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Der letzte große Feiertag

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Vor 20 Jahren gewannen die A-Junioren des VfR Heilbronn völlig überraschend den DFB-Pokal.

Von unserem Redakteur Florian Huber
Volles Haus beim 3:1-Halbfinalsieg am 7. Juli 1996 gegen die A-Junioren von 1860 München. 2500 Zuschauer waren damals in Böckingen mit dabei. Das Frankenstadion war wegen eines Konzerts der Kelly Family nicht verfügbar. Beim Finale gegen Cottbus waren es dort dann 6000 Zuschauer. Foto: Archiv/Krüger
Volles Haus beim 3:1-Halbfinalsieg am 7. Juli 1996 gegen die A-Junioren von 1860 München. 2500 Zuschauer waren damals in Böckingen mit dabei. Das Frankenstadion war wegen eines Konzerts der Kelly Family nicht verfügbar. Beim Finale gegen Cottbus waren es dort dann 6000 Zuschauer. Foto: Archiv/Krüger

Der 14. Juli ist in Frankreich Nationalfeiertag. Es ist auch ein Heilbronner Feiertag, zumindest in Sachen Fußball. Heute jährt sich das 6:1 der A-Junioren des VfR Heilbronn gegen Energie Cottbus vor 6000 Zuschauern im Frankenstadion zum 20. Mal. 

Es war das furiose Finale einer Siegesserie, die mit dem Gewinn des DFB-Pokals endete. Es ist der einzige Titel von Relevanz einer Heilbronner Fußball-Mannschaft. So wie es aussieht, dürfte das auch so bleiben, bis die heute 37-/38-Jährigen das Rentenalter erreicht haben. Mindestens.

Aus den Teenagern von einst sind Väter geworden. Männer im besten Alter. Aber hier, in der Mannschaftskabine des Frankenstadions, sind sie wieder die A-Jugendlichen des VfR Heilbronn. Beim Ortstermin wird geflachst, als ob man in einer Zeitmaschine ins Jahr 1996 gereist wäre. In eine Zeit, bevor 18-Jährige schon in der Bundesliga kickten, Nachwuchsleistungszentren existierten. Nie mehr gewann seither eine Jugendmannschaft den DFB-Pokal, deren erste Mannschaft lediglich fünftklassig spielte, so wie das damals beim VfR Heilbronn der Fall war.

Jeder der Akteure von einst kennt noch die Ergebnisse von damals. Die Torschützen beim Weg ins DFB-Pokalfinale mit den Erfolgen über den SC Pfullendorf (3:2 nach Verlängerung), Karlsruher SC (1:0), Glashütte Jena (9:0) und 1860 München (3:1).

Ortstermin in der Umkleidekabine im Heilbronner Frankenstadion: (von links nach rechts) Michael Wenczel, Rüdiger Rehm, Peter Wagner, Sven Seeg, Tobias Schwarz, Robert Mucha, Rainer Baumgart, Mutlu Cehri und Onur Celik. Foto: Florian Huber
Ortstermin in der Umkleidekabine im Heilbronner Frankenstadion: (von links nach rechts) Michael Wenczel, Rüdiger Rehm, Peter Wagner, Sven Seeg, Tobias Schwarz, Robert Mucha, Rainer Baumgart, Mutlu Cehri und Onur Celik. Foto: Florian Huber

Das Halbfinale musste notgedrungen − die Kelly Family sang im Frankenstadion − in Böckingen im Stadion der Union ausgetragen werden. Dort werden die Aha-Kicker von damals als AH-Kicker an diesem Samstag (17.30 Uhr) zum 20. Jahrestag die Kickstiefel schnüren. "Mal wieder die VfR-Farben tragen", sagt Rainer Baumgart. Gegner der Pokalsiegertruppe von 1996 ist eine Auswahl um Unterländer Altstars und Heilbronns Oberbürgermeister Harry Mergel. "Wir müssen spielen, solange wir das noch können", sagt Tobias Schwarz. In zehn Jahren, zum 30-Jährigen, werden die Kinder der Kinder von damals ran müssen.

Es zwickt hier und da Denn der Fußball hat seine Spuren hinterlassen. Mannschaftskapitän Schwarz musste mit Mitte 25 aufhören − die Knie und die Hüfte. Peter Wagner hat im linken Knie kein Kreuzband mehr. Rainer Baumgart war bis vor kurzem noch beim SC Siegelsbach in der Sinsheimer Kreisklasse A aktiv. "Das ist nun mein Abschiedsspiel", sagt er − die Arthrose in der Hüfte.

Vor 20 Jahren, da waren die erfolgreichen Nachwuchskicker das Stadtgespräch. Heute ist der Fußball hier nur noch Stadtgespräch, wenn zu Pleiten, Pech und Pannen auch noch interne Querelen kommen. Das ist wohl auch der Grund, warum dieser Pokalcoup so besonders ist. Es gab seither ja nie wieder solch einen Festtag für eine Heilbronner Fußballmannschaft. Etwas Vergleichbares wie 1996 mit seinen Kumpels beim VfR, das hat Rüdiger Rehm nie wieder erlebt. "Das prägt unheimlich", sagt er. Woanders, "da war das mein Job". Erfolg mit Jugendfreunden ist anders, intensiver.

Rehm hat es von der Klasse von 1996 in Sachen Fußball am weitesten gebracht, keiner hat als Profi mehr Spiele bestritten. Er ist der Einzige, der von seinem Sport lebt, mittlerweile als Trainer des Zweitligisten Arminia Bielefeld. Obwohl Rehm vor 20 Jahren nicht unbedingt der Favorit dafür war, das waren andere wie Rainer Baumgart oder Tobias Schwarz, die zum Karlsruher SC II wechselten. Sieben, acht Spieler der goldenen Heilbronner Generation schafften es mindestens bis in die Oberliga.

Karriere

Das Gros der DFB-Pokalsieger ist nach der A-Juniorenzeit ausgezogen. Sie haben nie wieder das Heilbronner Trikot getragen. Weil sie wie Rehm oder Michael Wenczel (Augsburg, Ingolstadt) Karriere im Profifußball machten. Andere wie Rainer Baumgart und Peter Wagner kehrten zurück an die Badstraße − ohne dort dauerhaftes Glück zu finden. Sven Seeg stand für den Nachfolgeverein, den Fusionsclub FC Heilbronn, einst im Tor, Robert Mucha war hier vor einigen Jahren erst Berater des damaligen FCH, dann in der größten Not Interimstrainer der Landesligamannschaft. Heute vertreiben die Granden von einst Haarpflegemittel, leiten Autohäuser oder Stadtmagazine. Sie fahren Taxi, backen Brezeln und Kuchen oder arbeiten bei SAP.

Alle haben sie ihren Weg abseits des Spielfelds gefunden, fast alle stehen nach wie vor in engem Kontakt. Die Freunde von einst sind heute auch noch Freunde. Sie werden es auch in 20 Jahren sein. Und genau das dürfte mindestens genauso viel Wert sein wie der DFB-Pokalsieg anno 1996.

 

 

 

"Es lief einfach so, ich war ja fast überflüssig"

Von der Notlösung zum Pokalsieger-Trainer. Für den 64-jährigen Heidelberger Otto Frey war der Coup mit den A-Junioren des VfR Heilbronn 1996 sein schönstes Erlebnis als Trainer. Der Taxiunternehmer ist mittlerweile dreifacher Opa und zweiter Jugendvorstand beim Zweitligisten SV Sandhausen. Hier blickt er zurück.

 

Herr Frey, wie präsent ist bei Ihnen der DFB-Pokalsieg vor 20 Jahren im Alltag?

Otto Frey: Da denkt man immer mal wieder dran. Ich habe einen Ordner mit den Zeitungsausschnitten daheim. Das ist ein Schatz voller Erinnerungen. Ich blättere das ab und an durch. Wir waren damals ja sogar auf der Titelseite der Heilbronner Stimme. Wahnsinn, welche Euphorie damals geherrscht hat. Es war die schönste Zeit als Trainer, weil es eine sportlich wie menschlich besondere Mannschaft war und der Erfolg noch dazu kam.

Wann war klar: Mit dieser Mannschaft ist etwas Großes möglich?

Frey: Im Januar 1996 bei der 100-Jahr-Feier des VfR Heilbronn haben wir noch gewitzelt: Mensch, das wäre doch was, ein Titel zum 100. Geburtstag des Vereins. Die A-Jugend sollte sich für die neue Regionalliga qualifizieren, dazu kam dann der WFV-Pokalsieg. Im DFB-Pokal ging es nur darum, dieses eine Spiel in der ersten Runde zu genießen. Hauptsache, wir blamieren uns nicht. Und dann wurden es immer mehr Spiele.

Warum ist so wenig daraus geworden, so wenig beim VfR Heilbronn nachhaltig entstanden?

Frey: Naja, einige haben ja für die Aktivenmannschaft des VfR gespielt. Aber natürlich ist es schade, dass nicht mehr draus wurde.

Vor 20 Jahren hatten Sie ein Glückshemd als treuen Begleiter.

Frey: Welcher Fußballer ist denn nicht abergläubisch? Ich war es als Spieler − und später als Trainer natürlich auch. Bei einer Siegesserie meiner Mannschaft habe ich immer das gleiche Hemd angezogen, bis mal wieder ein Spiel verloren ging. Dann musste ich wechseln.

Und wo ist das Hemd heute?

Frey: Das habe ich nicht aufgehoben, es ist wahrscheinlich in der Altkleidersammlung gelandet.

Es gäbe hier in Heilbronn den einen oder anderen Verein, der ein Glückshemd gebrauchen könnte...

Frey: Stimmt, das habe ich auch gehört.

Was war das Besondere an dieser VfR-A-Jugend, die Sie eigentlich gar nicht trainieren wollten?

Frey: Ich war ja Jugendleiter. Nur weil wir niemanden für die A-Jugend gefunden haben, übernahm ich den Job. Die Stärke dieser Mannschaft bestand darin, dass sie am Ende eigentlich gar keinen Trainer mehr gebraucht hätte. Es lief einfach so, ich war ja fast überflüssig. Ich habe viele Mannschaften trainiert, aber zu keiner habe ich solch eine Beziehung gehabt wie zu dieser.

Als Prämie für den DFB-Pokalsieg spendierte der damalige VfR-Präsident Horst Eisele jedem Spieler 1000 Mark. Was haben Sie damit gemacht?

Frey: Das Geld gab es wirklich für die Spieler? Ich hielt das immer für einen Scherz. Tja, ich habe damals nichts bekommen, keinen Pfennig. Zumindest kann ich mich nicht daran erinnern. Aber wenn die Jungs das Geld erhalten haben, dann gönne ich ihnen das von ganzem Herzen.

 
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