Burgspektakel: Hier wird Geschichte gelebt
Das Mittelalter lebendig werden lassen: Das mittelalterliche Burgspektakel zieht mit viel Programm und 50 Ständen die Massen an.
Nein, danke. Im Mittelalter leben? Niemals. „Ich will weder Pest noch Läuse haben, und ich will regelmäßig meine Zähne putzen können.“ Aber hin und wieder möglichst authentisch eine Marketenderin in einem Landsknechts-Heer zur Zeit der Bauernkriege mimen: Das findet Silke Burger klasse. Sie ist eine von rund 130 Menschen, die am Wochenende auf der Burg Hohenbeilstein das Mittelalter lebendig werden lassen. Die Besucher strömen in Scharen dorthin.

Der Kunstpelz an ihrem Wollumhang stört sie. Deshalb hat sich Silke Burger eben an einem der 50 Stände ein Hasenfell gekauft – mit Talern, wie die Euro hier heißen. Das näht sie jetzt an, nur mit Nadel und Faden natürlich. Vor ihr auf dem Holztisch: Zinnkrüge, Körbe, Holzbrettchen, ein Lederbeutel. An ihrem Kleid: keine Reißverschlüsse.
„Wir versuchen, in unserem Lager öffentlich nichts zu haben, was es damals nicht gegeben hat.“ Wir – damit meint Silke Burger die Kraichgauer Kampfsudler, eine Gruppe von Leuten, die sich ein paar Mal im Jahr verwandelt und Besuchern wie jetzt beim Mittelalterlichen Burgspektakel in Beilstein zeigt, wie es sich lebte in einem Lager der Landsknechte – einer oftmals rauen, zusammengewürfelten Söldner-Truppe. Mit eigenen Gesetzen und Regeln, außerhalb aller Ordnung. Und mit Marketenderinnen im Schlepptau. Die waren für alles zuständig: „Kochen und flicken, Kranke versorgen, plündern.“
Braten und Brotpudding
„Wir versuchen, authentische Rezepte zu kochen“, sagt Silke Burger, die im normalen Leben Sekretärin ist. Überm offenen Feuer selbstverständlich. Es gebe nur wenige erhaltene Kochbücher von damals. „Wie man ein teutsches Mannsbild bey Kräften hält“ heißt eines. Wie denn? Mit Braten, Hirsebrei, Erbsbrei oder Brotpudding.
Wo der Asphalt mit Stroh kaschiert ist und die Schläge des Schmieds hallen, wo Trinkhörner, Met und Schnabelschuhe verkauft werden, wo das WC Latrine heißt und über dem Würstchenstand „Braterey“ steht, da fühlt sich auch Frank Herrmann aus Dierhagen an der Ostsee wohl. Er ist ein Ostgote, oben weitgehend ohne, unten lederberockt, Teil der Band Cradem Aventure, die in Beilstein mit eigentümlichen Instrumenten gleich mehrfach auf der Bühne steht, und außerdem der Marktmeister des Mittelalterlichen Burgspektakels. Warum taucht er regelmäßig ab in die Geschichte? „Weil es ist wie in einer großen Familie.“ Die Szene kennt sich, schätzt die Herzlichkeit.
Bei Silke Burger und ihrem Mann Christian, einem Landsknecht natürlich und im Alltag Beamter, ist es das Interesse an der Historie. „Geschichte leben und sie ausprobieren – das macht doch Spaß.“ Schummeln auch. Landsknecht Jürgen Seefeld etwa gönnt sich gerade ein kühles Bier: aus dem Kühlschrank. Gut versteckt im mittelalterlichen Speichenrad-Zelt.

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