Späte Kälte gefährdet frühe Blütenpracht

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Dass es jetzt noch Frost und Schnee gibt, bereitet Landwirten Sorgen. Erdbeeren könnten erfrieren. Auch die Obsternte könnte Schaden nehmen.

Von Patricia Okrafka

"Dieses Jahr blüht alles sehr schnell", sagt Gottfried May-Stürmer vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND). Der Frühling hat es besonders eilig gehabt − zumindest vorübergehend: Bis Ostern herrschten milde Temperaturen, der März gilt als wärmster März seit Beginn der Wetteraufzeichnungen in der Region.


Jetzt drohen Temperaturen unter null Grad − ein ganz normaler Wetterumschwung, der angesichts der fortgeschrittenen Vegetation aber ungewohnt heftige Folgen für den Obst- und Weinbau haben könnte.

"Das ist außergewöhnlich"

May-Stürmer fällt vor allem auf, dass Kern- und Steinobstbäume gleichzeitig Blüten tragen. "Kirschen, Birnen, Äpfel − alles blüht auf einen Schlag. Das ist außergewöhnlich", sagt der Diplom-Biologe. Normalerweise blühen die verschiedenen Obstbäume im Abstand von eineinhalb Wochen − dieses Jahr brauchten sie nur drei Tage.

Laut May-Stürmer verschiebt sich die Blütezeit immer mehr nach vorne. "Das erkennt man anhand von Daten der Blütenphänologie. Es wird beispielsweise notiert, wann der erste Apfelbaum zu blühen beginnt", erläutert er. Experten geben dem Klimawandel die Schuld, aber auch die aktuellen Witterungsverhältnisse spielen eine wichtige Rolle.

Pflanzen blühen zehn Tage früher

Viel zu früh dran: Blühende Apfelbäume in den Bönnigheimer Obstanlagen. Foto: Andreas Veigel
Viel zu früh dran: Blühende Apfelbäume in den Bönnigheimer Obstanlagen. Foto: Andreas Veigel

Auch Dietmar Rupp (58), Agrarbiologe an der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau in Weinsberg, erkennt Veränderungen: "Es gibt eine Tendenz zu früherem Austrieb. Heute blühen Pflanzen im Vergleich zu den 70er Jahren etwa zehn Tage früher." Auch Rebblüten sind davon betroffen. Eine Konsequenz kann die einsetzende Traubenfäulnis sein, die sich erst im Spätsommer bei der Lese zeigen wird.

"Man will keine Turbo-Vegetation", sagt Rupp. Vor allem das Spätfrostrisiko beschäftigt die Landwirte. "Alles, was grüne Blätter hat, kann kaputt gehen. Am besten ist immer ein Austrieb nach dem letzten Frosttag", so Rupp. In den vergangenen zehn Jahren lag der letzte Frosttag im April meist in der ersten oder zweiten Woche, eine Ausnahme gab es 2016: Damals hatte es sogar noch am 29. April Minusgrade.

Spätfrost ist ein ernstes Problem

Im Laufe der Woche sollen die Temperaturen unter null Grad sinken − viele Blüten im Obst- und Weinbau würden absterben. Spätfrost ist zwar nicht ungewöhnlich, aber die Kollision mit der verfrühten Blütezeit ist ein ernstes Problem. Noch sind die Konsequenzen nicht absehbar − Rainer Engel, Sachgebietsleiter für pflanzliche Erzeugung beim Landratsamt, ist aber besorgt: "Wenn der Frost einsetzt, wird es gravierende Schäden geben", erwartet er.

Während die Obstbäume in ihrer vollen Pracht blühen, beklagen sich Landwirte über den zu trockenen Winter. "Dem Wintergetreide fehlt Wasser", sagt Dietmar Rupp. Die hohen Niederschlagsmengen im vergangenen Jahr füllten das Grundwasser nicht auf, da es zu schnell abfloss und nicht versickern konnte. "Der Regen im Winter ist im Frühling essenziell für die Vegetation", so Rupp.

Der Niederschlag, der an Ostern einsetzte, ändert kaum etwas an der Bodentrockenheit. "Es ist besser als nichts, aber zehn Liter pro Quadratmeter reichen nicht aus, um die Ressourcen aufzustocken", erläutert Rainer Engel. Etwas Positives am trockenen Boden gibt es dann doch: "Die Felder lassen sich besser bestellen, sonst ist es oft zu nass", so Engel.

Stress für die Erdbeeren

Marco Kemmler zeigt Erdbeerpflanzen mit fast reifen Früchten. Foto: Andreas Veigel
Marco Kemmler zeigt Erdbeerpflanzen mit fast reifen Früchten. Foto: Andreas Veigel

Auch für Marco Kemmler (42), Obst- und Gemüsebauer aus Bad Friedrichshall, ist Spätfrost ein Thema. "Die Erdbeeren im Freiland würden erfrieren − bei Temperaturen von minus drei Grad sind sogar die Früchte im Tunnel gefährdet. Auch unser Zucchini würde absterben, dieser verträgt gar keinen Frost", sagt Kemmler.

Die Blütezeit der Erdbeeren begann zwar nicht zu früh, aber die Früchte können zum Teil jetzt schon geerntet werden. Dafür verantwortlich sind die vergleichsweise hohen Temperaturen im März. Um die Erdbeeren und Zucchinis vor bevorstehenden Frostschäden zu schützen, deckt Kemmler sie zusätzlich mit Vlies ab.

 

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