Heuss-Briefe: Mannequin der Republik wollte er nicht sein
Mit unglaublicher Energie hat der frühere Bundespräsident Theodor Heuss in seiner Amtszeit in den 1950er Jahren Bürgerbriefe beantwortet und in seinen Antworten teilweise auch kein Blatt vor den Mund genommen.
In einer Lesung in der Heilbronner Stadtbibliothek hat Ernst Wolfgang Becker von der Heuss-Stiftung Stuttgart am Mittwochabend auf an die 30.000 Briefe verwiesen, die Heuss in seiner Amtszeit nach einer ganz groben Schätzung geschrieben habe. An einem Arbeitstag seien es an die zwölf Stück gewesen.
Teilweise habe er sie unter seinem Namen verfasst, teilweise unter dem Namen seiner Mitarbeiter, um nicht noch eine weitere Briefeflut von Bürgern auszulösen. „Er wollte die Bürger in die neue, ungefestigte Demokratie integrieren“, erklärte Becker den Hintergrund seines unglaublichen Pensums.
Freundlich, oft ironisch
Heuss, gebürtiger Brackenheimer, der in Heilbronn aufwuchs, war im Volk sehr beliebt. Jeden Tag verfasste oder diktierte er Antworten an die Bürger, oft freundlich, mit feiner Ironie, teilweise aber auch mit klaren, kritischen Worten in Richtung der Absender. Redenschreiber lehnte er kategorisch ab.
Einem Absender, der Heuss in seinem Amt des Bundespräsidenten als „nichtssagende Attrappe“ tituliert hatte, schrieb er zurück, dass der Mann wohl seine Reden „verschlafen“ habe. Und: Obwohl Heuss das Schreiben selbst verfasste, ließ er dem Mann unter dem Namen seines persönlichen Referenten in dem Brief ausrichten, dass er „auf solche Glückwünsche keinen Wert legt“.
Ein anderer Bürger kritisierte Heuss‘ Anzugsordnung, weil auf einem Pressefoto die Ärmel seines Fracks „zu lang“ und die Manschetten des Hemdes „zu kurz“ seien. Heuss verwahrte sich gegen solche Bevormundungen, schrieb dem Mann, er habe nicht den Ehrgeiz, das „Mannequin der Bundesrepublik“ zu sein und dass der Bürger angesichts seiner Kleiderordnung wohl „resignieren muss“.
Einem anderen Bürger, der Heuss von seiner Ähnlichkeit mit ihm berichtete, schrieb der Bundespräsident zurück, dass er derartige freudige Bekundungen in großer Zahl erhalte. Man überlege, ob man einmal eine Art Doppelgängertreffen veranstalten sollte.
Von wohl ausformulierten Antworten „jenseits diplomatischer Weichspülung“ sprach Stadtbibliothek-Mitarbeiterin Dorit Kuhnle. Derartige Aussagen in dieser offenen Direktheit seien heute nicht mehr denkbar. Im Zeitalter des Internets wäre sonst sofort „ein Shitstorm im Netz“ die rasche Folge.

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