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Heilbronn

Hoffnung auf den Bilbao-Effekt

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Was hat Heilbronn, was hat die Region davon, dass sich die Dieter-Schwarz-Stiftung mit viel Geld im Bildungssektor engagiert? Dr. Roland Scherer von der Universität St. Gallen hat das untersucht. Unsere Redakteurin Iris Baars-Werner fragte ihn nach seinen Ergebnissen.

Roland Scherer war Gast bei der Eröffnung des Bildungscampus.Foto: Berger
Roland Scherer war Gast bei der Eröffnung des Bildungscampus.Foto: Berger

Welche Effekte hat das Engagement?

Roland Scherer: Es hat sich viel bewegt und es wird sich noch viel bewegen. Stadt, Landkreis und Region haben und werden wichtige Impulse für ihre Entwicklung bekommen.

Wie sind Sie vorgegangen?

Scherer: Wir haben Gespräche geführt, haben andere Studien einbezogen, haben die Wirkungen auf verschiedene Bereiche beobachtet: auf die Bildung, auf das Image, die Stadtentwicklung. Hier konnten bereits heute spürbare Effekte festgestellt werden.

Greifen wir mal das Image heraus.

Scherer: Entscheidend ist nicht das Image allein, sondern das gesamte "Bild der Region". Dieses setzt sich zusammen aus Wissen über den Standort, persönlicher Erfahrung und Image und ist schlussendlich entscheidend für das Standortwahlverhalten von Unternehmen und Arbeitskräften.

Und wie sieht es momentan aus?

Scherer: Für Heilbronn eher klassisch: Kilianskirche, Rathaus, Weindorf. Durch die zunehmende Zahl von Studenten, die nun mit dem Bildungscampus direkt in der Stadt sind, wird sich das Bild Heilbronns ändern.

Allein durch die Studenten?

Scherer: Nicht nur. Es sind vor allem die Bauten wie die auf dem Bildungscampus oder der Neubau der Experimenta. Man spricht dabei vom Bilbao-Effekt. Die spanische Stadt Bilbao war eher unbekannt. Durch die einzigartige Architektur des Guggenheim-Museums von Frank Gehry hat sich das geändert.

Aber nur touristisch gesehen?

Scherer: Das Bild Bilbaos hat sich verändert und steht heute für Modernität. Es wurden Hotels gebaut, der Tourismus wuchs, Firmen haben sich dort niedergelassen. Oder gehen Sie nach Luzern: Durch den Bau des Kultur- und Kongresszentrums KKL, einem einzigartigen Bau von Jean Nouvel, haben sich die Stadt und das Regionsbild verändert. Heute gilt Luzern als Kulturstadt, die jährlich viele Besucher anzieht. Auch die Experimenta wird ein bauliches Highlight werden. Das Bild von Heilbronn ändert sich dadurch nicht grundsätzlich, aber es bekommt neue, moderne Nuancen.

Einer investiert − und alles andere kommt automatisch dazu?

Scherer: Nein. Es ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Das muss von der Stadt und von privaten Investoren mitgetragen werden. Denken Sie an die Bundesgartenschau, den Neckarbogen, an die Untere Neckarstraße: Da hat sich viel verändert.

Wie wirkt sich das Engagement auf die Bildungslandschaft aus?

Scherer: Die regionale Bildungspyramide zeigt, es gibt Angebote der Stiftung auf allen Ebenen. Es sind beachtliche Zahlen, wie sie genutzt werden. 25 000 Schüler, die in Sprachförderkursen der AIM sind, 40 000 Kindergarten- und Schulkinder, die bei der Experimenta mit den Mint-Fächern in Verbindung kommen − Naturwissenschaft- und Technik-Unterricht, mit dem wir heute Probleme haben. Die GGS hat rund 2500 Führungskräfte in Veranstaltungen. Zwei Drittel der an der Dualen Hochschule Studierenden arbeiten bei Firmen, die ihren Sitz in der Region haben. Mit dem Wachstum der DHBW leistet man einen direkten Beitrag zur Fachkräfterekrutierung.

Wie profitieren Wirtschaft und Stadt?

Scherer: Beispielsweise gibt es bei der Gruppe der 20- bis 30-Jährigen einen positiven Wanderungssaldo für die Stadt Heilbronn. Und wir stellen Auswirkungen auf das regionale Innovationssystem fest: Kooperationen zwischen Forschungseinrichtungen und regionalen Unternehmen steigen, es findet zunehmend ein Wissensaustausch zwischen den Hochschulen und den Unternehmen statt. Zu guter Letzt kann die Industrie Einrichtungen des Campus nutzen wie etwa das Sensorikum.

Der Trend bei jungen Leuten geht hin zu angesagten Städten, den Metropolen. Sie gehören zu den Wissenschaftlern, die auch den Städten in der zweiten Reihe eine Chance geben.

Die spektakuläre Architektur, die das Büro Sauerbruch und Hutton für den Experimenta-Neubau entworfen hat, wird das Bild verändern, das Heilbronn bei Außenstehenden hat. So wie es Bilbao mit dem Guggenheim-Museum ging.Illustration: Experimenta
Die spektakuläre Architektur, die das Büro Sauerbruch und Hutton für den Experimenta-Neubau entworfen hat, wird das Bild verändern, das Heilbronn bei Außenstehenden hat. So wie es Bilbao mit dem Guggenheim-Museum ging.Illustration: Experimenta

Scherer: Die Frage ist, wen kann ich zu mir an den Ort holen. Man weiß, dass Menschen in der Familienphase gerne in Mittelstädte ziehen. Aber dafür muss ich die passenden Angebote haben: Kinderbetreuung, Schulen, entsprechende Wohnungen, möglicherweise eine internationale Schule. Und da oft Mann und Frau Karriere machen wollen, brauchen Sie auch Arbeitsplätze für beide.

Was hat denn die normale Bevölkerung davon?

Scherer: Dass sie eine breite Allgemeinbildung bekommt, beispielsweise durch die Sprachförderung oder den Mint-Unterricht.

Die Demographie sagt, es wird in Zukunft nicht mehr so viele Studenten geben. Kommt das Engagement der Dieter-Schwarz-Stiftung nicht eigentlich zu spät?

Scherer: Ich glaube, dass die Studierendenzahlen in den nächsten 15 bis 20 Jahren nicht zurückgehen werden. Die geburtenstarken Jahrgänge haben Kinder, wir werden noch mehr Zuwanderung haben und brauchen, und auch die Industrie 4.0 braucht hochqualifizierte Fachkräfte und Hochschulabsolventen. Vor allen Dingen aber wird die Bedeutung von lebenslangem Lernen immer mehr zunehmen. Und gerade hierfür leistet das gesamte Bildungsengagement der Dieter-Schwarz-Stiftung einen wichtigen Beitrag.

 
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