Müll-Tourismus vom Landkreis in die Stadt floriert

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Viele Landkreis-Bewohner bringen ihren Abfall von Gelben Säcken bis zu Elektrogeräten auf die Recyclinghöfe in Heilbronn. Wir erklären, warum.

Von Alexander Klug
Das Recyclingsystem des Landkreises ist deutlich komplizierter als das in Heilbronn −  zum Beispiel können die Großstädter ihre Gelben Säcke entweder abholen lassen oder auf den Recyclinghöfen abgeben.
Foto: Alexander Klug
Das Recyclingsystem des Landkreises ist deutlich komplizierter als das in Heilbronn − zum Beispiel können die Großstädter ihre Gelben Säcke entweder abholen lassen oder auf den Recyclinghöfen abgeben. Foto: Alexander Klug

Der junge Mann mit schwarzer Baseball-Kappe und blauem VW-Polo trägt eine Handvoll ausrangierter Bilderrahmen zum Container. Er kommt aus Untergruppenbach auf den Heilbronner Recyclinghof gefahren - der Kofferraum ist gut gefüllt mit weiteren Gegenständen, die er in den Behältern lassen will. Er habe lange in der Nähe zu tun gehabt und sei deswegen den Weg gewohnt, sagt der Untergruppenbacher. "Das ist einfach praktischer."

So wie der junge Untergruppenbacher machen es viele Menschen im Landkreis: Sie bringen Abfälle, die eigentlich auf die Recyclinghöfe ihrer Städte und Gemeinden gehören, auf die sieben Höfe der Stadt Heilbronn.

Ärgerlicher Grünschnitt

Seit Jahren beobachte sie, wie die Bewohner umliegender Landkreisgemeinden Abfälle auf den Hof bringen, sagt die Frau mit orangefarbener Arbeitsweste - vor allem aus Flein, Lauffen, Untergruppenbach. "Aber auch Neckarsulm. Je nachdem, wo die Leute arbeiten." Ärgerlich seien vor allem die großen Mengen an Grünschnitt, die vorbeigebracht werden - im Gegensatz zu anderen Stoffen müsse die Stadt dafür Geld bezahlen. "Eine Rolle spielen sicher auch die längeren Öffnungszeiten der Heilbronner Höfe" im Vergleich zu denen im Landkreis. "Für eine effektive Kontrolle, woher die Leute kommen, sind es zu viele."

Volle Container

Eine Kollegin erzählt, dass sie auf verschiedenen Recyclinghöfen arbeite, und dass es ab und zu vorkomme, dass Heilbronner ihre Gelben Säcke wieder mitnehmen müssen, weil die Container voll sind. "Es geht nicht um einen einzelnen Hof. Zum einen kommen mehr Bad Wimpfener, zu einem anderen mehr Leingartener, zum nächsten mehr Neckarsulmer. Je nach Entfernung und Fahrwegen der Pendler."

Das Phänomen sei im Landratsamt bekannt, sagt Norbert Raatz. Er leitet den Abfallwirtschaftsbetrieb des Landkreises, einem Eigenbetrieb. Doch sei aus seiner Sicht der Umfang unklar. "Man wird nie verhindern können, dass jemand seinen Gelben Sack woanders in den Container wirft, wenn es geschickt auf dem Weg liegt", sagt er. Das Recyclingsystem des Landkreises hält er dennoch für das bessere. "Wir erreichen so eine Verwertungsquote von über 90 Prozent. Das gelingt mit dem Gelben Sack nicht. Dass das System des Gelben Sacks bequemer ist, ist unbestritten, aber wir stehen zu unserem."

Bringsystem vs. Holsystem

Seit Jahrzehnten setzt der Landkreis auf dieses Bringsystem: Die Bürger bringen ihre Abfälle auf den Recyclinghof - im Gegensatz zu den Gelben Säcken in Heilbronn, die regelmäßig abgeholt werden. "Die Wertstoffe sind bei uns ordentlich getrennt. Über den Verkauf generieren wir Erlöse und erreichen stabile Gebühren", sagt Raatz.

Auch bei den Entsorgungsbetrieben der Stadt Heilbronn ist der Müll-Tourismus bekannt. "Wir sehen das durchaus kritisch", sagt der Abteilungsleiter Abfallwirtschaft der Entsorgungsbetriebe, Markus Hohmann. Gar nicht so sehr aus finanziellen Erwägungen, "direkte Mehrkosten entstehen keine", wie er meint. "Aber durch die Anlieferung von Abfall aus dem Landkreis ergeben sich Platzprobleme. Wir können nicht einfach mehr Container aufstellen." Auch die Öffnungszeiten seien nicht beliebig erweiterbar, die Personalkapazitäten begrenzt.

"Schauen, was die Bürger wollen"

Hohmann stellt die Praktikabilität des Systems in den Mittelpunkt. "Man muss schauen, was die Bürger möchten. Sie erwarten eine ortsnahe, einfache Entsorgung", sagt der Abteilungsleiter. "Die bieten wir mit der Abholung. Wir haben das mit dem Wechsel von der Sammlung von Papier an Containern zu Papiertonnen erlebt. Das war ein Erfolg, weil die Leute es gut fanden, das Papier abgeholt zu bekommen."

Die Bewertung, welches System ökologisch besser ist, hält er für komplexer, als sie auf den ersten Blick wirkt. "Dafür müsste man eine umfangreiche Ökobilanz aufstellen", sagt Markus Hohmann. In diese müsste auch einfließen, wie viel Sprit die Leute verbrauchen, um ihren Abfall zu den Recyclinghöfen zu bringen. Auch die Effektivität der Verwertungskette müsste man dann genau beleuchten und bewerten. Wäre sie wirklich so schlecht, gäbe es das System nicht mehr."

 

 

Recyclingquote

In Deutschland wird laut einer Untersuchung der Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung rund die Hälfte der Verpackungen wiederverwertet, die in gelbem Sack und gelber Tonne gesammelt werden und der Rest (2015 waren es 45,6 Prozent) in Müllverbrennungsanlagen verbrannt. Vorgeschrieben sind mindestens 22,5 Prozent. 

 

 

 

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