Als Heilbronn in Trümmern lag
Bilder der Zerstörung des 4. Dezembervon Stimme-Fotograf Hermann Eisenmenger

Montag, 4. Dezember 1944. Ab 19.18 Uhr wirft die britische Royal Air Force innerhalb von 37 Minuten 1,62 Millionen Kilogramm Bomben auf Heilbronn. Die Altstadt geht im Feuersturm unter. Die Zahl der Toten kann nur geschätzt werden, 6500, heißt es.
Das Datum hat sich tief ins kollektive Bewusstsein der Region eingegraben. Veranstaltungen und Mahnmale halten die Erinnerung wach, aber auch Zeitzeugen. Die damals 18-jährige Frieda-Maria Fichter hat ihre Erinnerungen erst jetzt, kurz vor ihrem 90. Geburtstag zu Papier gebracht (siehe unten).
Elke Eisenmenger stellt uns Fotos ihres Mannes Hermann Eisenmenger zur Verfügung, von denen wir einige hier zeigen, andere sind derzeit im Stadtarchiv ausgestellt. Die 84-Jährige erinnert sich gut, wie ihre Klasse nachmittags nach einem Voralarm von einer Lehrerin der Mädchenmittelschule am Hafenmarkt "heim geschickt" wird. Mit der Straßenbahn erreicht die 13-Jährige den Böckinger Sonnenbrunnen und "als schon Christbäume fallen", also Leuchtraketen, zu Fuß Frankenbach.
Ihr späterer Ehemann Hermann Eisenmenger kämpft am 4. Dezember 1944 noch als Soldat an der Ostfront. Am 8. Dezember schickt ihm seine Mutter eine Postkarte: "Wir leben alle. Haus steht noch." Am 13. Dezember notiert er in sein Tagebuch: "Habe im Radio gehört, dass Heilbronn angegriffen wurde". Erst am 30. Juli 1945 kommt er heim. "Heilbronn in einem trostlosen Zustand", notiert Eisenmenger. Und später: "Trümmeraufnahmen machen. Bin begeistert dabei."






Eine 89-Jährige erinnert sich
Sie hat in ihrem Leben schon viel mitgemacht − und verarbeitet. Aber eines lässt der 89-jährigen Frieda-Maria Fichter bis heute keine Ruhe: der 4. Dezember 1944. Fünf Tage vor ihrem 19. Geburtstag musste sie miterleben, wie Heilbronn in Flammen aufging. Die gebürtige Berlichingerin arbeitete damals als Kontoristin bei der Wirtschaftsvereinigung der württembergischen Landkaufleute im alten Industriegebiet, wenige Meter entfernt vom weithin sichtbaren Kaiser’s Turm. Von ihrem Chef, so erzählt sie, habe sie gelernt, "wie man sich gut ausdrückt", was der couragierten Dame auch später zupass kommen sollte, als sie mit ihrem Ehemann Max Fichter mit Erfolg eine Firma für Raumgestaltung führte.

Großangriff "Achtung, Achtung! Mit einem Großangriff auf unsere Stadt ist zu rechnen, rette sich wer kann!" Es war 19 Uhr. Frieda-Maria Fichter hatte gerade ihr Fahrrad im Souterrain ihrer Unterkunft an der Achtung-straße verstaut, als eine Lautsprecheransage durchs Haus plärrte. Plötzlich gingen die Lichter aus.
"Alle Bewohner kamen im Dunkeln in den Keller gerannt, schon hörte man ein markdurchdringendes Dröhnen der ersten Welle der feindlichen Flugzeuge. Wir lagen auf dem Boden und wollten uns an den Lattenzäunen festhalten, aber die Druckwellen haben uns hoch- und durcheinander geworfen. Wir hatten fürchterliche Angst und ich weiß noch, dass ich dem lieben Gott in meiner Not alles mögliche versprochen habe, wenn er mich noch einmal aus dieser Hölle rauskommen lässt." − "Beinahe nicht zu ertragen waren die wiederkehrenden Angriffswellen, weil man vorher hoffte, dass es das letzte Mal sei.

Diese unendlich bangen Minuten kamen uns wie eine Ewigkeit vor." − "Als wir annahmen, dass die Angriffe vorüber wären, haben wir uns tatsächlich erst selbst einmal mit den Händen befühlt und betastet, ob es wirklich sein kann, dass wir noch lebten."
Brandbomben Das Haus an der Achtungstraße in der Bahnhofsvorstadt war von Brandbomben getroffen, "wir mussten raus", fährt Fichter fort. "Zur Haustüre zu kommen war wegen der Schuttmenge schon nicht mehr möglich und durch ein Loch sahen wir, dass der Teer auf der Straße brannte, wir also nach vorne hin gar nicht mehr raus konnten. Durch ein rückwärtiges Fenster, das ich vollends eingeschlagen habe, sind wir dann rausgeklettert." − "Wir waren im Schock, wie betäubt. Die ganze Stadt stand in Flammen. Wir haben die Nacht im Freien verbracht, mit dem unsäglichen Gefühl der Ohnmacht und der Angst, doch noch durch explodierende Bomben oder in den Flammen umzukommen."
"Anderntags bin ich nach Hause gelaufen, 40 Kilometer bis Berlichingen. Gut zwei Tage habe ich gebraucht, allein durch Heilbronn einen ganzen, da es ja keinerlei Straßen mehr gab, nur Schuttberge und Bombentrichter."
Stimme.de