Kolbenschmidt schließt Gießerei
Kolbenschmidt will am Standort Neckarsulm künftig keine Kolben aus Aluminium mehr gießen. Stattdessen möchte der Automobilzulieferer am Traditionsstandort künftig Stahlkolben herstellen.
Kolbenschmidt ohne Gießerei? An dieses Szenario müssen sich die Mitarbeiter des Neckarsulmer Automobilzulieferers gewöhnen. Am Dienstagvormittag hat das Unternehmen bei einer Betriebsversammlung die Mitarbeiter darüber informiert, was sich hinter dem angekündigten Standortkonzept für Neckarsulm verbirgt. Bis 2016 soll das Konzept mit dem internen Namen Phönix umgesetzt sein.
Neben der geplanten Schließung der Gießerei im Kolbenbereich - hier arbeiten etwa 85 Beschäftigte - ist ein zweiter Kernpunkt der Strategie die Suche nach einem Partner für den Geschäftsbereich KS Aluminiumtechnologie (Atag) mit momentan rund 900 Beschäftigten.
Die Kolbensparte soll am Standort Neckarsulm künftig neben Großkolben für Schiffe und Generatoren Stahlkolben für Nutzfahrzeuge und Pkw herstellen. Die Produktion von Aluminiumkolben soll hingegen an andere Standorten verlagert werden - vor allem ins tschechische Usti nad Labem.
Beschäftigtenzahl
"Bei dem Konzept geht es im Kern darum, dass Neckarsulm auch zukünftig eine wichtige Rolle als Fertigungsstandort der hier ansässigen Geschäftsbereiche der KSPG-Gruppe spielt", sagt Peter Sebastian Krause, Personalvorstand der Kolbenschmidt-Holding KSPG. Krause betont, dass die Konzernholding (70 Mitarbeiter) und die Steuerung des weltweiten Kolbengeschäfts mit allen Funktionen weiter in Neckarsulm bleiben sollen.

Die Hoffnung besteht aber, dass keine betriebsbedingten Kündigungen ausgesprochen werden müssen. Auch, weil bis 2016 relativ viel Zeit bleibt. Außerdem läuft aktuell ein Programm, über das bis zu 120 ältere Mitarbeiter freiwillig vorzeitig ausscheiden sollen.
Strategischer Investor
Bei der Atag geht es darum, durch eine Partnerschaft geplantes Wachstum zu ermöglichen. Weil es in der Motorblockgießerei aktuell eine sehr positive Umsatzprognose für die kommenden Jahre gibt, sind hohe Investitionen in Maschinen und Anlagen erforderlich. Diese Kosten würde das Unternehmen gerne mit einem Partner teilen und sucht deswegen nach einem strategischen Investor, wie der Belegschaft bei der Betriebsversammlung vorgestellt wurde.
Was heißt das für die Belegschaft? Der Standortbetriebsrat unter Vorsitz von Heinrich Kmett fordert für Neckarsulm schon seit Jahren ein "nachhaltiges Zukunftskonzept mit neuen Produkten und Investitionen zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit". Deshalb sind IG Metall und Betriebsrat grundsätzlich zu Gesprächen bereit. "Wir werden aber nur dann zu einer Vereinbarung mit der Geschäftsführung kommen, wenn die Regelungen verlässlich sind und von der Belegschaft mitgetragen werden." Schließlich habe es am Standort in den vergangenen Jahren trotz guter Zahlen schrittweise einen Personalabbau gegeben.
Beschäftigungssicherung
Für Heinrich Kmett hat daher eine Beschäftigungssicherung hohe Priorität - auch bei der Atag. Bis 2020, so lautet die Forderung der Arbeitnehmerseite, müssten die Jobs garantiert werden. "In den vergangenen Jahren wurde in den Standort nicht ausreichend investiert", kritisiert Kmett. Eine Fortsetzung dieser Politik gefährde den Standort insgesamt.
Der Neckarsulmer IG-Metall-Chef Dr. Rudolf Luz befürchtet, dass die Atag "je nach Investor in eine ungewisse Zukunft geraten kann". Einen Verkauf lehnt er deswegen strikt ab. Auch was die Verlagerung der Gießerei angeht, fordert Luz Verhandlungen über ein alternatives Konzept. Beim Thema Stahlkolben, die als geschmiedete Rohlinge von Zulieferern gefertigt werden, legt der Gewerkschafter Wert auf mehr Fertigungstiefe, um damit Arbeitsplätze und technologische Kompetenz zu erhalten.
Stimme.de