Rucksackverbot ja oder nein?
Der Media-Markt in Heilbronn versucht, ein Rucksackverbot durchzusetzen – aus Sicherheitsgründen. Das führt mitunter zu Konflikten mit Kunden. Andere Geschäfte verzichten auf strengere Überwachungen.

Die Diskussion über schärfere Kontrollen passt in die Zeit. München baut einen Zaun ums Gelände des Oktoberfestes. Rucksäcke und alle Taschen, die mehr als drei Liter fassen, sind tabu. Aus Sicherheitsgründen gibt es bei der Eröffnung des Stuttgarter Weindorfs ein Verbot von Rucksäcken und großen Taschen. Und auch in Heilbronn sprach sich Polizeipräsident Hartmut Grasmück beim jüngsten Volksfest für solch ein Verbot aus.
Der Media-Markt am Europaplatz kontrolliert nun scharf. Die Bitte an Kunden, Rucksäcke ins Schließfach zu sperren, gibt es schon seit Jahren. Neu ist die konsequente Aufforderung an Kunden, dies auch zu tun. "Seit geraumer Zeit handhaben wir das strenger", bestätigt Geschäftsführer Uwe Beck. Eine Brackenheimerin ärgert sich darüber. Als sie das Elektro- und Technik-Geschäft am Europaplatz betritt, wird sie vom Sicherheitspersonal aufgehalten. Ob sie nicht lesen könne? Rucksäcke mitzubringen, sei verboten, diese seien vor dem Einkauf im Schließfach zu deponieren. Es kommt zu einem verbalen Schlagabtausch.
Auf dem Hinweisschild, das sie gar nicht bemerkt habe, stehe lediglich, dass es sich um eine Bitte handelt, sagt die Brackenheimerin. "Von einem Verbot stand da nichts." Ein solches hält die Frau für unsinnig. "Ein Rucksack macht aus mir noch lange keine Verbrecherin", empört sie sich. Ihr geht es um das "aggressive Verhalten" des Sicherheitspersonals und um Grundsätzliches. "Was ist, wenn ich dunkelhäutig bin oder ein Kopftuch auf habe?" Rechtfertigen die jüngsten Gewalttaten, einige Bürger stärker als andere zu kontrollieren? Ein Paar mit Kinderwagen und eine Frau mit großer Tasche hätten ungehindert den Markt betreten dürfen, sagt die Brackenheimerin. "Ich fühlte mich von vornherein als Verdächtige."
"Ein Rucksack ist eine andere Dimension als eine Damenhandtasche", rechtfertigt Geschäftsführer Uwe Beck das Verhalten des Sicherheitspersonals. Die Besitzerinnen von beutelartigen Handtaschen würden ebenfalls aufgefordert, sie ins Schließfach zu sperren. Darin befindliche Wertsachen könnten bei der Information abgegeben werden. Hintergrund des rigorosen Vorgehens sind Beck zufolge die Terrorakte in Ansbach und Würzburg. "Wir hatten Kundenreaktionen", sagt er. "Das Sicherheitsbedürfnis ist höher." Kunden, sagt er, finden die Handhabung "zu 99,9 Prozent" gut. Nur ab und an komme es zu Wortgefechten.
Sicherheitsgefühl
Schließfächer für mitgebrachte Taschen gibt es seit Jahren im Media-Markt, vorrangig eingeführt zum Schutz vor Diebstahl. Inzwischen geht es um das Sicherheitsgefühl von Kunden. Andere Geschäfte in Heilbronn bleiben bei ihrer bisherigen Strategie. Edeka Ueltzhöfer in der Charlottenstraße zum Beispiel bietet Schließfächer im Eingangsbereich an. Auch dort steht der Hinweis: Rucksäcke bitte einschließen. Es bleibt bei der Bitte, eine Pflicht besteht nicht. Kunden belegen die Schließfächer, "um ohne Tasche bequem einkaufen zu gehen", teilt Edeka mit. Neben dem Servicegedanken ist Diebstahlprävention ein Grund für die Schließfächer. Die kommen für Lidl nur an ausgewählten Standorten als Serviceangebot infrage, besonders in Innenstädten oder an Bahnhöfen, wo Kunden teilweise viel Gepäck mit sich führten.
Service oder Sicherheit? "Natürlich machen wir uns nach den aktuellen Vorfällen auch Gedanken", teilt Alina Fischer, Center-Managerin der Stadtgalerie Heilbronn, mit. "Wir verstärken unsere Sicherheitsmaßnahmen unter anderem durch zusätzliches Wachpersonal temporär." Darüber hinaus stehe man in direktem Kontakt mit den örtlichen Polizeidienststellen. Aufgrund der veränderten Sicherheitslage habe die Stadtgalerie seit Herbst 2015 ihre Vorkehrungen weiter verstärkt. Schließfächer gibt es, ein Zwang, sie zu benutzen, oder ein Rucksackverbot existiert nicht.
Im Media-Markt ist man sensibilisiert. Dort geht man lieber auch mal in eine Diskussion mit Kunden. Nach Geschäftsschluss ist außerdem Wachsamkeit angesagt. "Wir gucken jeden Tag dezidiert, ob etwas im Markt liegen bleibt", sagt Geschäftsführer Uwe Beck.
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