Nach Massenschlägerei: Sehnsucht nach Normalität
Nach der Massenschlägerei im Adelsheimer Jugendgefängnis unter rund 50 Häftlingen ist die Stimmung hinter den Mauern noch immer angespannt.

Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Exakter kann man die Fahrt nicht beschreiben, die Baden-Württembergs Justizminister Rainer Stickelberger (SPD) gemeinsam mit Medienvertretern unternimmt. Denn eigentlich will Stickelberger in Adelsheim in aller Ruhe zeigen, wie der Jugendjustizvollzug im Land funktioniert. Und eigentlich will der SPD-Minister über den von Grün-Rot geplanten Gesetzentwurf zum Jugendarrest informieren.
Doch dann kam die Massenschlägerei unter rund 50 Häftlingen im Adelsheimer Jugendknast vor wenigen Tagen − und die Nachricht über den mysteriösen Tod eines Gefangenen in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Bruchsal. Eine gemütliche Fahrt in den Neckar-Odenwald-Kreis sieht jedenfalls anders aus.
Vorfälle
Ankunft im Jugendgefängnis Adelsheim. Das zehn Hektar große Areal ist von einer 1300 Meter langen und 5,50 Meter hohen Mauer umgeben. 442 Haftplätze gibt es, aktuell sind 326 belegt. Vor wenigen Tagen waren es noch 23 mehr, doch diese habe man nach der Massenschlägerei "in andere Standorte verlagern müssen", sagt die stellvertretende Leiterin der Justizanstalt, Maida Dietlein. Denjenigen, die nicht mehr in Adelsheim sind, drohen strafrechtliche Konsequenzen. Es geht um Gefangenenmeuterei und schwere Körperverletzung.

Auch Dietlein macht die Prügelei während eines Hofgangs noch schwer zu schaffen. "Wie es jetzt weitergehen wird, ist noch nicht entschieden", erklärt sie. Von den sechs verletzten Beamten, auf die die Inhaftierten einprügelten, sind fünf noch immer dienstunfähig.
Unter den über 200 Mitarbeitern herrsche große Verunsicherung, neun müssten noch psychologisch betreut werden, erklärt sie. Doch heute muss der Betrieb wieder funktionieren. "Die Gefangenen arbeiten erstmals seit den Vorfällen wieder normal", so Dietlein. Zuletzt sei alles nur ruhiggestellt gewesen. Die Sehnsucht nach Normalität ist groß.
Block E1, eines der sechs Gebäude, in dem sich die Zellen der Inhaftierten befinden. In E1 leben nur Insassen unter 18, 28 sind es aktuell. 6.15 Uhr Wecken und Frühstück, 6.45 Uhr Arbeit oder Schule, danach Mittagessen, dann Arbeit oder Hausaufgaben bis 15.25 Uhr, 16 bis 17 Uhr Hofgang, anschließend Abendessen, Freizeit bis 21.30 Uhr, Zellenabschluss. Ein Tag ist wie der andere. Die Zellen haben je acht Quadratmeter. Bett, Schrank, Klo und Waschbecken − mehr steht nicht drin. Ein Fernsehgerät kann gemietet werden, Internet gibt es keines. Ein einfaches Leben für junge Menschen, die teilweise wegen "erheblicher Straftaten" hier seien, erklärt Stickelberger. Die meisten sitzen wegen Körperverletzung, Raub und Diebstahl, bis zu fünf Prozent der Inhaftierten wegen Sexual- und Tötungsdelikten.

Einblicke in das Schulgebäude. Seit der Gründung 1974 wurden in Adelsheim 2503 Hauptschul- und 278 Realschulabschlüsse abgelegt. "Wir sind die effektivste Schule in ganz Deutschland", sagt Rektor Udo Helbig, der Kopf des zwölfköpfigen Lehrerteams.
Auf der gegenüberliegenden Seite des Geländes ist Andre Winkler der Chef. Er steht in der Werkstatt und zeigt einen fahrbaren Sandspielkasten, der von den Gefangenen gebaut wird und inklusive Untergestell 267 Euro kostet. "Im vergangenen Jahr haben wird 120 Exemplare verkauft", so Winkler. Der Griff zu Hammer und Nagel ist für die Inhaftierten auch eine Chance. 21 Ausbildungsplätze für den Beruf des Schreiners stehen zur Verfügung. Zusammen mit Berufen wie Bäcker, Koch, Maler oder Maurer sind es insgesamt 197 Plätze.

Vertrauen
Rund 50 Kilometer von Adelsheim entfernt, am nordöstlichen Rand Baden-Württembergs, liegt Creglingen-Frauental (Main-Tauber-Kreis). Hier versucht der Verein "Christliches Jugenddorfwerk Deutschland" junge Inhaftierte in einem alten Zisterzienserinnenkloster mit einem geordneten Alltag und viel Vertrauen wieder auf den richtigen Weg zu bringen. An ein Gefängnis erinnert hier nichts, die jungen Männer, die bis zu 18 Monaten hinter den Klostermauern leben, sind zuvorkommend und höflich.
Hier wirkt auch Minister Stickelberger wieder gelöst. Die Vorfälle von Adelsheim und Bruchsal scheinen plötzlich weit weg zu sein.
Stimme.de