Menschen, Zahlen, Emotionen: Die Region 2035

   | 
Lesezeit  2 Min
Erfolgreich kopiert!

Attraktive Region: Der Landkreis Heilbronn und der Hohenlohekreis könnten in den kommenden zwei Jahrzehnten bei der Einwohnerzahl deutlicher zulegen als der Landesdurchschnitt. Das ruft teils harsche Reaktionen in den Kommunen hervor.

Von unserem Redakteur Alexander Hettich

 

Ein Großteil der Kommunen ist bis 2035 auf der Gewinnerseite. Das zeigt eine aktuelle Vorausrechnung des Statistischen Landesamts. Die Zahlen erfreuen oder erzürnen die Kommunalpolitik, sind aber mit Bedacht zu interpretieren, wie die Statistiker selbst betonen.

Keine Prognose, sondern eine Vorausrechnung

"Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen." Ein geflügeltes Wort, das auch für die Statistik gilt. Im Stuttgarter Landesamt erstellt man ausdrücklich keine Prognose, sondern eine Vorausrechnung. Diese basiert auf Annahmen und macht nur etwas her, "wenn die Annahmen so eintreffen", macht Referatsleiterin Heike Schmidt vom Statistischen Landesamt klar. Sie will das Zahlenwerk als "Denkhilfe" verstanden wissen, nicht als verlässlichen Blick in die Glaskugel.

Doch zunächst zu den Ergebnissen für die Region. Der Landkreis Heilbronn könnte bis 2035 auf 347 000 Einwohner zulegen, der Hohenlohekreis auf 114 000. Die Zuwachsraten liegen mit 5,3 und 4,3 Prozent über dem Landesschnitt von knapp 3,8 Prozent. Die Auswertung unserer Zeitung für die Region in der sogenannten "Hauptvariante" zeigt: Die meisten Kommunen legen leicht zu, wenn man 2017 als Basis nimmt. Wenige verlieren. Ein geschätztes Plus von knapp 17 000 Menschen im Landkreis Heilbronn? "Diese Zahlen sind zu gering, als dass es Auswirkungen hätte", sagt Landratsamts-Sprecher Manfred Körner zur kommunalpolitischen Relevanz − etwa bei der Planung von Kindergartenkapazitäten oder anderen Investitionen. "Wir schauen da aber schon hin und wieder drauf."

Emotionen wecken die Zahlen auf jeden Fall. Wüstenrot steht auf der Gewinnerseite. Ein Plus von sieben Prozent bei den Einwohnern − "das ist schon ein positives Argument", so Bürgermeister Timo Wolf. "Man muss aber auch die Voraussetzungen dafür schaffen." Er wäre zufrieden, wenn die Einwohnerzahl mittelfristig konstant bliebe. Hochrechnungen mit einem Potenzial jenseits der 10 000 Einwohner, wie sie in der extremsten Variante der Statistiker denkbar wären, hält Wüstenrots Bürgermeister für illusorisch.

Trotz Flüchtlingen steigt das Durchschnittsalter

Heilbronner Einwohner nach Alter
Heilbronner Einwohner nach Alter

Vor dem Hintergrund des starken Zuzugs von Flüchtlingen hat das Landesamt seine Vorausrechnungen erst vor kurzem völlig überarbeitet und eine höhere Zuwanderung zugrundegelegt. Die These: Die Zuwanderung wird den demografischen Wandel abschwächen, aber nur vorübergehend. Das Durchschnittsalter der Baden-Württemberger klettert stetig. Nach einem Bevölkerungsanstieg bis Mitte der 2020er Jahre könnte es danach im Land wieder bergab gehen − nicht aber in der Region, wo bis 2035 nur wenige Gemeinden gegenüber 2017 Einwohner verlieren. Als "rufschädigend" empfindet Rainer Züfle die Werte. Der Bürgermeister der Hohenloher Gemeinde Weißbach stellt nicht in Abrede, dass die Zahlen "handwerklich nach bestem Wissen und Gewissen" zustande kommen. Falsch seien sie gleichwohl. Für seine Gemeinde erwartet Züfle moderates Wachstum.

Klage erwogen Ganz und gar nicht einverstanden ist auch Pfaffenhofens Bürgermeister Dieter Böhringer. Die Zabergäu-Gemeinde habe sogar schon erwogen, das Statistische Landesamt zu verklagen. Eigene Berechnungen sähen Pfaffenhofen nicht auf Schrumpfkurs. Lokale Besonderheiten wie ein neues Gewerbegebiet in der Nachbarschaft könne das Zahlenwerk gar nicht berücksichtigen. Das zu tun, geben die Statistiker gar nicht vor. "Wir können nicht 1101 Gemeinden individuell betrachten", erläutert Heike Schmidt vom Landesamt.

Breiter Entwicklungskorridor

Die Prognosen beruhen zum einen auf Entwicklungen der Vergangenheit. Geburten- und Sterberaten werden in die Zukunft fortgeschrieben und − besonders heikel − Wanderungsbewegungen im Land und aus dem Ausland einbezogen. Bei kleineren Gemeinden fallen zudem sogenannte Cluster-Berechnungen ins Gewicht. Die Kommunen werden zu "Klumpen" mit ähnlichen Eigenschaften zusammengefasst, um Vorausberechnungen plausibler zu machen. Wichtige Kriterien sind hierbei das Arbeitsplatzangebot und der Einfamilienhausanteil als Indikator für Wohnqualität, zudem wird die Dichte an Pflegeplätzen betrachtet.

Breit ist der "Entwicklungskorridor", der neben der hier dargestellten Hauptvariante für jede Gemeinde ausgewiesen wird. Je nach Zuzug könnte es etwa im Jahr 2035 fast 138.000 Heilbronner geben oder nur 122.000. Am wahrscheinlichsten ist, dass es 126.000 sein werden. Die Zukunft bleibt unwägbar.

 
Nach oben  Nach oben