Lesersommer in der JVA: Von enger Zelle bis zum Tanga-Produkt
Teilnehmer am Stimme-Lesersommer erlebten eine vielfältige Führung durch das Heilbronner Gefängnis mit so mancher Überraschung.
Der Vergleich ist plastisch: "Der Knast ist wie ein kleines Dorf. Hier wird eingekauft, man kann zum Doktor gehen, es gibt Gottesdienste, einen Sportplatz." Mit diesen Worten charakterisierte der langjährige Justizvollzugsdienstleiter Werner Gemmrich das Heilbronner Gefängnis.
Bei der Lesersommerführung durch die Gebäude an der Steinstraße merkte er aber auch kritisch an: Derzeit sei es etwas angespannter unter den Gefangenen, da habe man bei einer Führung durch den Zellentrakt "schon ein bisschen Bauchweh".
Es blieb ruhig, als die Gruppe erst eine neun Quadratmeter kleine Zelle im Altbau und dann eine etwas größere im Neubau inspizierte. Vorbei an Gefangenen der Küchenbrigade, von denen einige grüßten, andere ein Foto von sich einforderten. "Auf Wiedersehen", sagte ein Häftling − und lachte dann über den Spruch.
333 Gefangene aus 32 Nationen
Große Netze zwischen den Stockwerketagen fielen ins Auge. Sie sind nötig, damit ein Gefangener nach einem Streit "nicht über die Reling geht", wie Gemmrich erklärt. 333 Gefangene aus 32 Nationen sind aktuell im Haus. 55 Prozent sind Deutsche, elf Prozent Türken, dann folgen Kosovaren, Gambier, Rumänen, Algerier, Albaner. Viele sitzen wegen Raub oder Drogengeschäften, etwa 15 Prozent wegen Mord und Totschlag. Um 6 Uhr wird geweckt, ab 6.20 Uhr ist Arbeitsbeginn. Gefangene haben Arbeitspflicht − als Reiniger, in der Küche, in der Verwaltung oder in den Werkbetrieben. Wer es verweigert, erhält Strafsanktionen − und kann auch kein Geld verdienen, um im Gefängnisladen einzukaufen.
Neben Ballsportarten ist Kraftsport an Geräten in der Sporthalle beliebt. Wer kräftig sei, wird nicht angegriffen, verdeutlicht Gemmrich. Er sieht Vorteile, weil die Häftlinge danach ausgepowert seien und ruhiger schlafen. Angst hätten Vollzugsmitarbeiter nicht, aber: "Eine gesunde Vorsicht gehört zum Geschäft." Das Funkgerät mit Alarmtaste ist immer dabei.
Was so alles produziert wird
Wie vielfältig in den Gefängnis-Betrieben produziert wird, überraschte. Textilien mit Aufdrucken, allerlei Karten und Hefte werden in der Druckerei auf Wunsch externer Kunden gefertigt. "Vom String-Tanga bis zur Arbeitsjacke war schon alles dabei", erklärte der technische Leiter Helmut Fietz.
Im Montagebetrieb werden Metallstifte für Rollos, Bollerwagenreifen und Kanuwagen zusammengebaut oder Schutzkartons für Sägeblätter gefaltet. In der Schlosserei entstehen Zäune, Gartenbänke, Rosenbögen, Stühle, Tische. In der Schreinerei sind Büromöbel wie Schränke und Regale, ein Lkw wird hier pro Tag bestückt. "Wir verstehen uns als verlängerte Werkbank für Firmen draußen", verdeutlicht Fietz − vor allem bei personalintensiven Arbeiten.
Der Leingartener Otto Hackel war von der Führung angetan. "Es ist erstaunlich, was da hinter den Mauern alles entsteht." Das sei wie ein richtiges Unternehmen. Die Beilsteinerin Annemarie Kämpf hatte in der kleinen Zelle ein beklemmendes Gefühl. "Wenn man bedenkt, dass man da längere Zeit nicht rauskommt." Die Gruppe kam wieder raus − ohne Probleme.

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