Gott wohnt an der nächsten Ausfahrt
Die Autobahnkirche an der Kochertalbrücke bei Braunsbach ist Ort der Besinnung, Besuchermagnet und Ruheplatz für Reisende in einem.

Wenn er denn wirklich hier wohnt, der liebe Gott, dann hat er es gut getroffen: eine kleine Kapelle auf einem Hügel, durch die Fenster werfen die Sonnenstrahlen einen bunten Schein an die weißen Wände. Helle Holzbänke stehen bereit und Toiletten gibt es, gleich mehrere sogar. Wenn es mal schnell gehen muss, ist die Autobahn direkt zu erreichen. Und hier, an der Kochertalbrücke, der höchsten Brücke Deutschlands, ist man dem Himmel noch näher als anderswo.
42 Autobahnkirchen gibt es in Deutschland. Eine von ihnen ist die Christophorus-Kapelle auf dem Rastplatz bei Braunsbach. Ein weißes Symbol auf blauem Grund, ein Pfeil irgendwohin in die Landschaft entlang der Autobahn 6 zwischen Heilbronn und Nürnberg weist den Weg. Ein weiter asphaltierter Parkplatz, Grasflächen, grau zwischen grün. Schräg hinter der silbernen WC-Anlage ragt das Kreuz der kleinen runden Kapelle in den Himmel.
96 000 Fahrzeuge

An diesem Montagnachmittag schiebt sich der Verkehr auf der A 6 nur langsam voran. Die Schnellstraße ist eine der meistbefahrenen Autobahnen Deutschlands. Sie verbindet Frankreich, Deutschland und Tschechien miteinander. Mehr als 96 000 Fahrzeuge queren täglich auf vier Spuren die Brücke über das Kochertal, darunter viele Lastwagen, die ihre Waren grenzübergreifend liefern. Auf dem Rastplatz bei Braunsbach legen ihre Fahrer die vorgeschriebenen Ruhepausen ein.
Auch jetzt warten zahlreiche geparkte Lkw mit polnischen, tschechischen und deutschen Nummernschildern auf ihre Weiterfahrt. Das Rauschen der Autos dringt kaum bis in die kleine Kapelle durch. Still ist es hier. Als sich die Tür öffnet, betritt ein Mann mit Brille und kariertem Hemd zögernd den Raum. Er grüßt freundlich und nimmt in den Bänken vor dem hohen Holzkreuz Platz. Zum ersten Mal besucht er die Kapelle, wird er kurze Zeit später erzählen, nachdem er die bunten Glasfenster betrachtet und eine Kerze angezündet hat.
Er arbeite im Außendienst und habe noch die Strecke nach Sindelfingen vor sich. „Ich wollte kurz Ruhe finden“, sagt er. Jetzt fahre er weiter. Rastplätze für die Seele werden Autobahnkirchen auch genannt. Wer lautem Autolärm und stressigem Verkehr entfliehen will, findet hier einen Ort der Stille und der Besinnung.
Auch als Ausflugsziel sind die Kapellen beliebt. Die erste Autobahnkirche entstand 1958 im bayrischen Adelsried an der Autobahn 8. Die Kapelle an der Kochertalbrücke wurde erst im vergangenen April eingeweiht. Die Idee für ihren Bau kam von der Christusträger-Schwesternschaft des nahegelegenen Hergershof in Braunsbach. „Auf der Kochertalbrücke und dem Rastplatz ist schon immer viel passiert. Verkehrsstau, Unfälle, Diebstähle. Wir wollten zu all dem eine Gegenkraft schaffen“, erzählt Schwester Astrid.
Zusammen mit der Gemeinde stellten sie den nötigen Antrag. Doch es dauerte vier Jahre, bis ihre Idee umgesetzt und die Kapelle eröffnet werden konnte. „Es war ein schwieriger Ämterweg“, sagt die Schwester. Der Antrag ging von der Gemeinde Braunsbach an das Landratsamt Schwäbisch Hall und von dort aus ins Regierungspräsidium Stuttgart. Gar nicht begeistert von der Idee seien die Zuständigen dort gewesen. „Eine Autobahnkapelle wird bei uns nicht gebraucht, hieß es.“
Zweieinhalb Jahre dauerte es, bis schließlich doch die Genehmigung im Hergershof eintraf. „Dann ging es plötzlich ganz schnell.“ Elf Monate nach der Feier zum offiziellen Spatenstich wurde die hölzerne Figur des Christophorus, dem Schutzheiligen der Autofahrer, aufgestellt und die Kapelle eröffnet.
Anliegenbuch

Während sich auf Autobahnraststätten namenlose Fahrer nur flüchtig begegnen – zur Toilette eilen, eine Zigarette rauchen, schnell tanken und dann wieder weiterziehen – bekommen die Anonymen in der Autobahnkirche eine Geschichte. In einem Anliegenbuch können die Besucher ihre Eindrücke, Wünsche oder Danksagungen hinterlassen. Wer darin liest, kann sie genau vor sich sehen: die Seniorengruppe aus Kupferzell, die mit dem Bus herangefahren worden ist. „Danke für diese schöne Kirche“, haben die alten Damen ins Buch geschrieben. Und „Herr beschütze uns“, das auch.
Man sieht den Onkel Wolfgang, bei dessen Eintrag man blinzeln muss, um ihn zu Ende zu lesen, denn Onkel Wolfgang treibt einem mit seinen Worten die Tränen in die Augen. „Du würdest dich so freuen, wenn du hören würdest, wie stolz dein Vater über dich spricht“, schreibt er an den tödlich verunglückten Neffen. „Doch vielleicht siehst du uns ja, wenn du auf deiner Wolke zu uns hinunterschaust.“
Spanische, polnische, tschechische Worte haben Reisende, Fahrende, Besucher und Ausflügler hinterlassen. Konkrete Bitten sind darunter, Hilferufe. Auch eher weltlich anmutende Themen werden angesprochen: „Danke Gott! Wir sind Weltmeister!“ prangt unter einem Datum im vergangenen Juli. „Danke für 25 Jahre Wiedervereinigung“ schreibt Petra, ein „Wessi“, im November.

Ungefähr 3000 Leute kommen im Monat in die Kapelle, mehr als 18 000 Kerzen wurden seit ihrer Einweihung angezündet. „Ganz erstaunlich“, nennt Schwester Astrid diese Zahlen. „Wir haben gehofft, dass unsere Kapelle gut angenommen wird. Aber die Resonanz hat unsere Erwartungen bei weitem übertroffen.“ Häufige Gäste seien die Lastwagenfahrer. Extra für sie liegt in der Kirche eine spezielle Schrift aus, die Trucker-Bibel, ein kleines buntes Buch in verschiedenen Sprachen. Darin sind das Neue Testament und Geschichten aus dem Leben von Lkw-Fahrern abgedruckt.
Doch auch Leute aus der Gegend, die sich die Kapelle nur aus Interesse einmal anschauen wollen, finden ihren Weg zum Rastplatz. Wie das ältere Ehepaar in den farbigen Windjacken, das gerade sein Auto abgestellt hat und nun den Hügel zur Kirche hinauf steigt. Auf dem Rückweg vom Einkaufen in Schwäbisch Hall haben sie spontan hier Halt gemacht, um die Kirche zu besichtigen. „Wir sind nicht streng gläubig, aber das hatten wir schon lange vor. Schön ist die Kapelle geworden“, sagt die Frau.
Öffentliches Abendgebet

Einmal im Monat veranstalten die Christusträger-Schwestern ein öffentliches Abendgebet in der Kapelle, in dem sie die Anliegen aus dem Buch aufgreifen. Es sei auch schon passiert, erzählt Schwester Astrid, dass ein Pfarrer auf Durchreise an die Lastwagen geklopft und einen spontanen Gottesdienst angeboten habe. „Da kamen dann auch tatsächlich an die 30 Leute dazu.“ Ein anderes Mal habe eine polnische Reisegruppe in der Kapelle eine Messe abgehalten.
Negatives gibt es nicht zu vermelden, seitdem die Kapelle auf ihrem Hügel steht. „‚Es dauert keine vier Wochen, bis der Christophorus in Polen steht’ “, sei ihnen anfangs prophezeit worden, erzählt die Schwester und lacht entschuldigend. Auch, dass die Bibel aus der Kirche geklaut werde, wurde befürchtet. „Aber nichts von alldem ist eingetroffen.“ Und das Regierungspräsidium, das zu Beginn so skeptisch war, plane nun schon eine weitere Kapelle – an der Raststätte Sindelfinger Wald.
Mittlerweile ist es Abend geworden. Der Verkehr läuft wieder flüssig auf Deutschlands höchster Brücke. Der hölzerner Christophorus hat die vorbeirauschenden Autos hinter den Leitplanken fest im Blick, während die Sonne hinter Staubwolken und Abgasen versinkt. Ihre letzten Strahlen zeichnen einen hellen Fleck auf die leeren Holzbänke in dem kleinen Andachtsraum. Vielleicht sitzt er ja gerade da, der liebe Gott? „Gott wohnt da, wo man ihn einlässt“, steht im Anliegenbuch geschrieben.
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