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Der Hype um die schwarze Rolle

Die meisten Normalsterblichen dürften bis vor Kurzem nicht einmal geahnt haben, dass sie Faszien besitzen. Doch inzwischen ist der Hype um die – laut Duden – "sehnenartige Muskelhaut" riesig geworden. Dazu trägt auch die Vermarktung der "Black Roll" bei.

Von Valerie Blass
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Lesezeit  3 Min
Der Hype um die Rolle
 Foto: Blass

Jedes Fitnessstudio bietet Faszienkurse unterschiedlicher Prägung. Was hat es auf sich mit dem Fitness-Trend Faszientraining, und ist ein medizinischer Nutzen bei der Behandlung von Faszien überhaupt feststellbar? Das haben wir Dr. Boris Brand, Orthopäde, und Volker Sutor, Physiotherapeut, gefragt.

Die 1980er Jahre waren Atkins-Diät und Aerobic, die 1990er dann Low Carb und Yoga. Sind wir im Jahrzehnt von Veganismus und Faszienfitness angekommen?

Boris Brand: Der Vergleich mit dem von Jane Fonda gestarteten Aerobic-Trend ist sicher nicht falsch. Solche Trends gibt es in der Medizin immer wieder. Und: Altbekanntes kommt häufig zurück − manchmal in abgewandelter Form.

Volker Sutor: Genau. Eigentlich wird hier eine alte Trainingsmethode aufgegriffen. Die Rückkehr zum Bouncing, dem Wippen bei der Dehnung. Nur dass das jetzt eben top aufbereitet ist. Da steht eine Vermarktungsstrategie dahinter.

 

Faszientraining als ein von der Fitnessindustrie bewusst kreierter Trend?

Sutor: Faszientraining ist eine von vielen Behandlungsmethoden aus der Physiotherapie. So etwas wie eine Sportmassage − nur dass sich der zu Behandelnde quasi selbst mit der Black Roll massiert. Und dieses Schaumstoffteil, auf dem jeder seine Faszien selbst durchkneten kann, wird prima vermarktet.

Was bringt Faszientraining?

Sutor: Faszientraining hat ähnliche Effekte wie das Dehnen. Es tut sicher gut, um die Muskulatur, zum Beispiel nach dem Joggen, aufzulockern. Viele Triathleten schwören darauf. Als therapeutisches Konzept ist es eine von vielen Methoden.

Was sind Faszien überhaupt?

Brand: Mit dem Begriff Faszien ist das Bindegewebe gemeint, das die Muskulatur umhüllt und sich durch den ganzen Körper zieht. Also all das, was man früher nicht beachtet hat (lacht).

Sie behandeln also jetzt die Faszien, nicht mehr die Muskeln?

Brand: Wir behandeln Muskeln und Faszien. Die beiden sind ja auch schwer auseinanderzuhalten. Die Forschung im Bereich Faszien ist noch recht jung. Aber wir wissen schon, dass Faszien tendenziell mehr Schmerzen machen können als Muskeln. Denn die vielen Rezeptoren in dem Bindegewebe senden direkt ans Hirn.

Dann bearbeitet ein Therapeut also doch bevorzugt die Faszien, um den Schmerz des Patienten zu lindern?

Sutor: Ein guter Therapeut hat eine ganze Klaviatur an Maßnahmen, die er individuell, nach Bedürfnis des Patienten, einsetzt. Durch das Wissen um Faszien und die neuen Konzepte, die dadurch in die Behandlung einfließen, können wir eben inzwischen anders rangehen, das ist gut. Man muss aber trotzdem sehen: Die Arbeit an den Faszien allein ist nicht Lösung für alles.

Brand: Ich sehe eine gewisse Gefahr, dass Sportler durch den Hype um Faszien eindimensional unterwegs sind und nur noch das eine machen.

...weil das Faszienfieber grassiert?

Brand: Genau. Dabei muss man klar sagen: Eine Kräftigung kann man mit der Black Roll nicht erreichen. Wer das braucht, sollte unbedingt bei seinen täglichen Kräftigungsübungen bleiben. Manche Leute brauchen auch Stabilisation. Auch das kann man mit Faszientraining allein nicht erreichen.

Sutor: Und manchmal wird es auch ein wenig obskur.

Wie meinen Sie das?

Sutor: Ich habe vor Kurzem im Fernsehen einen Beitrag zum Thema Faszientraining gesehen, da ist die Rolle in den Händen mitgeführt worden, beim Bauchmuskeltraining. Das bringt natürlich nichts. Durch solch eine unkritische Nutzung wird die Methode, die eigentlich eine super Ergänzung ist, kaputt gemacht. Das ist wie beim Kinesio-Taping − also dem Umwickeln von Gelenken mit einem elastischen, selbstklebenden Band zum Beispiel zur Stabilisation (Anmerkung der Redaktion). Man kann nicht einfach irgendwo irgendwas draufkleben. Das ist sinnlos.

Man könnte also sagen: Faszientraining ja, aber nur unter Einsatz des gesunden Menschenverstandes. Stimmen Sie dem zu?

Brand: Faszientraining ist, sinnvoll angewendet, eine super Ergänzung im Training, bei der Therapie von Sportverletzungen und vor allem in der Regeneration nach dem Training, gar keine Frage. Und dabei sind dieselben Punkte und Kreuzungsstellen im Körper wichtig wie zum Beispiel bei Akupunktur oder Akupressur. Das hat also durchaus seine Berechtigung. Dennoch muss man nach den individuellen Bedürfnissen schauen.

Sutor: Zur Regeneration ist das super. Ich kenne kaum mehr Sportler, die keine Black Roll haben. Nehmen Sie eine Handball-Mannschaft. Der Therapeut kann eben nicht bei 25 Leuten ausmassieren. Das kann man damit selbst machen. Im medizinischen Bereich muss man aber viel zielgerichteter behandeln.

Physiotherapeut Manuel Krenkler aus der Praxis von Volker Sutor zeigt eine Faszienübung.
Der Hype um die Rolle
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