Region/Stuttgart

Keiner will mehr Styropor-Abfälle

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Die Entsorgung von Styropor in größeren Mengen ist weiterhin nicht möglich. Auch nach dem zweiten Erlass des Umweltministeriums nehmen viele Entsorger das Material nicht an, andere verlangen Preise, die einem Vielfachen des Neupreises entsprechen.

Von unserem Redakteur Christian Gleichauf
Wie hier in Lehrensteinsfeld stapeln sich auf vielen Baustellen die Säcke mit Styropor. Nun nehmen die ersten Entsorger das Material wieder an und verlangen bis zu fünf Mal so viel dafür, wie das Dämmmaterial neu kostet.
Foto: Dennis Mugler
Wie hier in Lehrensteinsfeld stapeln sich auf vielen Baustellen die Säcke mit Styropor. Nun nehmen die ersten Entsorger das Material wieder an und verlangen bis zu fünf Mal so viel dafür, wie das Dämmmaterial neu kostet. Foto: Dennis Mugler

Der Abriss des Gebäudes der ehemaligen Weingärtnergenossenschaft in Lehrensteinsfeld geht voran. Ein schwer lösbares Problem stapelt sich allerdings hinter einem Container. Styropor. Die alte Kelter hatte vor Jahren eine Wärmedämmung erhalten.

Über Jahrzehnte war den Platten das Flammschutzmittel HBCD zugesetzt worden - ein problematischer Stoff, wie man inzwischen weiß. Die behandelten Platten wurden deshalb ab Oktober zu "gefährlichem Abfall" deklariert. Seitdem füllen sich bundesweit die Säcke.

Das Land hat mit zwei Erlassen versucht, gegenzusteuern. Mit fragwürdigem Erfolg. Handwerkern aus der Region sind in den vergangenen Tagen die ersten neuen Preislisten der Entsorger ins Haus geflattert. So müssen die Auftraggeber damit rechnen, für jeden Kubikmeter des voluminösen Materials zwischen knapp 100 und deutlich mehr als 300 Euro zu berappen. Der geringere Preis kommt nur für HBCD-freies Material infrage. In der Vergangenheit lag er - egal ob HBCD-belastet oder nicht - bei unter 20 Euro.

"Das ist doch Wahnsinn, mit solchen Preisen können wir doch nicht arbeiten", sagt Michael Härle von MH Abbruch in Lauffen. Auch auf seinen Baustellen stehen Säcke. "Wenn es gefährlicher Abfall ist, dann darf ich es streng genommen nicht mal transportieren." Andere lassen vorübergehend ganz die Finger davon: "Wir haben alle Flachdachsanierungen auf Eis gelegt", sagt Paul Völter, Chef des gleichnamigen Holzbauunternehmens aus Obereisesheim. Eine Lösung ist das alles aber nicht.

Kein Umdenken

Das Umweltministerium in Stuttgart steht dazu, dass die Einstufung notwendig sei, und weist jede Verantwortung für die Folgen der Regelung von sich. "Die Preisgestaltung bei der Entsorgung von Gewerbeabfällen unterliegt den Mechanismen des Marktes", heißt es auf Stimme-Anfrage. Zudem sei im jüngsten Erlass eine Handwerkerregelung aufgeführt. "Danach ist der Transport HBCD-haltiger Dämmplatten in bestimmten Fällen ohne Entsorgungsnachweis und Begleitschein möglich."

Keine Profiteure?

Viele Entsorger sind allerdings noch immer nicht bereit, die sogenannten Monochargen anzunehmen, also Styropor in Säcken, nicht vermischt mit anderen Materialien. Offiziell Stellung nehmen wollen wenige. Im Hintergrund heißt es aber: Wenn dieser Notstand eine gute Möglichkeit wäre, Geld zu verdienen, dann wäre längst einer vorgeprescht. Tatsächlich haben erst jetzt die ersten Unternehmen Wege gefunden, das Material auch selbst wieder loszuwerden. HBCD-freies Styropor werde in Aufbereitungsanlagen anderen Abfällen untergemischt, so dass eine Verbrennung in Stuttgart oder Mannheim möglich ist. Früher hätten die Entsorger das selbst gemacht. HBCD-haltiges Styropor müsse in speziellen Anlagen verbrannt werden. Das koste.

Die Müllverbrennungsanlagen in Stuttgart-Münster und in Mannheim haben noch nicht einmal die Genehmigung beantragt, HBCD-haltiges Material verwerten zu dürfen. Hoffen sie etwa wie Handwerkskammerpräsident Ulrich Bopp darauf, dass die Regelung keinen Bestand hat? Er sagt: "Ich habe unsere Bundeskanzlerin beim Deutschen Handwerkstag in Münster gehört. Sie hat uns ihre Unterstützung zugesagt." Am Freitag ist HBCD Thema im Bundesrat. Der baden-württembergische Umweltminister Franz Untersteller machte gestern allerdings noch einmal Werbung für seinen Erlass: "Wir haben positive Rückmeldung bekommen."

 

 

Styropor

Das nun in Verruf geratene Dämmmaterial gibt es in verschiedenen Formen und Farben. Der korrekte Begriff für das betroffene Material ist Polystyrol, doch bekannt ist es unter dem Handelsnamen Styropor. Seit dem Frühjahr ist die Beimischung des Schadstoffs Hexabromcyclododecan (HBCD) europaweit verboten. Ungefährlich und von der Regelung nicht betroffen ist das weiße Verpackungsmaterial. 

 

 

 Foto: Mugler, Dennis

Kommentar: Sondermüllregel
Die Länder haben das problematische HBCD aufs Korn genommen. Der Schuss ging nach hinten los.

Die Entsorgungsbranche macht Geld mit dem, was andere nicht mehr haben wollen. Sogar umso mehr Geld, je unbeliebter ein Material ist. So entspricht es scheinbar dieser Logik, dass momentan die Verbrennung von Styropor bis zu fünf Mal so viel kostet wie der Kauf einer neuen Platte. Böse Branche.

Wirklich? Wir haben es hier mit einer Müll-Regelung zu tun, die nur dann funktionieren kann, wenn sie mit zahlreichen Ausnahmen wieder zurechtgebogen wird. Zum Beispiel dieser: Styropor ist zwar gefährlich, aber wir tun so, als wäre das nicht so, wenn im Bauabfall maximal 0,5 Kubikmeter pro Tonne zu finden sind. Wer so viel herumschrauben muss an einer neuen Verordnung, der darf sich nicht wundern, wenn Menschen erfinderisch werden. Es wird bereits von Fällen berichtet, dass dem Styropor auf der Baustelle schwere Steine beigemischt werden, um aus gefährlichem Abfall unbedenklichen zu machen.

Am Ende werden sich nur jene bestätigt fühlen, die von Styropor und dem ganzen Klimaschutz sowieso nichts halten. Dabei gibt es im Altbaubestand in Deutschland noch riesigen Sanierungsbedarf. Wer hier investiert, braucht aber die Rechtssicherheit, dass er sich mit einer Dämmung keinen Sondermüll ans Haus klebt.

Ihre Meinung? christian.gleichauf@stimme.de

 

 

 

 

 

 

 

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