Frischer Wind am Altneckar
Erstes Street-Food-Festival zieht 12.000 Besucher an. In Gestaltungs- und Platzfragen besteht aber noch Abstimmungsbedarf.

Ziemlich exotisch muteten übers Wochenende die Ufer des Altneckars an. In Verlängerung der Gastro-Meile fand bis zur Eishalle das erste Heilbronner Street-Food-Festival statt. Der Begriff sei einfach mit "Essen über d’ Gass’" zu übersetzen, meinte ein Beschicker. Hobby- und Profiköche sowie Systemgastronomen brachten an 42 festen und mobilen Ständen allerhand handliche Speisen aus vier Kontinenten unters überwiegend junge Publikum.
12.000 Besucher kamen und verzehrten nach Angaben des Veranstalters Stefan Hamann 25.000 Portionen: zum Beispiel Burritos, Strudel, Arepas, Hot Dogs, Maultaschen, Panzerotti, Yoshuku, Pasta − die Speisenpalette war enorm. Am Samstagabend ging mancherorts gar das Essen aus.
"Über die vielen schicken Leute", wunderte sich Steve Armstrong. Der in New Jersey geborene US-Soldat aus Pirmasens half Rainer Matz beim Sandwich-Machen. Der Feinschmecker hat sich nach acht Jahren als Küchenchef des 4500-Betten-Hotels MGM Grand in Las Vegas selbstständig gemacht. Nicht nur er findet am Neckar vor allem das Ambiente "toll". Nese Noyan hatte eine kürzere Anreise. Die 27-jährige Wirtschaftswissenschaftlerin baut mit ihrer Familie im Stuttgarter Osten den Feinkosthandel Cerez auf. Ihre türkische Bio-Süßigkeiten verkaufe sie zu 80 Prozent an Deutsche, "in Schwaben gibt es viele Leute, die Qualität zu schätzen wissen".
Schlangen

Mit Schweiß auf der Stirn füllen Oguz Budak, Semen Kivanc und Lorenz Kümpel am Stand der Kette Yaz Fladenbrot. "Den Leuten scheint es zu schmecken", kommentiert Budak ganz trocken die lange Schlange vor seinem Stand − und vor vielen anderen.
Den meisten Gästen hat die Wartezeit offenbar nichts ausgemacht. "Warten gehört zum Chill-Out-Konzept dazu", meint Marketingmann Matthias Leers. "Alles wird frisch zubereitet, nichts kommt aus der Konserve." Auch mit der Preisgestaltung − im Schnitt fünf Euro − könnten die meisten leben.
Flagge zeigt auch Caterer Otto Gollerthan aus Bad Rappenau, der nach eigenen Angaben auf 100 Festen in Unterland und Kraichgau präsent ist. Obwohl er bis aufs Münchener Oktoberfest Würste liefert, "kannst du das hier nicht bringen". Sondern? "Flammlachs. Man muss sich immer dem Publikum anpassen", weiß der umtriebige Metzger.
Flair
Auch Heilbronn-Marketing-Geschäftsführer (HMG) Steffen Schoch fand Gefallen. Er spricht bereits von einem "neuen Baustein" für die vielfältige Heilbronner Festkultur: "Internationales Flair passt zu einer Stadt, in der 50 Prozent der Bürger Migrationshintergrund haben." Und: "Gewisse Anlaufschwierigkeiten sind normal. Da kann man sich drüber unterhalten."
Mit gemischten Gefühlen betrachten manche Nachbarn und Wirte das Treiben. "Frequenzbringer sind im Prinzip gut", meint Köksal Kilic vom Stadtfischer. Doch wünscht er sich, dass die Stadt bei solchen Events dieselben Qualitätsansprüche durchsetzt, wie bei der Außengastronomie. In der Altstadt gelten strenge Gestaltungsrichtlinien, weshalb auf der Gastro-Meile bereits unpassende Möbel abgeräumt werden mussten.
Gar nicht gut zu sprechen auf die Stadt ist Veranstalter Hamann. Er wollte als Festgelände eigentlich nicht bis zum "nüchternen Eisstadion" ziehen, sondern auf den neuen Platz am Bollwerksturm. "Doch die Stadt wollte mir dafür 15.000 Euro abknöpfen, plus einer ganzen Latte von Auflagen", schimpft er. Wenn er hier nicht erwünscht sei, wandere er eben ab, Neckarsulm und Ludwigsburg hätten sich schon beworben, betont Hamann, der unter anderem die Fandörfer auf der Theresienwiese und den Firmenlauf organisiert.

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