Stimme+
Kommunikation

Von der Feldpost zu den fünf Ziffern

   | 
Lesezeit  3 Min
Erfolgreich kopiert!

Vor 75 Jahren wurden die Postleitzahlen eingeführt

Von unserem Redakteur Heiko Fritze

Wer einen Brief verschicken will, kommt ohne sie eigentlich nicht aus. Post ohne Postleitzahl − in Deutschland nahezu undenkbar. Viele Ältere kennen auch noch die vierstelligen Ziffern für ihren Heimatort, die man ebenso wie jene der Nachbarorte ja ziemlich rasch auswendig konnte. Heute, in der Ära der fünfstelligen Codes, ist das nicht mehr so einfach − zumal es in Großstädten mehrere Bezirke mit jeweils eigener Ziffernfolge gibt.

Ganz am Anfang stand jedoch eine pragmatische Antwort auf eine Frage, die sich aus der Situation ergab: 1941, erst recht nach dem Überfall auf die Sowjetunion, wurde die Reichspost mit Briefen der im Einsatz befindlichen Soldaten und ihrer Angehörigen förmlich überflutet. Die sogenannten Feldpostnummern reichten zwar aus, um die Briefe und Päckchen zu den jeweiligen Einheiten an die Front zu bringen. Auf dem Rückweg wurde es dann aber kompliziert, erst recht, wenn es Ortsnamen doppelt, dreifach, sogar dutzendfach gab − etwa Neustadt oder Forst. Also wurden per Verfügung exakt am 25. Juli 1941 die ersten Postleitzahlen eingeführt. Sie galten zunächst nur für Päckchen und bestanden bloß aus zwei Ziffern, manchmal mit einem hintenan gestellten Buchstaben. Die Zuordnung geschah auch nicht ortsweise, sondern nach den Gauen des damaligen Dritten Reichs. Aber damit war ein System geboren, das nach und nach zahlreiche Staaten der Welt ebenfalls einführten − 1963 folgte als zweite Nation weltweit die USA, 1964 als dritte die Schweiz. Heute gibt es Postleitzahlen fast überall auf der Welt − mit Ausnahme von einigen wenigen Staaten wie Peru, dem Jemen, Panama oder einiger west- und südafrikanischer Länder und kleinen Inselstaaten.

Post in den Raum Heilbronn trug 1941 übrigens die Ziffer 14 − für den württembergischen Teil. Empfänger im Badischen erhielten Post unter der Ziffer 17a. Die Versender mussten diese Zahl in einen Kreis eintragen, der extra auf Postkarten aufgedruckt wurde − seit 1943 galt das System nämlich auch für Briefe und Karten. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs blieb es übrigens nahezu unangetastet. Die Besatzungstruppen übernahmen das Codesystem, allerdings teilten sie es bei Bedarf nach ihren Besatzungszonen auf. Daher war Heilbronn fortan unter 14a zu erreichen − denn die Stadt und ihr Umland lagen in der amerikanischen Zone. Post für Reutlingen oder Ravensburg trug hingegen die Ziffer 14b. Die 17a, die zuvor ganz Baden getragen hatte, galt nun nur noch für die amerikanische Zone, während die 17b, einst für das Elsass reserviert, nun für Französisch-Baden galt.

Kampagne Allerdings − weit verbreitet waren diese Postleitzzahlen ohnehin nicht. "Viele schrieben damals einfach nur zur Adresse, welche größere Stadt sich in der Nähe befand", erinnert sich Hugo Gimber, Post-Sprecher in Stuttgart. "Also etwa: Bei Mosbach in Baden." Kein Wunder, dass die Deutsche Post 1962 eine große Kampagne starten musste, um die soeben eingeführten, vierstelligen Ziffern in den Köpfen der Bevölkerung zu verankern. Im neuen Medium Fernsehen wurde schließlich 1964 die Show "Vergissmeinnicht" aus der Taufe gehoben. Unter dem Entertainer Peter Frankenfeld und seinem Assistenten Walter Spahrbier − tatsächlich ein Postbeamter − war es die bis dahin erfolgreichste Show des neuen Senders ZDF.

Im Alltagsleben setzten sich die vier Ziffern allmählich durch. Zumal es ja auch gelegentlich einfacher ging: Die Nullen am Ende konnten auch weggelassen werden. Post ging dann an "8 München" oder "1 Berlin". In solchen Großstädten gab es dann wieder Bezirke, deren Nummerierung hinter dem Ortsnamen auftauchte. "Die waren im Uhrzeigersinn angeordnet", erzählt Hugo Gimber. "Und es gab in den Briefverteilzentren manche Mitarbeiter, die konnten die Postleitzahlen von ganz Deutschland auswendig." Manch einer habe auch ganz automatisch die Briefe nach den Bahnstationen sortiert, an denen die Säcke zur weiteren Zustellung ausgeladen wurden. In der Tat − eine Karte, die sich im Frankfurter Museum für Kommunikation befindet, zeigt, dass die vierstelligen Postleitzahlen aufsteigend nach Bahnstationen vergeben waren − je weiter weg vom Startbahnhof am zentralen Verteilzentrum, desto höher die Zahl. Heilbronn hörte jedenfalls in jenen Jahren auf die Postleitzahl 7100 − oder kurz 71. Denn die Stadt war die erste (und einzige) an der Bahnstrecke von Stuttgart nach Norden, die noch in der Siebener-Zone lag. An der einstigen badischen Grenze begann dann die Sechser-Zone.

Bis dann die Wiedervereinigung kam. Denn auch in der DDR hatte es vierstellige Postleitzahlen gegeben, während parallel im westdeutschen System schon 2600 Ziffern für das Gebiet der DDR reserviert waren. Das führte zu Problemen, da zum Beispiel sowohl Bonn als auch Weimar auf 5300 hörten − man behalf sich zunächst, indem man die Großbuchstaben O oder W davorstellte.

Buch Das fünfstellige System wirbelte aber nicht nur vertraute Zahlenfolgen durcheinander. Nun wurden Orte nach Stadtteilen, zum Teil nach Straßen unterteilt. Und zudem begann die Zählung in den Postämtern selbst, an den Postfachschränken. Erst nachdem diese durchnummeriert waren, ging es mit den Straßen weiter. Also startet heute in Heilbronn die Zählung bei 74072 und nicht bei 74000. Darum besaß lange Jahre, erst recht vor dem Siegeszug des Internets, fast jeder Haushalt das dicke Postleitzahlenbuch, um bei Bedarf nachschauen zu können, welche Zahl für welche Straße in München, Münster oder Müritz verwendet werden muss.

Einfacher sind sie also nicht geworden in den 75 Jahren, die deutschen Postleitzahlen. Doch Trost spendet der Blick auf die Weltkarte: Es gibt gar nicht mal so wenige Staaten, die auf noch mehr Stellen in der Zahlen- und Ziffernfolge kommen. Brasilien hat etwa acht Stellen − und der Iran sogar zehn.

Nach oben  Nach oben