dort auch Alkoholfreies, Wurstsalat mit Gabel und Gummibärchen. Die Preise sind gegenüber den Ladenpreisen etwas nach oben gerundet: "Der Aufwand ist höher." Alles ist fein säuberlich vakuumiert. Und ist der Sommer vorbei, gibt es Winterware: Dann füllt Michael Württemberger seinen Automaten mit Rouladen oder Gulasch aus dem Glas, mit Spätzle und mit Whiskybeißern.
Viele Kunden lieben frische Milch, direkt von der Kuh

Rückblickend hat Birgit Wolf nicht den geringsten Zweifel: "Das war eine gute Idee." Vor zwei Jahren hat die Bäuerin aus Brackenheim-Dürrenzimmern, die mit ihrer Familie einen Milchviehbetrieb mit 100 Kühen führt, vor ihrem Wohnhaus einen Milchautomaten aufgestellt. "Früher konnten die Leute, wenn sie Milch wollten, nur zu bestimmten Zeiten kommen, und oft hat es nicht gepasst", erzählt sie. "Jetzt steht unsere Milch 24 Stunden bereit, rund um die Uhr."
Das Angebot nutzen viele. "Der Automat wird sehr gut angenommen", sagt Birgit Wolf. "Sogar nachts um drei." Schichtarbeiter zählen eben auch zur Kundschaft. Dass ihr Betrieb an der Ortsdurchfahrt liegt, mit Parkplätzen direkt vor der Tür, ist sicher kein Nachteil. Im Übrigen reicht das Einzugsgebiet bis Bönnigheim, Lauffen oder Leingarten. Klar, dass diese Käufer nicht wegen eines Liters kommen, sondern in der Regel mehrere Flaschen füllen. Bis zu fünf Liter können am 100-Liter-Automaten mitgenommen werden.
"Viele Kunden sagen: Ich will nur noch diese Milch", freut sich Birgit Wolf. Sie schmecke einfach anders. Süßlicher. Verkauft wird die unbehandelte "Originalmilch", lediglich heruntergekühlt von 37 auf vier Grad. Je nach Kuh kann der Eiweiß- und Fettgehalt leicht variieren. 80 Cent verlangen die Wolfs für den Liter.
Und auch wenn der allergrößte Teil der Milch an Campina in Heilbronn geht, hat sich die Direktvermarktung doch zumindest zu einem kleinen zusätzlichen Standbein entwickelt. "Eines, das aber auch Geschäft bedeutet", sagt Birgit Wolf. Mehrfach am Tag schaut sie, ob das Gerät aufgefüllt werden muss, ob rund um den Automaten alles sauber ist. Und ein Mal pro Tag müssen die Leitungen komplett durchgespült werden.
Nichts ist begehrter als Süßigkeiten

Stefan Hartmann weiß genau, wie es lief, wenn die Jungs aus den umliegenden Dörfern freitagabends auf Diskotour waren: Muss er viele Kondompackungen nachfüllen, lief es gut. Muss er viel Toastbrot und Büchsenwurst nachfüllen, lief es weniger gut.
Wo früher am Teichhof in Sindringen ein Misthaufen seinen Duft verströmte, locken seit gut zwei Jahren Schokolade und selbstgemachter Joghurt: Der Molkerei-Besitzer hat dort das Limescenter gebaut. Sechs Automaten versorgen die Dorfbewohner nun rund um die Uhr mit allem, was man braucht: Apfelringe, Mehl und Backpulver drehen sich da. Die Idee entspross, weil er lange auf die Baugenehmigung für seine Hofmolkerei warten musste. Kurzerhand kaufte Hartmann drei kaputte Automaten im Internet, die zuvor auf einer Fähre nach England unterwegs waren, und bastelte zwei funktionierende daraus.
Vor allem Kinder tummeln sich nun mit leuchtenden Augen vor den Automatenscheiben: Auf Zehenspitzen versucht der kleine Eduard, seine Münzen einzuwerfen. Noch vor Kondomen sind Süßigkeiten das begehrteste Produkt. "Wir nehmen einen nennenswerten Teil vom Taschengeld hier mit", sagt Hartmann schmunzelnd. "Der Süßigkeitenautomat bringt ungefähr so viel Geld ein wie der Rest zusammen." Eduard zieht glücklich einen Schokoriegel aus der Klappe.
Viel Gewinn spucken die Automaten nicht aus. Bei ungefähr eineinhalb Stunden Arbeit pro Tag kommt Hartmann gerade so auf den Mindestlohn. Was ihn antreibt, trotzdem weiterzumachen? "Der Beitrag fürs Dorfleben ist absolut nicht zu unterschätzen", weiß er. Außerdem hofft er, dass sich die Kaufkraft der Kinder, die nun in Süßigkeiten investieren, mit den Jahren erhöht. Irgendwann werden auch sie auf Diskotour fahren.
Optimal gekühlt: Spargel, Apfelsaft und Beeren

Der Nachbar holt schnell ein paar Eier. 16 kleine und neun große Felder des Automaten, den Rolf und Gerlinde Wagner für den Verkauf nutzen, sind gefüllt mit knackig frischen Johannisbeeren, Äpfeln, selbst gemachtem Apfelsaft, Fruchtaufstrichen und Honig. Verkauft wird, "was wir selbst haben". Da die Wagners beide noch berufstätig sind, ermöglicht der Automat ihnen die Direktvermarktung ihrer Produkte.
Seit zehn Jahren steht der Automat auf ihrem Hof: "Zwischenzeitlich hat auch die Metzgerei Höfle hier in Eppingen einen Wurst- und Fleischautomaten. Aber wir waren Pioniere, als es hier so was noch nicht gab", sagt sie. Begonnen hat alles mit Grünspargel. "Wir haben mit Kühltasche und Kasse gearbeitet. Doch dann hat immer wieder die Kasse nicht gestimmt. Zwei Jahre haben wir nach einer Alternative gesucht." Ein Hofladen, sagt Gerlinde Wagner, hätte sich nicht rentiert.
Der Automatenverkauf auf dem Kraichgauhof hat sich eingespielt: "Selbst die älteren Leute schätzen unser Angebot." Wenn sie da ist, bleiben die Kunden auch gern mal auf einen Schwatz. "Wir haben eine gute Lage. Der Automat läuft gut." Für den Kraichgauhof sei er die richtige Lösung, um zum Beispiel die Eier ihrer 80 Hühner direkt zu vermarkten. "Da brauchen wir uns keine Sorgen machen, dass wir die nicht losbekommen."
Begehrt sind aber auch die Beeren: "Da stelle ich rein, was ich habe. Diejenigen, die Eier holen, nehmen auch mal ein Schälchen Zwetschgen mit." Und dann sind da noch die Äpfel, das Hobby von Gerlinde Wagner: "Mit 60 Bäumen habe ich angefangen, jetzt habe ich 420." Allerdings ist dieses Jahr kein Apfeljahr. 80 Prozent des Bestands ist erfroren: "Dieses Jahr ist ein Schmerzjahr für uns. Wie wir es machen, wissen wir noch nicht."
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