Interview: Zwei trockene Alkoholiker sprechen über ihren Neuanfang
Viele Menschen machen sich Vorsätze für das neue Jahr. Für zwei trockene Alkoholiker geht es darum, nüchtern zu bleiben. Unsere Kollegin hat sich mit ihnen unterhalten:

Die einen wollen abnehmen, andere mehr Sport treiben oder endlich mit dem Rauchen aufhören. Stefan und Thomas (Namen von der Redaktion geändert) möchten 2016 vor allem eins: nüchtern bleiben. Für die beiden trockenen Alkoholiker ist jeder Tag ein Neuanfang. "Es geht darum, sich selbst zu ändern", sagt Stefan im Gespräch mit unserer Redakteurin Heike Kinkopf.
Was heißt es für Sie, neu anzufangen?
Stefan: Für mich heißt das erst einmal Kapitulation. Ich muss mir eingestehen, dass ich Alkoholiker bin. Beim Neuanfang geht es darum, sich selbst zu ändern.
Thomas: Für mich ist der Neuanfang der Beginn eines anderen Lebens.
Ist der Neuanfang etwas, das von jetzt auf gleich passiert? Oder steckt eine Entwicklung dahinter?
Thomas: Es ist ein Moment. Für mich war es wie ein Geistesblitz. Ich hatte nur zwei Möglichkeiten: Entweder machst du weiter wie bisher und du stirbst, oder du hörst auf zu trinken.
Stefan: Es war eine Entwicklung hin zur Katastrophe. Ich wollte zwar schon länger nicht mehr jeden Tag besoffen sein. Und ich sagte mir: Ich will nicht saufen. Aber ich musste saufen, um zu funktionieren.
Wer sich etwas vornimmt und es dann nicht auf Anhieb schafft, fühlt sich meistens mies.
Stefan: Mein Leben war geprägt von Schuldgefühlen. Ich habe vor mir selbst versagt. Das Gefühl des Versagens zieht einen weiter runter.
Inzwischen sind Sie beide seit vielen Jahren nüchtern. Denken Sie manchmal daran, wie es war? Auch als ein Ansporn, um weiterhin durchzuhalten, nach dem Motto: So wie damals will ich nie wieder sein?
Thomas: Manchmal denke ich schon noch: Was hast Du für einen Scheiß gemacht? Aber es gab auch schöne Momente, schöne Feiern zusammen mit Freunden oder der Familie. Das Problem war nur: Ich konnte nicht aufhören zu trinken.
Stefan: Wenn ich mir nicht immer wieder bewusst mache, woher ich komme, könnte ich meinen Weg nicht stringent gehen.
Thomas: Die Erinnerung daran, wie ich mal war, ist wie eine Tür: Die macht man auf und dann wieder zu.
Warum fällt es Menschen häufig so schwer, von ungeliebten Gewohnheiten zu lassen?
Stefan: Ich ändere mich nur, wenn mich etwas im Kern betrifft. So lange mein Leben funktioniert, fällt es mir schwer, von etwas zu lassen.
Als Sie sich sagten, das Trinken muss aufhören, hatten Sie dabei eine genaue Vorstellung, wie Ihr neues Leben aussehen soll?
Thomas: Nein. Ich habe mir nur gesagt, ich muss im Heute leben. Berufliches kann ich planen. Aber wie mein Leben ohne Alkohol aussieht, wusste ich nicht, es war nur der Wunsch da, ohne zu leben.
Stefan: Ich wollte nur trocken werden und bleiben, ich wusste, alles andere ergibt sich von selbst. Es geht um die Zufriedenheit mit mir selbst. Dazu gehört, zu akzeptieren, dass ich Fehler mache.
Beziehen Sie aus der früheren Lebenskrise heute Ihre Stärke?
Thomas: Ich denke schon. Mit dem Nüchternwerden ist eine geistige Entwicklung verbunden. Ich habe nicht nur mit dem Trinken aufgehört, sondern mein Verhalten in vielen Bereichen geändert. Ich beobachte mein Fehlverhalten. Früher war ich zum Beispiel ziemlich cholerisch. Ich hatte auch Ängste, mit anderen Menschen umzugehen. Bei mir wechselten die Phasen: Ich fühlte mich im Job oft als Überflieger. Ich musste lernen, dass andere auch mal besser sind als ich.
Stefan: Ich habe auch mal miese Tage, so wie jeder andere auch. Aber aus der Erfahrung schöpfe ich Kraft und Hoffnung.
Wie gehen Sie heute mit Rückschlägen um?
Stefan: Es gibt immer die Möglichkeit, wieder aufzustehen. Mir gibt die Gruppe der anonymen Alkoholiker (AA) Schutz. Ich hatte zu Beginn nach drei Monaten Trockensein einen Rückfall. Mir war klar, wenn ich nicht zu den AA gehe, komme ich da nicht mehr heraus.
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