Der Tragödie letzter Teil
Ab heute wird bei Telefunken nur noch ausgeräumt und abgewickelt - 135 Stellen sind endgültig weg

Das Mittagessen in der Kantine am Freitag, erzählt eine Kollegin, sei für viele Telefunken-Mitarbeiter wie eine Henkersmahlzeit gewesen. Andere seien einfach gegangen, als ob sie am heutigen Montag wiederkommen würden an ihren Arbeitsplatz in der Halbleiterfabrik. Aber die Fabrik gibt es nicht mehr. Einst war sie das Herzstück des stolzen Heilbronner Hightechstandorts, in der Faschingswoche wurden die letzten Elektronik-Bauteile produziert. Dann wurden die Maschinen der insolventen Firma Telefunken Semiconductors abgeschaltet und von den Versorgungsleitungen abgeklemmt. Es ist eine Tragödie.
"Alles steht voll mit geschredderten Unterlagen", erzählt die Frau beim Feierabend-Tee im Inthegration. Sie arbeitet bei einer anderen Firma im Telefunkenpark, noch ist ihr eigener Arbeitsplatz nicht gefährdet. Jedenfalls noch nicht. "Als ich angefangen habe, hat mein Chef gesagt: Solange diese Anlagen laufen, ist der Arbeitsplatz sicher." Das war vor 26 Jahren. Jetzt sind sie abgeschaltet. Entsprechend deprimiert ist die Stimmung. Jeder hofft, dass die Produktion der anderen Firmen am Standort so wächst, dass der große Leerstand, den Telefunken hinterlässt, bald wieder gefüllt ist. "Aber jeder fragt sich auch: Wann bin ich dran?"

Kein Happy End
Für die 135 Mitarbeiter von Telefunken Semiconductors hat sich die Hoffnung auf ein Happy End nicht erfüllt. Aus der ersten Insolvenz waren sie vor einem guten Jahr noch als die Glücklichen herausgekommen, die bleiben durften, während fast 200 Kollegen in mehreren Tranchen ihre Papiere bekamen. Mit der nächsten Pleite ist auch für sie das Ende gekommen. Insolvenzverwalter Michael Pluta hat zum Abschied vergangene Woche noch ein Essen ausgegeben. "Sie haben bis zum Schluss voll mitgezogen," sagt der Sanierungsprofi. "Das ist nicht selbstverständlich."
An den harten Fakten ändert das nichts: Es ist aus. "Aus die Maus", sagt die Kollegin mit Galgenhumor. 20 Mitarbeiter dürfen in den kommenden Wochen die Anlagen noch abbauen und verschrotten − zum Teil stammen sie noch vom Ende der 1960er Jahre, als aus dem Elektrotechnik- ein Elektronikstandort wurde. "Zum Teil sind das hochgiftige Stoffe. Dafür braucht man kenntnisreiches Personal", sagt Rudolf Luz, der in den 16 Jahren die Fabrik für die IG Metall betreut hat. Die Abschiedsversammlung am Donnerstag war einer seiner letzten Termine hier − er tritt heute seine neue Stelle in der IG-Metall-Zentrale an. Als er 1999 in die Region kam, arbeiteten im Telefunkenpark noch 2500 Menschen. Mehr als die Hälfte der Stellen sind seither weggefallen.
Nach dem Aus der Telefunken-Produktion muss sich der gesamte Industriepark, der 1959/1960 als zukunftsorientierter Standort gegründet wurde, neu sortieren. Was das bedeutet, weiß auch Rudolf Luz noch nicht. Nur eines steht fest: Der Kostendruck nimmt weiter zu.
Niedergang
Während die oft langjährigen Telefunken-Beschäftigten sich jetzt neu orientieren müssen − Luz sorgt sich vor allem um die Zukunft der An- und Ungelernten − platziert Insolvenzverwalter Pluta mit ungewöhnlicher Deutlichkeit die Verantwortung für den Niedergang beim Management von Telefunken Semiconductors. "Das Unternehmen hat viel zu viele Schulden angehäuft", sagt er. "Schon lange vor dem ersten Antrag war es insolvent." Also vor dem Frühjahr 2013. "Und der neue Investor war schon nach vier Wochen wieder insolvent." Im Dezember 2013 hatte sich der neue Inhaber als großer Hoffnungsträger präsentiert. "Ich weiß nicht, was er sich vorgestellt hat", sagt Pluta. Was bleibt von diesem Kapitel Wirtschaftsgeschichte ist ein trauriges Kopfschütteln.

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