Faszination Mittelalter
Beim Pfingstburgfest auf der Guttenberg geben sich Ritter, Gaukler und Narren ein Stelldichein. Bernolph Freiherr von Gemmingen und die Seinen laden noch bis Monntag zum 18. Mal auf die Burg oberhalb von Haßmersheim ein.

Für den Engländer und Mittelalter-Fan Douglas Briand ist ein Traum in Erfüllung gegangen: Seit zwei Monaten wohnt er in einem Turm auf Burg Guttenberg. An Pfingsten trifft der 40-Jährige dort auf viele Gleichgesinnte: Beim 18. Burgfest sorgen Ritter, Gaukler, Zünfte, Händler und Musikusse für Kurzweil.
Mit Matthias Beyer lässt Briand vor dem Burgtor die Schwerter klirren. Der Vollkontakt-Schwertkampf ist sein Metier: „Das ist eine Sportart“, betont Briand. Seinen Holzschild hat er selbst gemacht, seine 30 Kilogramm schwere, authentische Ritterrüstung selbst geschmiedet. „Die ist leicht und höchst beweglich“, sagt der Informatiker und lässt sich zum Beweis locker auf die Knie fallen. „Das ist alles Hightech und Bling-Bling. Die Rüstung ist wie ein Porsche, sie muss glänzen. Das Mittelalter war bling, Paris Hilton hätte sich wohlgefühlt.“
Bloßfechten
Matthias Beyer und Klaus Gehrunger, die im Burghof Schwertkampftechniken aus dem 14. Jahrhundert vorführen, tragen weder Schild noch Rüstung. Die beiden Lehrer von der Ronneburger Fechtschule messen ihre Kräfte mit dem langen Schwert. Bloßfechten nennt man das. „Wir möchten das Mittelalter nicht romantisieren“, betont Gehrunger. „Es war eine sehr harte Zeit, der kleinste Fehler hat zum Tode geführt.“ Das machen die beiden Hessen auch in ihren Vorführungen deutlich: „Es war kein Spiel, es ging ums Überleben.“
Es gab aber auch damals Zeit zum Durchschnaufen. Das demonstrieren die Schlosswache von Kirchhausen, die Vasallen der Mark Baden und Der Churpfalz Wilder Haufen mit ihrem Lagerleben. „Wir genießen die Burg und die Idylle“, sagt Joachim Bilke, einer der Deutschen Landsknechte vom Wilden Haufen aus Walldorf. „Normalerweise haben wir Kanonen dabei, aber die mussten wir wegen der Greifvögel zu Hause lassen.“
Den „hervorragenden Erhaltungszustand der Burg“ weiß Nicolai Knauer besonders zu schätzen. Er gehört nicht nur zur Schlosswache Kirchhausen, sondern ist auch Burgenforscher. Dass das 800 Jahre alte Gemäuer so gut dasteht, liegt daran „dass es nie zerstört wurde und immer noch von den Besitzern bewohnt ist“, betont Bernolph Freiherr von Gemmingen.
Familientreffen
Anno 1449 hat seine Familie die Burg gekauft. „Unsere Kinder sind jetzt die 17. Generation“, ist der Baron stolz. Und wenn man hier aufwächst, „kommt die Faszination fürs Mittelalter mit der Geburt dazu“. Für die Gemmingens ist das 1996 ins Leben gerufene Pfingstburgfest übrigens nicht nur eine Attraktion für die Öffentlichkeit mit 3500 bis 5000 Besuchern an zwei Tagen, sondern auch ein großes Familientreffen.
Vetter, Nichten, Tanten haben ihre Stände zwischen den Burgmauern aufgebaut, bieten Maidenzierde, Allerley aus dem Burggaertlyn oder Eyer Vladen an, während Narrenkai aus Köln im Burghof viel Handgeklapper für seinen improvisierten Schabernack erntet, bei dem das Publikum nicht nur zuschauen darf, sondern sich voll einbringen muss. Nach 28 Jahren im Beruf und mit Geburtsdatum 11.11. ist ihm sein Kostüm zur zweiten Haut geworden: „Wenn ich die Kappe aufsetze und die Ohren ausklappe, geht es los.“ Seit 16 Jahren auch als Hofnarr auf der Guttenberg.
Neue Perspektiven
Premiere hatte Andreas Pietralla beim Burgfest. Erstmals lud er in die umgebaute „Ritterrast“. In der mittelalterlichen Erlebnisgastronomie ist Pietralla nach 25 Jahren als Wirt auf Schloss Auerbach (Bensheim) erfahren. Demnächst wird er noch mehr zu tun haben: Dann öffnet ein kleines Standesamt auf der Guttenberg.
Die Besucher erleben noch bis Morgen einen Mittelaltermarkt und Lagerleben unter dem Motto „Mutige Ritterkämpfe und irrsinniger Blödsinn“. Schwertkämpfe von Rittern, Mittelaltermusik, Narretei und Jonglage sorgen für Unterhaltung. Der Obulus beträgt 7,50 Euro, wer im mittelalterlichen Gewand kommt, zahlt wie Jugendliche 5,50 Euro. Kinder unter Schwertmaß haben freien Eintritt. Geöffnet werden die Tore an beiden Tagen jeweils um 10 Uhr. Die Deutsche Greifenwarte zeigt Flugvorführungen. red

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