Motivationsschub für Mitarbeiter
Lichtensterner Werkstätten Willsbach sind fertig − Behinderte bestimmen künftig mit

Wohnortnahe Arbeitsplätze. Mittendrin zwischen Gewerbe- und Handwerksbetrieben mit der Chance auf weitere Außenarbeitsplätze und Aufträge. Wenige Schritte vom S-Bahn-Halt Bahnhof entfernt. Das sind Standortvorteile der Lichtensterner Werkstätten Willsbach. Der vier Millionen Euro teure Neubau im Gewerbegebiet Dimbacher Straße ist maßgeschneidert für Menschen mit Behinderung. Hier haben sie bessere Bedingungen als im langjährigen Provisorium in Weiler. "Schöner kann man es eigentlich nicht kriegen", sagt Eberhard Karrer und blickt sich in der 900 Quadratmeter großen Produktionshalle um.
Mehr Platz "Es ist größer, und auch der Speisesaal ist sehr schön. Es macht mehr Spaß", bestätigt Sabine Tischendorf. Die Lauffenerin ist nicht die einzige, bei der Karrer und die drei anderen Gruppenleiter einen Motivationsschub beobachten. Nach einer Bauzeit von 14 Monaten ist der Standort am 14. April in Betrieb gegangen mit zunächst der Hälfte der 72 Arbeitsplätze.
Benjamin Ruoff putzt das Anbauteil für eine Traktor-Karosserie blitzblank, ehe er zur Nietpistole greift. Er und seine Kollegen sind stolz, in Willsbach zu sein, haben sie sich doch dafür bewerben müssen. Das ist Teil des neuen Konzepts von Mitsprache und Mitverantwortung, das die Evangelische Stiftung Lichtenstern hier umsetzt. Die Männer und Frauen in der Montage und Verpackung sind in alle Prozesse eingebunden, von der Wahl ihrer Aufgabe bis zur Auftragsannahme.
"Als Handwerker war mir langweilig", stellt sich Betreuer Josef Gmoser gern dieser neuen Herausforderung. "Man muss alles so strukturieren, dass es einfach zu schaffen ist. Das ist das Interessante, die Leute zu mehr Selbstständigkeit heranzuführen", erklärt Arbeitserzieher Sebastian Kercher.
Alles ist auf die Bedürfnisse der Behinderten abgestimmt. Das fängt bei den elektronischen Türen an, die den Rollstuhlfahrern Barrierefreiheit garantieren. Auch der Elektro-Hubwagen, der das Material zu den Verpackungsmaschinen und Montageplätzen bringt, lässt sich besser rangieren. So können mehr Behinderte für den Gabelstapler geschult werden.
Nicht nur durch die Optik besticht die Produktionshalle mit den großen Fensterfronten und Lichtkuppeln, der Holzverkleidung und den offen liegenden Lüftungsrohren. Der Geräuschpegel durch die gebohrten Holzplatten an der Decke ist gering. "In Weiler war es lauter", sagt Gruppenleiter Alexander Elis. Die Arbeitsbedingungen seien deutlich angenehmer, was sich auf die Beschäftigten auswirke. "Es ist nicht so hektisch für sie."
Ein Gong ertönt. Essenszeit. Lasagne mit Salat und eine Quarkspeise zum Nachtisch, angeliefert aus der Lichtenstern-Küche und serviert von der Versorgungsgruppe, lassen sich die Mitarbeiter schmecken. Auch der Speisesaal strahlt Wärme aus, bietet Wohlfühlatmosphäre, in der man gerne arbeitet − und lebt. Dieses Ziel sei Architekt Wolfgang Kuhn sehr gut gelungen, betont Sybille Leiß, Vorstandsvorsitzende der Stiftung.
Entwicklung "Der 14. April war für mich einer der schönsten Tage in meinem Berufsleben", sagt Gesamtwerkstattleiter Nikolaus Pflanzer zum Einzugstermin. Gleich doppelt: Denn auf den Tag genau vor 13 Jahren habe der Landeswohlfahrtsverband die Zusage zum Neubau gegeben. Eine lange Durststrecke. Pflanzer gewinnt ihr auch Positives ab. Damals wäre die Werkstatt einsam und allein im Gewerbegebiet gewesen. "Als wir vor 13 Jahren geplant haben, haben wir von einer S-Bahn nur geträumt." Und Leiß weist auf eine veränderte Sichtweise hin, auf die Entwicklungen in der Behindertenarbeit. Pflanzer verdeutlicht: "Wenn die Mitarbeiter etwas nicht können, liegt das an uns."



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