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Beilstein

Eine Stadt aus Tüchern, Balken und Seilen

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Auf einer Wiese bei Jettenbach bauen Pfadfinder ein riesiges Zeltlager für 1400 Leute auf − Zwölf Tage ohne Elektrogeräte

Von unserem Redaktions- mitglied Katrin Walter
Teamwork: Um ein sogenanntes Schwarzzelt aufzustellen, müssen die Pfadfinder sich gut absprechen. Auf der Wiese bei Jettenbach entsteht seit einigen Tagen eine richtige Stadt mit 300 Zelten, in denen rund 1400 Teilnehmer übernachten. Gestern waren schon 300 Pfadfinder da. Bis morgen muss alles stehen − dann ist Eröffnungstag.Fotos: Mario Berger
Teamwork: Um ein sogenanntes Schwarzzelt aufzustellen, müssen die Pfadfinder sich gut absprechen. Auf der Wiese bei Jettenbach entsteht seit einigen Tagen eine richtige Stadt mit 300 Zelten, in denen rund 1400 Teilnehmer übernachten. Gestern waren schon 300 Pfadfinder da. Bis morgen muss alles stehen − dann ist Eröffnungstag.Fotos: Mario Berger

Sechs Pfadfinder halten mehrere zusammengebundene Tücher je an einer Ecke fest und ziehen sie auseinander. Holzleisten, an deren oberem Ende Nägel eingeschlagen sind, halten die Tücher fest. Jetzt muss die Konstruktion nur noch mit Seilen gespannt werden − denn wenn es regnet und die Tücher nicht gespannt sind, tropft es in die Jurte hinein.

"Hat jemand mal einen Hering?", fragt ein Pfadfinder. Ein anderer bringt ihm einen − keinen kleinen Metallhaken wie bei handelsüblichen Zelten, sondern ein spitzer Ast, fast so lang und so dick wie ein menschlicher Arm. Da braucht es ganz schön viel Kraft, bis er mit dem Vorschlaghammer fest in den Boden geschlagen ist. Die Hammerschläge schallen als Echo über die Wiese bei Jettenbach. Jetzt müssen die Tücher nur noch nach oben gezogen werden. Sie sind in der Mitte an einem Holzkreuz befestigt, das die Pfadfinder nun an einem langen senkrechten Balken hochziehen und damit spannen. Im gleichen Moment kommt eine weitere Pfadfinderin mit einem Bollerwagen, der kniehoch mit neuen Zelttüchern beladen ist. Die Zelte der Pfadfinder sind nicht wie die aus dem Outdoor-Laden. Sie sind aus schwarzen, dicken Baumwolltüchern und Holzstangen, die mit Seilen zusammengehalten werden. Sie sind so groß, dass man darin stehen kann und mehrere Leute darin schlafen können.

Richtige Stadt Bald ist die Wiese bei Jettenbach ein riesiges Zeltlager. Nach und nach bauen Mitglieder der Christlichen Pfadfinderschaft Deutschlands (CPD) eine Behausung neben der anderen auf. So entsteht eine richtige Stadt mit rund 300 Zelten. Die Organisation veranstaltet hier ab morgen zwölf Tage lang ihr Bundeslager, das alle vier Jahre stattfindet. Knapp 1400 Mitglieder aus ganz Deutschland kommen. Es gibt ein eigenes Rathaus und einen Versammlungsplatz.

Am Ende der weitläufigen Wiese liegen etwa 3800 Baumstämme, die die Pfadfinder in ihren Zelten verbauen werden. Vereinzelt stehen schon ein paar sogenannte Schwarzzelte und blaue Mülltonnen auf der hügeligen, grünen Fläche. Am Waldrand verteilen sich ein paar mobile Toiletten. Von der anderen Seite der Wiese schallt ein melodisches Pfeifen herüber, von woanders ein Singen. Irgendwo knallt ein Baumstamm auf den Boden. Es hallt laut.

Matsch Ein paar Meter weiter hat Tobias Dellit gerade seine Hände im Matsch. Der 24-Jährige verteilt die lehmige Masse auf einer Metallplatte, die auf einer Holzkonstruktion liegt. Das wird einmal die Feuerstelle. An den Balken darüber werden die Kochtöpfe hängen. Drei seiner Pfadfinderkolleginnen haben den Lehm aus Erde und Wasser in einer Baby-Badewanne zusammengemischt. Die Lehmschicht ist dazu da, dass die Platte nicht so heiß wird. Sonst könnten sich die Köche daran verbrennen. Tobias ist Pfadfinder, seit er sechs Jahre alt ist. "Ich will die Leute hier nicht mehr missen. Da macht man dann alles mit − auch Matsch verteilen", sagt er und lacht.

Im Inneren des gerade aufgebauten Zeltes riecht es nach Wiese und feuchter Erde. Durch ein Loch oben in der Mitte scheint die Sonne, es ist ganz still. Die Geräusche von draußen dringen nur gedämpft herein. Die Pfadfinder werden hier ihre Isomatten und Schlafsäcke sternförmig um den Mittelpfosten anordnen, wie Ruth Rosenbauer erklärt. "Das hohe Gras ist ein gutes Polster."

Abenteuer Rosenbauer ist 20 Jahre alt und stellvertretende Lagerleiterin. Damit hat sie schon jung die Verantwortung für viele Menschen. "Dass das geht, ist das Besondere bei uns." Sie findet es wichtig, dass man jungen Leuten etwas zutraut. "Und man kann hier machen, worauf man Lust hat. Starke Leute bauen ein riesiges Zelt auf. Andere überlegen sich, was es zu essen gibt. So gibt es für jeden etwas, das ihm liegt." Sie ist als Zehnjährige dazugekommen, weil ihre Eltern auch Pfadfinder waren. Ihr gefällt, dass sie sich mit ihrer Gruppe, der Sippe, gut versteht. Und sie genießt es, draußen zu sein. "Das Wandern hat mich sofort begeistert, und die Abenteuer. In Schweden zum Beispiel ist uns bei einer Nachtwanderung ein weißes Pferd begegnet − das kam ganz plötzlich aus dem Nebel."

Um das Lager aufzubauen, packt jeder mit an. Da sind auch die Pfadfinderinnen nicht zimperlich. Die jungen Leute campen zwölf Tage lang in der Natur.
Um das Lager aufzubauen, packt jeder mit an. Da sind auch die Pfadfinderinnen nicht zimperlich. Die jungen Leute campen zwölf Tage lang in der Natur.
Die etwa zehn Meter langen Baumstämme halten die Zelttücher. Die Bäume wurden im Beilsteiner Forst bei Pflegemaßnahmen, die ohnehin fällig waren, gefällt.
Die etwa zehn Meter langen Baumstämme halten die Zelttücher. Die Bäume wurden im Beilsteiner Forst bei Pflegemaßnahmen, die ohnehin fällig waren, gefällt.
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