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Konflikte unter Flüchtlingen: Der Schein trügt

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Weil die Polizei offensiv Vorfälle in Asylheimen meldet, könnte ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit entstehen.

Von unserem Redakteur Helmut Buchholz
Asylheim in der Heilbronner Austraße: Die Konflikte, die hier entstehen, können durch die Polizeiberichte in der öffentlichen Wahrnehmung zahlreicher und gravierender erscheinen als sie es tatsächlich sind. Foto: Archiv/Berger
Asylheim in der Heilbronner Austraße: Die Konflikte, die hier entstehen, können durch die Polizeiberichte in der öffentlichen Wahrnehmung zahlreicher und gravierender erscheinen als sie es tatsächlich sind. Foto: Archiv/Berger

Nehmen die Konflikte in Asylunterkünften zu und werden sie heftiger? Die Meldungen der Polizei könnten das nahe legen. Ein Beispiel: An einem Sonntag im Juni berichtet das Heilbronner Präsidium gleich von drei Auseinandersetzungen, zu denen die Polizei gerufen wurde.

In einem Schwaigerner Asylheim verletzte ein Iraker seinen Landsmann mit einem Rasiermesser am Arm. Auslöser war ein Streit über die Lautstärke des anderen.

Am selben Tag gerieten sich eine syrische und eine afghanische Familie in der Alten Kelter in Heilbronn-Sontheim in die Haare. Hier war Zank zwischen Kindern die Ursache.

Der dritte Einsatz der Polizei an diesem Sonntag war im Heilbronner Asylheim in der Austraße nötig, weil ein Nigerianer versuchte das Fahrrad eines Togolesen zu stehlen und der eine deswegen auf den anderen mit dem Messer losging.

Tatsächlich vermitteln diese Polizeiberichte nicht unbedingt ein realistisches Bild. "Wir haben mehr zu tun durch die Flüchtlinge", sagt Heilbronns Polizeisprecher Rainer Ott. "Aber deren Zahl hat ja auch zugenommen." Zwar gebe es keine verlässlichen Vergleichszahlen, aber die Konflikte in den Heimen würden sich normalerweise im Bereich der einfachen Körperverletzungen bewegen. Oft müssten die Streifenbeamten vor Ort lediglich einen Streit schlichten. Das berichten Ott die Revierleiter im Präsidiumsgebiet: "Gefährliche Körperverletzungen mit einer Waffe, zum Beispiel einem Messer, die dann auch zu einem Ermittlungsverfahren bei der Staatsanwaltschaft führen, sind eher die Ausnahme."

Viel Blaulicht

Der Polizeisprecher kann sich aber gut vorstellen, dass beim neutralen Beobachter "vielleicht ein verzerrtes Bild entstehen kann". Denn die Pressestelle des Heilbronner Präsidiums fährt bei Vorfällen mit Flüchtlingen eine "offensive und neutrale" Veröffentlichungspraxis. Ott: "Um uns nicht den Vorwurf gefallen lassen zu müssen, dass wir etwas vertuschen, melden wir alles, was öffentlichkeitswirksam ist." So könne es sein, dass ein Vorfall mit Asylbewerbern im Polizeibericht auftauche, der vom Ausmaß her ohne Beteiligung von Flüchtlingen eben nicht veröffentlicht worden wäre.

Dem Polizeisprecher ist bewusst, dass so über einen längeren Zeitraum gesehen das veröffentlichte Konfliktpotenzial von Asylbewerbern größer erscheinen mag als es in Wirklichkeit ist.

Außerdem rücke die Polizei nicht selten gleich mit zwei, drei Streifenwagen zu den Unterkünften aus − plus Rettungswagen. Dadurch sei viel Blaulicht vor Ort, das von der Bevölkerung gesehen werde. Auch diese Einsätze werden "offensiv" im Polizeibericht vermeldet, weil die Bürger sie ja mitbekommen hätten, auch wenn sie sich vor Ort als nicht so gravierend darstellen. Die Heilbronner Praxis deckt sich mit den Vorgaben des Innenministeriums. "Die Pressestellen sind dazu angehalten, eine offene und transparente Pressearbeit zu leisten", unterstreicht Ministeriumssprecher Carsten Dehner. Die Berichterstattung liege grundsätzlich in der Verantwortung der Präsidien.

Ursachen

"Da wird nicht unbedingt ein reales Bild gezeichnet", erklärt Ulrike Sörös, Chefin von 22 Sozialarbeitern, die im Landkreis Heilbronn für rund 3300 Asylbewerber zuständig sind, die in 118 Unterkünften leben. Sörös’ Einschätzung: "Die Konflikte sind nicht so zahlreich und heftig, wie man meinen könnte."

Woran entzündet sich der Streit? "Es geht um die Bleibeperspektive, das ist eine psychologische Geschichte." Die langen Wartezeiten bei Asylanträgen sorgen für ein "gewisses Frustpotenzial". Doch Entspannung ist in Sicht: "Wir haben es jetzt fast geschafft, dass alle Flüchtlinge bei uns einen Asylantrag gestellt haben, das bringt hoffentlich wieder Ruhe ’rein." Dennoch: Konflikte entstünden zwischen Flüchtlingen mit hoher Anerkennungsquote aus Ländern wie Iran, Irak, Syrien und Eritrea und jenen Asylbewerbern mit weniger guten Aussichten aus Afghanistan, Pakistan und Schwarzafrika.

Eines hat Ulrike Sörös verwundert: Zwar sind die meisten Sozialarbeiter und Ehrenamtlichen Frauen. "Doch sie werden nicht belästigt. Ich bin positiv überrascht, wie wenig in diese Richtung geschlechtsspezifisch passiert."

 


 

Kommentar: Genau hinsehen
Von Helmut Buchholz

Wie entsteht eine Polizeimeldung? Das Heilbronner Polizeipräsidium zeigt Transparenz.
Die Pressestelle des Heilbronner Präsidiums meint es gut, wenn sie die Veröffentlichung von Meldungen, die irgendetwas mit Asylbewerbern und ihren Unterkünften zu tun haben, offensiv angeht. Natürlich spielen hier die Übergriffe in der Silvesternacht in Köln und in anderen deutschen Städten eine Rolle.

Das Motiv ist verständlich: Die Heilbronner Polizei will sich nicht dem Vorwurf aussetzen, sie verheimliche etwas oder gebe nur die halbe Wahrheit bekannt und wolle so die öffentliche Meinung in eine bestimmte Richtung lenken. Allerdings kann gerade so die öffentliche Wahrnehmung in Schieflage geraten. Denn ein vergleichsweise harmloser Streit zwischen zwei Familien in einem Flüchtlingsheim bekommt durch seine Veröffentlichung mehr Gewicht. Denn der gleiche Streit hätte es kaum in den Polizeibericht geschafft, wenn er in einem Umfeld spielen würde, das nichts mit Flüchtlingen zu tun hat. So gerät womöglich die Sicht auf die Dinge aus der Balance. Der Eindruck wird verstärkt: Asylbewerber neigen mehr als andere Bevölkerungsgruppen zu Konflikten, machen nur Ärger.

Die Konsequenz muss aber jetzt nicht unbedingt heißen, diese „offensive“ Veröffentlichungslinie zu verändern. Denn indem die Pressestelle der Polizei ihre Praxis erklärt und ihre Maßstäbe transparent macht, gibt sie dem Bürger die Möglichkeit, sich selbst eine Meinung zu bilden. Exakt darum geht es: Genau hinzuschauen und zu hinterfragen, wenn man alle notwendigen Informationen hat, warum etwas in der Welt passiert, und nicht nur alle Meldungen und Bilder unreflektiert zu schlucken wie sie kommen. Dies gehört in einer Demokratie, soll sie funktionieren, zum unverzichtbaren Handwerkszeug eines jeden. Und das war übrigens schon vor den Übergriffen in Köln so.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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