Nur noch Spätleerungen in Briefkästen der Stadt
Die Post hat in Heilbronn die werktägliche Morgenleerung von Briefkästen gestrichen – und die Leerungen auf die Zeit vom späten Nachmittag bis zum Abend konzentriert. Die Änderung wirft Fragen auf.

Warum? Und was heißt das für die Zustellzeiten? Kommen nun Briefe, die abends abgeholt werden, nicht mehr am Folgetag an, weil sich alles staut?
Die 9-Uhr-Leerung zum Beispiel an Briefkästen der zentralen Poststelle an der Allee war für Berufstätige eine schöne Sache. Auf dem Weg zur Arbeit morgens noch schnell den Brief eingeworfen, und man war beruhigt, dass er nach der frühen Leerung rasch bearbeitet und am nächsten Tag beim Adressaten ist.
Sortierung beginnt ohnehin erst nachmittags
Es war ein schöner Trugschluss. Die Morgenleerungen stammen aus einer Zeit, in der noch viele Briefe versandt wurden. In den Vormittagsstunden würden "nur noch wenige Sendungen eingeliefert", stellt Postsprecher Gerold Beck in Stuttgart fest. Es sei weder wirtschaftlich noch ökologisch vertretbar, wegen weniger Sendungen Fahrten durch die Stadt auszuführen.
Zumal dies die Laufzeit nicht beschleunige. Abgesehen von der Vorweihnachtszeit und anderen Spitzen beginne die Sortierung im Briefzentrum in den Böllinger Höfen für regulär abgehende Sendungen seit Jahren am späten Nachmittag. Die Verlagerung der Leerungszeiten sei auch dem Kundenwunsch geschuldet − weil viele Firmen ihre Post am Nachmittag zu den Briefkästen brächten.
Dass bei einer Konzentration der Leerungen auf die zweite Tageshälfte der Zustellfluss stockt, weist Beck zurück. Neue Lese- und Codiermaschinen könnten über 40?000 Sendungen pro Stunde sortieren. Briefe erfahren "keine Verschlechterung der Laufzeiten". Die Leerungen erfolgten so, dass auch weiterhin 95 Prozent der Briefe, die vor der letzten Kastenleerung beispielsweise um 19 Uhr eingeworfen werden, "am nächsten Tag beim Empfänger sind". Ausnahme seien Spätleerungen wie um 21 Uhr. Diese Briefe würden nur im Postleitzahlbereich 74 am nächsten Tag ankommen.

Letzter Lastwagen um 22 Uhr
Um wie viele Leerungen die Post ihr System reduziert hat, was sie dabei einspart, dazu macht der Sprecher keine Angaben. Allein schon aus Wettbewerbsgründen werde man diese Daten nicht kommunizieren, erklärt Beck. Man führe regelmäßig Messungen der Briefkasten-Füllgrade durch. Je nach Einzelfall und nach wirtschaftlichen Prinzipien "entscheiden unsere Niederlassungen dann über die Gestaltung der Leerungstouren".
Die Bearbeitung der Sendungen beginne im Briefzentrum Heilbronn seit Jahren in der Regel um 17.30 Uhr, bestätigt Andreas Springer-Kieß, Verdi-Betriebsgruppenvorsitzender Post, die Angaben. Frühe Leerungen hatten die Aufgabe, dass Briefkästen nicht überquellen. Verlagerte Leerungszeiten würden sich weder auf die Qualität der Briefzustellung noch auf Arbeitsplätze der Post-Mitarbeiter auswirken. Der letzte Lastwagen mit Briefen gehe abends im Heilbronner Briefzentrum um 22 Uhr raus. Springer-Kieß ist überzeugt, dass die Post durch gestrichene Leerungen sparen wird. Subunternehmern, die Briefkästen leeren, würden es zu spüren bekommen.
Auf dem Land leeren Postboten Briefkästen nebenbei mit
Auch in Kommunen wie Eppingen, Leingarten, Neckarsulm, Öhringen oder Lauffen gibt es nach unseren Recherchen werktags keine Briefkastenleerungen am Morgen im Stadtkern. In Löwenstein (8-Uhr-Leerung) dagegen schon. Der Postsprecher erklärt, dass sich in ländlichen Gebieten separate Abholfahrten wegen geringer Mengen nicht lohnten; Postboten würden Briefkästen auf ihrer Zustelltour vormittags mitleeren.
Heute befördert die Post die Briefsendungen aus Briefkästen größtenteils mit dem Lastwagen, teilweise auch mit dem Nachtflugzeug. Mit dem Zug wird die Post gar nicht mehr transportiert. Wie viele Briefe verloren gehen und ob diese in der 95-Prozent-Zusage enthalten sind, sagt der Postsprecher nicht. Diese Zahl "wird von keinem im Briefgeschäft tätigen Unternehmen kommuniziert".
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