Die Schlacht um Heilbronn im April 1945
Neue Perspektiven auf den tagelangen Häuserkampf zwischen US-Army und Wehrmacht.

Dass Heilbronn am 4. Dezember 1944 von der Royal Air Force zerstört wurde, hat sich tief ins kollektive Bewusstsein eingegraben. Das Ende des Zweiten Weltkriegs im Frühling 1945 ist weniger präsent. Auch ich wusste lange nur, dass die Wehrmacht der US-Armee Anfang April den Übergang über den Neckar verwehrt und Stellungen oberhalb der Weinberge am östlichen Stadtrand bezogen hatte. Die Spuren konnte man noch in den 50er Jahren unschwer erkennen. Die Amerikaner reagierten, indem sie eine große Zahl von Geschützen auf den Anhöhen des linken Neckarufers auffuhren, Heilbronn unter Beschuss nahmen und sturmreif schossen. Es kam zu harten Kämpfen, bei denen noch viele Gemäuer, die den Bombenangriff überstanden hatten, zerstört wurden. Am Ende setzte sich die Wehrmacht nach Osten ab. Einzelheiten dieser Kämpfe in den ersten Apriltagen 1945 waren bislang kaum bekannt.
Alter Freund
Kürzlich jedoch machte mich ein alter Freund, der in den 1950er Jahren bei der Armed Forces Security Agency, also einer Vorläuferorganisation der heutigen NSA, in der Badenerhof-Kaserne gedient hatte, auf ein Buch aufmerksam: Edward G. Longacre, War in the Ruins. The American Army’s Final Battle Against Nazi Germany, Westholme Publishing, Yardley, 2010, ISBN: 978-1-59416-117-9. Der Schutzumschlag zeigt ein Foto mit vorrückenden amerikanischen Infanteristen in einer Trümmerlandschaft. Ihr "Krieg in den Ruinen", so der Buchtitel, war die Schlacht um die Stadt Heilbronn. Es war zwar nicht die letzte gegen Nazi-Deutschland, wie der Autor meint, aber die letzte Schlacht der 100. Division.
Maginot-Linie
Die Century-Division, wie die 100. genannte wurde, kam relativ spät im Zweiten Weltkrieg zum Einsatz, denn sie landete erst am 20. Oktober 1944 in Marseille. Sie zog entlang der Rhone nach Norden und hatte ihren ersten kriegerischen Einsatz in den Westvogesen. Den Kämpfen in den westlichen Nordvogesen und der Eroberung der "Festung" Bitche und der dortigen Maginot-Linie sind die ersten 214 Seiten des Buches gewidmet. Die Kämpfe um Heilbronn werden in den folgenden vier Kapiteln (Seiten 215 bis 348) beschrieben: Zunächst geht es um den Marsch von Mannheim nach Heilbronn und die Errichtung eines ersten kleinen Brückenkopfes "From the Rhine to the Neckar". Die Anstrengungen, diesen zu halten und auszuweiten, sind das Thema des folgenden Kapitels: "Heilbronn: The Assault Crossings". Die Versuche, aus ihm auszubrechen, die erst durch eine Umfassungsoperation von Norden her gelangen, werden danach beschrieben ("Heilbronn: The Pincers Close").
Das letzte Kapitel des Buches trägt den Titel "Heilbronn: Out of the Ruins". Es schildert die Besetzung der Stadt und den weiteren Vorstoß in Richtung Stuttgart.
Mistgabeln?
Die Darstellung der Vorbereitung der Verteidigung Heilbronns ist wenig glaubwürdig: Der Großdeutsche Rundfunk habe am 1. April die Bürger aufgerufen, sich mit allen Mitteln zu verteidigen, selbst mit Sensen und Mistgabeln, wenn sie über keine Schusswaffen verfügten. Dies habe Hunderte ältere Männer veranlasst, zu den Waffen zu eilen, genauso wie Dutzende von Hitlerjungen. Sogar Frauen hätten sich als Scharfschützen beteiligt. Tatsache ist jedoch, dass Heilbronn von regulären Wehrmachts- und SS-Einheiten verteidigt wurde.
Am 4. April, es war ein Mittwoch, erreichten die Einheiten der 100. Division Neckargartach. In den frühen Morgenstunden des 5. April setzten Teile des 397. Infanterieregiments bei der gesprengten Neckargartacher Brücke über den Fluss, ohne auf Widerstand zu stoßen. Eine Kompanie stieß ins Industriegebiet vor. Eine andere besetzte den Wartberg. Nun setzte die deutsche Gegenwehr ein. Der amerikanische Brückenkopf geriet unter massives Artilleriefeuer, Infanterieangriffe vertrieben die Amerikaner vom Wartberg und drängten sie aus dem Industriegebiet hinaus. Da ein Rückzug über den Fluss für die Amerikaner nicht in Frage kam, igelten sie sich ein, kämpften ums Überleben.
Der Donnerstag, 5. April, sah tagsüber wenig Bewegung. Zwar gelang es den Amerikanern, Verstärkungen über den Fluss zu bringen, aber jeder Versuch, eine Pontonbrücke zu bauen, wurde von der präzise schießenden deutschen Artillerie verhindert. Infanteristische Angriffe wurden ebenfalls abgewehrt. Am Abend dieses Tages wurden unter einem Rauchschirm weitere Verstärkungen südlich der Brücke nach Neckargartach übergesetzt und dadurch die Voraussetzungen geschaffen, die Stadt selbst anzugreifen.
Die Behauptung, dass der damalige NS-Oberbürgermeister Heinrich Gültig 14 Insassen eines Kellers vom Militär mit MG-Feuer habe umlegen lassen, weil ein weißes Handtuch in einem Fenster signalisierte, dass sie kapitulieren wollten, ist mutmaßlich falsch.
Ich persönlich erinnere mich genau, dass mein Großvater, der bei der Stadt tätig war, entsetzt und empört von Fällen erzählte, für die jedoch NS-Kreisleiter Richard Drauz verantwortlich war. Massenmorde der im Buch beschriebenen Art gab es aber nicht.
Im Verlauf des 5. April erkannte die Divisionsführung, dass der Brückenkopf bei Neckargartach nicht ausgeweitet werden konnte, da die Abwehr zu stark war und keine Pontonbrücke gebaut werden konnte. Daher entschied sie, weiter im Süden bei Böckingen einen zweiten Brückenkopf zu errichten, was am Abend des 5. April trotz Widerstand geschah und zu Verlusten führte. Aber auch hier kam es zu keinem großen Fortschritt. Die Amerikaner gerieten in einen üblen Häuserkampf zwischen Kilianskirche und Knorr-Gelände, der bis 9. April andauerte. Viele Gebäude, die den 4. Dezember überstanden hatten, wurden zerstört. Bewegung in die Lage kam erst, als Teile der 100. Division den Neckar bei Bad Wimpfen überquerten und über die Krumme Ebene nach Süden vorstießen. Da dieser Flankenangriff die Position der deutschen Truppen in Heilbronn bedrohte, zogen sich diese, nach weiterem langem Widerstand, am 13. April nach Osten zurück.
Traurige Bilanz
Das einst so schmucke Heilbronn war endgültig eine Ruinenstadt. Die Eroberung hatte die Amerikaner 60 Tote, 250 Verwundete und 112 Vermisste gekostet. Zahlen über die Verluste der Verteidiger nennt der Autor nicht. Die 100. Division setzte ihren Vorstoß nach Süden östlich von Stuttgart fort. Die Landeshauptstadt selbst wurde von den Franzosen besetzt.
Unbekannte Fotos Die Schlacht um Heilbronn war heftig und blutig, aber sie war keinesfalls, wie der Autor meint, die letzte große Schlacht gegen Nazi-Deutschland. Das Buch ist flüssig geschrieben und gut lesbar. Leider sind geographische Angaben teils nicht korrekt. Dafür enthält es eine Reihe unbekannter Fotos vom zerstörten Heilbronn aus den amerikanischen Nationalarchiv. Das Buch schließt eine Lücke in der Heilbronner Lokalgeschichte.




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